Heiko Mell

Es gibt mehr als Geld + Status

Frage: In der Frage 2367 klingt eine Grundeinstellung durch, die mir mittlerweile erschreckend häufig begegnet, bei jüngeren Kollegen und Mitarbeitern ebenso wie im privaten Umfeld. Es ist die Missachtung aller Facetten des Berufslebens, die nicht Geld oder Statussymbole betreffen.
Dem Einsender jener Frage (bei dem sich tatsächlich alles um Geld, nicht gehaltene Einkommenssteigerungs-Zusagen, finanzielle Nachteile von AT- gegenüber Tarifverträgen drehte, H. Mell) möchte man zurufen:Seinen Chef beurteilt man nicht daran, ob er es schafft, 100 EUR mehr Gehalt für Sie „loszueisen“. Sie lernen ihn kennen beim ersten Fehler, den Sie beim Kunden machen. Oder bei der internen Präsentation, wenn Sie der Hauptabteilungsleiter eines anderen Bereiches fachgerecht auseinandernehmen will. Oder an dem Einsatz, mit dem er in Sie investiert (und auch hier zählen zuallererst nicht Euro, sondern Zeit und Mühen).
Gerade für den Berufseinsteiger gibt es wichtigere Dinge als das Gehalt. In unserer Profession sollte ein reguläres Arbeitsverhältnis problemlos die Grundbedürfnisse decken – ein außertarifliches erst recht. Wer darüber hinaus dem besten Köder hinterherjagt oder sogar lautstark Forderungen stellt und dabei Aspekte wie das Vertrauensverhältnis zu Vorgesetzten, ein Arbeitsumfeld mit fairer, menschlicher Leistungskultur oder die Chance zur persönlichen Weiterentwicklung hintanstellt, trifft eine weitreichende Entscheidung im Hinblick auf seine Zukunft.
Er mag sich das begehrte Cabrio oder den Tauchurlaub auf den Malediven ein wenig früher leisten können als andere. Er kann auch ein erfolgreiches und zufriedenstellendes Berufsleben haben. Aber er darf nicht ein oder zwei Dekaden später den „ruinösen Stresslevel im Job“, die „kannibalische Unternehmenskultur“, die „Unmenschlichkeit seiner (Ex-)Chefs“ und den „Werteverfall in unserer Gesellschaft“ beklagen: Er hat dieses Umfeld gewählt.

Antwort:

Zunächst einmal stimme ich Ihnen uneingeschränkt zu! Gerade in den ersten Jahren des Berufslebens sind die Persönlichkeit des Chefs und die Kultur des Unternehmens im Bereich der Mitarbeiterführung und -betreuung von ganz entscheidender Bedeutung für den beruflichen Erfolg des Mitarbeiters und für seine weitere Entwicklung.Insbesondere die Person des Chefs hat gewaltigen Einfluss. Manchmal findet man jemanden, der – gelegentlich sogar in fast väterlicher Form – den jungen Mitarbeiter lenkt, ihn fördert, ihm mit Rat und Tat zur Seite steht, mitunter sogar nahezu selbstlos Hilfestellung gibt (also ihm notfalls eines Tages rät, das Unternehmen zu verlassen und dabei auch noch als Referenz zur Verfügung steht). So etwas hilft ungemein – und ist geradezu unbezahlbar!

Oft, nicht zwangsläufig immer, findet man Chefs dieses Typs in Unternehmen mit vorbildlicher Gesamtkultur, weil beides durchaus in einem gewissen Zusammenhang steht (gute Chefs halten sich auf Dauer nicht in „Saftläden“).

Umgekehrt kann ein engstirniger, bösartiger, misstrauischer, eifersüchtiger oder pauschal schwacher Chef dem Mitarbeiter jegliche Freude am beruflichen Tun nehmen und jeden denkbaren Arbeits- und Karriereerfolg torpedieren, erschweren oder unmöglich machen.

Das alles dürfte unstrittig sein. Nun aber hat der Mitarbeiter, ganz besonders der junge Anfänger in diesem Zusammenhang zwei Probleme:

1. Wenn er tatsächlich bereits in dieser positiven Umgebung tätig ist – besteht die Gefahr, dass er gar nicht erkennt, hier im „beruflichen Schlaraffenland“ tätig zu sein. Ihm fehlen die Vergleichsmaßstäbe, er hält den positiven Ausnahmefall leicht für „normal“ oder einen Mindeststandard. Mit ein bisschen Pech stößt er sich vielleicht an irgendwelchen Kleinigkeiten, die er „unerträglich“ findet – und verlässt sein „Paradies“, ohne gemerkt zu haben, dass er in einem solchen war. Ich halte diese Gefahr für groß. Was lässt sich dagegen tun?

