Heiko Mell

„Normale Menschen können mir nicht folgen“

Als Frage 2343 erschien der Beitrag eines Menschen mit Super-IQ, der als Preis dafür die Fähigkeit „verloren“ hatte, mit Durchschnittsbegabten kommunizieren zu können. Ich schrieb u. a., eine offen vorgetragene Arroganz erleichtere den Kontakt mit der weniger begabten Minderheit eher nicht. Wegen der Brisanz des Themas habe ich ein wenig gewartet, bis ich sicher sein konnte, alle Reaktionen gelesen zu haben; H. Mell):

Leser A: Ich habe eben die Frage und Ihre Antwort gelesen. Diese Antwort war bitter nötig! Wer sonst, wenn nicht Sie, kann so treffend formulieren!

Leser B: Eine Ergänzung zu Ihrer Antwort: Es gibt in Deutschland und weltweit den Verein Mensa, in dem sich Menschen wie er treffen, miteinander ins Gespräch kommen und andere spannende Dinge tun. Zu erreichen z. B. unter http://www.mensa.de .

Leser C: Muss das sein, Herr Mell, dass Sie einen jungen hochtalentierten Menschen dermaßen abbügeln? Was glauben Sie eigentlich, wie Ihre Besserwisserei bei jemandem ankommt, der vielleicht aus Unsicherheit heraus fragt, wo er seine Fähigkeiten am besten einbringen kann? Die Unsicherheit kann man durchaus verstehen, wenn man die Frage liest: Er fühlt sich unverstanden! Woher soll er wissen, wie er seine Frage „richtig“ formuliert? Sie sind Berater, da muss er ja die verfügbaren Informationen nennen. Täte er das nicht, wäre Ihre Antwort unpassend. Ist doch klar, oder?

Arroganz lese ich ausschließlich aus Ihrer Antwort. Dass Sie sich nicht einmal entblöden konnten, ihn auf seine zwei Flapsigkeiten hinzuweisen! Von promovierten erfahrenen Menschen kannte (fehlt hier „ich“?, H. Mell) so was bisher nicht.

Leser D: Ich habe mit Erstaunen Ihre Reaktion auf die Einsendung eines Hochbegabten gelesen. Der Verfasser verfügt m. E. sicher nicht über einen IQ von 148. Sein Ton ist ziemlich inkonsistent, das habe ich sofort erkannt. Er hat aber genau das formuliert, was Sie für Ihre Antwort gebraucht haben. Alle Achtung für den Einsender, aber das hat er gewusst.

Sie wurden einfach reingelegt, denke ich! Nun ja, das kann passieren.

Leser E: Die Frage hat mich sehr berührt. Ich war in meiner Jugend wohl ein ähnlicher Fall. Ich hatte trotz hoher Intelligenz (Durchschnitt 110) einen Durchschnitt von 2,3 im Abitur (nur in einem Fach eine Eins), ich war zu zerstreut und tat mich vor allem in Aufsätzen schwer. Mathematik hat mich meist gelangweilt. Und die Fächer, die mich am meisten interessierten, fielen mir schwerer als die weniger interessanten. Trotz meines Interesses am Deutschunterricht waren meine Deutschaufsätze immer an der Grenze zur Fünf.

Wenn Lehrer und Mitmenschen mit meinen Texten Probleme hatten, war das aber meine Schuld, nicht ihre!

Eine anspruchsvolle Doktorarbeit, die Sie empfahlen, ist aber nicht unbedingt eine Lösung: Bei meiner Doktorarbeit in einer fremden Stadt gab ich nach nur zwei Wochen auf, weil keiner am Institut dort mit mir mehr als nur das Nötigste redete. Ich landete dann in einer Psychoklinik und habe nie wieder versucht, eine Doktorarbeit anzufangen.

