Heiko Mell

Mögen Chefs keine Mitarbeiter ihres Alters?

Frage: Stimmt der Inhalt des folgenden Zitats mit Ihren Erfahrungen überein?
„Die Leute an den Schalthebeln, gewöhnlich lebensfrische Vierziger und Fünfziger, haben es nicht gern mit Untergebenen (pardon: Mitarbeitern) aus ihrer eigenen Altersklasse zu tun, die ihnen in vieler Hinsicht ebenbürtig sind, es eben nur nicht ‚richtig nach oben“ geschafft haben. Sie sind zwar vielerfahren, haben in der Regel ‚beste Betriebskenntnisse“ [Wortwahl geändert], kennen aber auch zu viele Herrschaftstricks, durchschauen sofort Sprachregelungen und Wichtigtuereien und werden deshalb ziemlich oft ziemlich unbequem. Besser sind da doch junge, ‚heiße“, schnell einsetzbare und noch schneller umsetzbare Leute, die nicht leicht aus der Laune zu bringen sind und sich deshalb viel mehr gefallen lassen.“ Günter Zehm („Pankraz“), Junge Freiheit 14.08.09.

Antwort:

Ich bewerte ganz bewusst weder den Urheber des Zitats noch das Medium, in dem es erschienen ist (beide sagen mir nichts) und setze mich ausschließlich mit dem Text auseinander.Ich komme, bezogen auf die mir vertraute Industriewelt, zu einer ähnlichen Aussage – allerdings mit anderem Aufhänger und anderer Begründung. Während Zehm offenbar durchschimmern lässt, dass dies gegen die Leute an den Schalthebeln spricht, sehe ich zwar eine ähnliche Konstellation, verstehe aber die industriellen Top-Manager und sehe die Ursache für solche Abneigungen eigentlich eher bei den Mitarbeitern.

Meine Argumente sind diese:

1. Top-Manager („die Leute an den Schalthebeln“) haben nichts gegen unterstellte Mitarbeiter ihrer Altersklasse, sofern diese ebenfalls Führungskräfte und etwa eine, höchstens zwei Hierarchiestufen unter ihnen angesiedelt sind. Konkret: Ein Geschäftsführer akzeptiert problemlos einen Bereichsleiter seiner Altersklasse, ein Hauptabteilungsleiter ebenso einen unterstellten Abteilungsleiter. Beide sind jeweils aus gleichem Holz wie der Vorgesetzte geschnitzt, wollten bzw. wollen weiter nach oben und verstehen sich grundsätzlich – was nicht ausschließt, dass sie sich nicht ausstehen können oder als Rivalen auftreten.

2. Ein Problem sind hingegen oft – aus der Sicht der Schalthebel-Manager – vergleichbar ausgebildete, ebenso langjährig erfahrene, auf ihrem Fachgebiet meist hervorragend befähigte unterstellte Mitarbeiter aus deutlich tiefer angesiedelten Hierarchieebenen, im kritischsten Falle mit Funktionen ohne Führung und ohne klassische Karriereerfolge.

Da kommt es sehr oft zu Verständnisproblemen: Aus der Sicht dieser Mitarbeiter „entlarven sie ihre Chefs leicht als Phrasendrescher und Schaumschläger“, aus Sicht der Chefs „verstehen sie nicht, worum es hier geht“, sie haben „entweder keinen Ehrgeiz oder keine Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung“ oder sonst etwas in der Art.“Recht“ haben im Sinne unserer Spielregeln die Top-Manager. Um hoch aufzusteigen und sich oben zu halten(!), muss man irgendwie so sein wie sie sind.Setzen wir uns mit jenen unterstellten Mitarbeitern auseinander: Wenn Sie Stellenanzeigen analysieren, dann werden Sie feststellen, dass geforderte Erfahrung auf irgendeinem Sachgebiet praktisch nie umfassender als „fünf Jahre“ definiert ist (wenn „langjährig“ da steht, reichen meist auch jene fünf, in seltenen Ausnahmefällen vielleicht zehn Jahre).

Das Zehm-Zitat spricht von (rein ausführenden, also nicht führenden) Mitarbeitern, die gleichaltrig mit Top-Managern in den Fünfzigern sind, also auch „um 50“. Diese Mitarbeiter waren mit 26 (als Promovierte mit 31) Jahren fertig. Im Rahmen der eben genannten Zeiträume wird von ihnen maximal ein Alter zwischen 31 (26 + 5) und 41 (31 + 10) gefordert. Wer mehr Alter bietet, liegt außerhalb des Rasters (ist nicht etwa „besser“, wie Laien immer denken). Er muss jetzt bei Bemühungen auf dem Arbeitsmarkt bereits mit Vorbehalten rechnen, die mit jedem Jahr stärker werden. Auch wenn heute wegen der unseligen Antidiskriminierungsgesetzgebung nur noch Fachleute Stellenanzeigen entschlüsseln können, ist es einfach Tatsache: Fast niemals werden rein ausführende Mitarbeiter von 45 oder 50 gezielt gesucht, oft laufen ihre Bewerbungen ins Leere.

Hat man solche Mitarbeiter intern, muss man sich als Manager mit ihnen arrangieren. Was auch durchaus möglich ist – sofern die Mitarbeiter nicht versuchen, Vorurteile im Sinne des Zitats zu bestätigen.Etwas überspitzt ausgedrückt: Mitarbeiter mit gleicher Ausbildung wie ihr deutlich ranghöherer, aber gleichaltriger (mittelalter) Vorgesetzter müssen erkennen, dass – im Sinne der geltenden Spielregeln – sie potenzielle Problemträger sind, nicht etwa ihr Chef. Natürlich ist ein solcher Mitarbeiter nach zwanzig Sachbearbeiterjahren ein durch und durch versierter „Oberfachmann“ seines Metiers. Es fällt ihm schwer, Anweisungen eines gleichaltrigen Chefs mit vergleichbarer Ausbildung zu akzeptieren, der fachlich eindeutig „weniger Ahnung“ hat, aber eben umfassende Verantwortung trägt(!), Menschen führt (oft sogar führen kann) – und einen Job ausübt, der schwer zu erringen und dem Unternehmen ein X-Faches der eigenen Entlohnung wert ist. Zu bedenken ist dabei auch:Nach den Spielregeln wird grundsätzlich der „beste“ Sachbearbeiter Gruppenleiter, der beste von den Gruppenleitern wird Abteilungsleiter etc. So wird es gesehen – woraufhin der nichtführende Sachbearbeiter von 50 ein Problem hat, wenn er sich definieren will (selbst wenn er vielseitig fachlich qualifiziert und erfahren ist).

Nun müssen wir nur noch die Spielregeln dieser Serie akzeptieren: Ich erläutere, wie es läuft in der Praxis, Diskussionen darüber, ob das optimal ist oder verdammungswürdig, haben hier keinen Platz.Fazit: Ihr Zitat beschreibt die möglichen Probleme durchaus zutreffend, erkennt auch richtig die Überqualifikation solcher Mitarbeiter als Ursache. Aber es liefert aus unserer Sicht eine Betrachtung von einem falschen Blickwinkel aus. Die Mitarbeiter dieser Art sind nicht betroffen, sie sind das Problem.

Kurzantwort:

Von ausführenden Mitarbeitern wird oft fundierte Erfahrung im Metier gefordert. Das bedeutet aber nur ganz selten mehr als fünf Jahre. Darüber drohen Bedenken z. B. von Bewerbungsempfängern wegen Überqualifikation und Einordnungsproblemen unter gleichaltrige Chefs mit vergleichbarer Ausbildung.

Frage-Nr.: 2368
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-11-20

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