2. Wie kann gerade der junge, noch unerfahrene Mensch bei Bewerbungen merken, ob dieser potenzielle Chef und dieses Unternehmen im hier angesprochenen Zusammenhang besonders lobenswert oder besonders kritisch sind?

Als Versuch einer Antwort:

Zu 1: Wie gut die relevanten „Umstände“ im vorhandenen eigenen Umfeld sind, lässt sich keinesfalls im Vergleich mit einem möglichen Ideal feststellen! Da die Interessen des Chefs/Unternehmens definitionsgemäß von denen des Mitarbeiters abweichen (müssen), ist stets nur eine Annäherung an ein denkbares Optimum erreichbar, mehr nicht. Maßstab muss letztlich sein, was die anderen Firmen und Chefs bieten, was andere Angestellte erleben. Hier sind aktive Informationsbeschaffung (z. B. durch Lesen, Austauschen in Netzwerken, Recherchen), ständiger Vergleich (z. B. mit Freunden, Verwandten, früheren Kommilitonen) in Verbindung mit einem Blick für die Realitäten des Lebens gefragt.

Mit etwas gutem Willen lässt sich dieses Problem erfolgreich lösen (nicht erfolgreich hieße, aus „guten“ Umständen auf der Suche nach „sehr guten“ überhastet wegzustreben, nur um schließlich bei „ausreichenden“ Verhältnissen zu landen; die Gefahr ist groß).

Zu 2: Eine garantiert Erfolg versprechende Methode, als Bewerber ein „gutes“ oder „sehr gutes“ Umfeld sicher zu erkennen, gibt es nicht! Insbesondere der Berufsanfänger, dem es an Erfahrung und damit an Vergleichsmaßstäben fehlt, ist hier leicht überfordert.Für ihn ebenso wie für den berufserfahrenen Bewerber gibt es lediglich diverse Hilfsüberlegungen:

a) Je größer der Arbeitgeber, desto wahrscheinlicher bietet er mindestens auf Ebene „2 – 3“ liegende Gesamtumstände, auch entsprechen seine Cheftypen oft einem gewissen Einheitsstandard auf entsprechendem Niveau, Ausreißer nach unten sind eher selten, nach oben möglich.

b) Als Umkehrschluss gilt: Je kleiner, je mehr von der Person eines Inhabers abhängig und je tiefer in der Provinz angesiedelt die Firma ist, desto eher sind Extreme nach oben(!) wie nach unten möglich.

c) Vorsicht bei der Beurteilung von Äußerlichkeiten: Weder ein tolles Verwaltungsgebäude noch ein altes, schäbiges Wartezimmer für Besucher sind Beweise für irgendetwas.

d) Papier ist geduldig. Weder Hochglanzbroschüren noch Internetdarstellungen zeigen mehr als gute Absichten.

e) Oft bieten Firmen, die in ihrem Markt Leistungen zeigen (Marktführerschaft, Wachstum) auch ansprechende Umfeldbedingungen. Sicher ist auch das nicht.

f) Insbesondere hochrangige Chefs sind durch Geschäftskontakte gewohnt, aus besonderem Anlass (z. B. im Vorstellungsgespräch) ein gewinnendes, einnehmendes Wesen zu zeigen. Das muss nicht ihr Alltagsgesicht sein.

g) Letztlich bleibt Ihr „Bauchgefühl“ – wenn dem nicht zu trauen ist, bekommen Sie ohnehin Probleme.

h) Vertrauen Sie beim Kontakt mit dem künftigen Chef einer Uralt-Erkenntnis: Wenn er Ihnen sympathisch ist, sind Sie es umgekehrt ihm auch. Das ist anzustreben. Und unterschreiben Sie nie einen Arbeitsvertrag, ohne diese Person kennengelernt zu haben. Auch ein Kontakt mit künftigen Kollegen kann hilfreich sein.

i) Routine hilft! Das achte Vorstellungsgespräch und der dritte Arbeitgeberwechsel bringen auch Ihnen mehr als die allererste Erfahrung dieser Art.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2386
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 8
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-01-28

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