Kurzum: Ich rate Ihrem ratsuchenden hochintelligenten Studenten, sich schleunigst damit auseinanderzusetzen, wie Homo sapiens tickt. Mir brachte das Buch von Deborah Tannen „Du kannst mich einfach nicht verstehen!“ einen gewissen Durchblick. Auch Bücher in der Art des Buches über Frauen, die nicht rückwärts einparken usw., können ein bisschen weiterhelfen (vielleicht habe ich auch ein bisschen vom Asperger-Syndrom).

Was mich in Ihrer Antwort ansprach, war Ihre Erwähnung eines Nebenstudiums. Ich hatte neben einem sehr guten Diplom in E-Technik (dem Fach meiner Leidenschaft) in der damals üblichen Studiendauer auch noch Theologie bis zum Wissensstand des 5. Semesters studiert und ein bisschen Slawistik. Die ganze Woche nichts als nur ein einziges Fachgebiet hätte ich als junger Mensch gar nicht ausgehalten!

Antwort:

Ein sehr breites Spektrum teilweise sehr engagierter Stellungnahmen. Daran sieht man zunächst einmal, dass Antworten, die von allen Lesern geliebt werden, kaum möglich sind.

Zu einigen Äußerungen muss, zu anderen will ich etwas sagen:

Zu Leser C: Wenn ich dumm bin und mich unverstanden fühlte, muss/sollte mir jemand helfen – ich allein bin dann nicht in der Lage, mich verständlich zu machen. Wenn jemand aber intelligenter ist als andere, dann kann von ihm erwartet werden, dass er einen Teil dieser überlegenen Geisteskraft nutzt, um bewusst so zu reden, dass weniger begabte Menschen ihn verstehen. Ich verlange ja nicht, dass er dabei Spaß hat, ich erwarte ja nur, dass er die Bereitschaft dazu mitbringt und seine überlegenen Fähigkeiten gezielt einsetzt. Wer schneller laufen kann als andere, sollte auch in einer langsameren Gruppe mitlaufen können – sofern er das will.

Mit der Arroganz ist das so eine Sache. Dem Einsender habe ich sie unterstellt (und bleibe dabei) – aber er hat ja auch ein Problem, nach dessen Lösung er sucht. Und dem steht Arroganz im Wege.

Ich jedoch habe im Augenblick gar keine Hürde, über die ich möchte, aber nicht komme. Solange so viele Menschen das lesen, was ich schreibe, schreckt mich Ihr Vorwurf, arrogant zu sein oder zu wirken, nicht so sehr – in besinnlichen Momenten stimme ich Ihnen vielleicht sogar zu. Ich finde, es gibt Schlimmeres: alten Damen die Handtaschen zu stehlen oder 50 zu fahren, wo 70 erlaubt sind, z. B. Wie immer man dazu steht: Man braucht ein ziemlich dickes Fell, wenn man sich so viele Jahre lang so vielen unterschiedlich empfindenden Lesern stellt.

Fast ein wenig wütend gemacht haben Sie mich mit Ihrem „entblöden“ als Vorwurf; spontan hatte ich das als ziemlich wüste Beschimpfung eingeordnet. Aber mein Instinkt hat mich gerettet: Ich habe nachgeschaut, vorsichtshalber. Weil Ihr Stil eigentlich nicht zu reinen Schimpfwörtern zu passen schien. Und ich habe gefunden: „sich nicht entblöden“ ist gehobener(!) Sprachgebrauch und steht für „sich nicht scheuen“ – und das ist korrekt. Ich hatte das nicht gewusst (Seien Sie bitte vorsichtig damit, viele andere werden es auch nicht wissen!).

Zu Leser D, der mit seiner Meinung nicht allein war: Ich sei reingelegt worden mit einer „getürkten“ Zuschrift.

Also, liebe Leute, möglich wäre es natürlich, dass da mal jemand etwas konstruiert, um hinterher sagen zu können: „Ätsch, Sie haben es nicht gemerkt.“ Ich finde, bei unserer Art des anonymen Abdrucks von Einsendungen wäre das weder besonders schwer, noch besonders fair anderen Einsendern gegenüber. Ich kann schließlich keinen Privatdetektiv auf vermeintlich Ratsuchende ansetzen – und mit solchen Aktionen mein Misstrauen gegenüber späteren Einsendern zu schüren, das hilft auch niemandem.

Aber es gibt zwei wesentliche Argumente meinerseits gegen die „Reinfall-Theorie“:

1. Bis heute – und es sind jetzt einige Wochen vergangen – hat sich niemand gemeldet und triumphiert, er sei es gewesen, alles sei erfunden, es sei nur darum gegangen, mich auf den Arm zu nehmen. Er müsste natürlich exakt unter demselben Absender auftreten wie damals.

2. Ich habe für solche Fälle (Echtheitsprüfung) nur meinen Instinkt. Meist scheint der zu funktionieren. Denn warum hatte ich ausgerechnet an meine damals abgedruckte Antwort ein „PS“ angehängt mit diesem Text:

„Ich bin nicht immer frei von Zweifeln, kann aber die Authentizität einzelner Zuschriften nicht nachprüfen. Maßstab ist: Denken Leute so? Ich fürchte, diese Bedingung wird erfüllt.“ Damit würde ich in diesem Fall ein „Reingelegt, Herr Mell“ auch dann nicht mehr akzeptieren, wenn ein Bekennerschreiben gekommen wäre. Ist es aber nicht – und nun wäre es dafür zu spät.

Zu Leser E: Es ist immer interessant, andere Betroffene kennenzulernen. Obwohl man nicht immer wissen kann, wie bestimmte Erfahrungen zusammenhängen: Sie können auch zwei verschiedene „Krankheiten“ gleichzeitig haben, die gar nicht miteinander verzahnt sind – Husten und Beinbruch, beispielsweise. Dann muss man sich vor Verallgemeinerungen hüten wie z. B. „immer, wenn man sich das Bein bricht, muss man husten“. Wobei die Schwäche meines Beispiels darin liegt, dass Hochbegabung selbstverständlich keine Krankheit ist.

Ich meine hier mit dem Husten Ihre Aussage, Sie wären mit der „Doktorarbeit in einer fremden Stadt“ nicht zurechtgekommen und „in einer Psychoklinik“ gelandet. Das gilt sicher nicht pauschal für alle Hochbegabten.

Typisch für diese hingegen sind schwächere Schulnoten (kein Umkehrschluss möglich!), Langeweile im Unterricht, eklatante Schwächen in einzelnen Fächern. Als besonders wertvoll empfinde ich Ihre Aussage, es sei eben Ihre Schuld gewesen, wenn andere Menschen nicht mit Ihren Texten oder Problemen zurechtgekommen wären. Ich will gerne noch eine gewagte Theorie an den Schluss stellen: Einem überdurchschnittlich Begabten müsste es eher leicht fallen als schwer, sich in allen Niveaubereichen verständlich auszudrücken, Fachdisziplinen auch dann bravourös zu meistern, wenn sie ihn weniger interessieren – und er sollte sich erst dann auf „ich langweile mich hier“ zurückziehen, wenn er dort uneingeschränkt auf „Auszeichnung“ steht.

Schlimmstenfalls können Sie jetzt den Kopf schütteln und sagen: „Da merkt man aber, dass dieser Mell keinesfalls hochbegabt ist.“ Was vermutlich stimmt. Aber ich tröste mich: Durchschnittlich begabt zu sein und vielleicht arrogant ist weniger schlimm als hochbegabt und anmaßend es wären. Und liebe Leser, verlangen Sie nun nicht, dass diese Serie nur von IQ-Leistungsträgern geschrieben wird. Wenn es stimmt, was hier gesagt wurde, würde man die ja gar nicht verstehen (das war jetzt eher zynisch).

Frage-Nr.: 2377
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 51
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-12-18

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