Heiko Mell

Forderung nach Umzugsbereitschaft unsinnig?

Frage: (Jubiläums-Einsendung): Ich spreche die bedingungslose Forderung nach Flexibilität an, die Herr Mell erhebt. Die Bereitschaft zum Wechsel nach Berlin muss derjenige erfüllen, der Kanzler werden will. Auf der unteren Karrierestufe ist die Forderung unsinnig. Hier reicht es, in einem bestimmten Raum (Ruhrgebiet, Rhein-Main-Gebiet) flexibel zu sein. Wenn das nicht reicht, gibt es auch keinen Grund, sich auf Deutschland oder die EU zu begrenzen.Personalleiter sollten wissen, dass Leistungsfähigkeit nicht nur von dem Willen zur Leistung, sondern auch vom Umfeld (Heimat, Schulen der Kinder, Freunde, Lebensgefühl) des Arbeitenden abhängt. Zudem ist höhere Fluktuation teuer, ebenso sind es Halteprämien für potenzielle Wandervögel.

Antwort:

Das Thema berührt Sie emotional, Sie haben sich über Forderungen nach beruflich bedingten Wohnortwechseln offensichtlich geärgert und zürnen allen, die davon auch nur reden. Zorn aber ist ein schlechter Ratgeber, er trübt die klare Sicht auf Fakten und Logik.Zunächst zu zwei von Ihnen genannten Aspekten:

1. Die Sache mit dem „Raum“, der völlig ausreichende Chancen böte: Das mag ja für die beiden Ballungsräume in Grenzen zutreffen. Aber es wohnt doch durchaus nicht jeder so, dass ein großer Kreis potenzieller Arbeitgeber täglich problemlos (bis ca. 40 km einfache Entfernung) erreichbar ist.

Die Menschen wohnen auch in Eckernförde, in Meldorf, in Wismar, in Parchim, in Lennestadt, in Krumbach und Kaufbeuren. Dort ist es sehr „dünn“ um berufliche Alternativen bestellt, wenn man wechseln muss oder will und den Umzug verweigert. Es gibt viele Orte in Deutschland, von denen aus nur ein beruflich passender Arbeitgeber erreichbar ist. Was raten Sie denen?

Da Sie den Wert der Heimat so betonen, heißt das doch dann: Leute, achtet darauf, wo ihr geboren werdet – bevorzugt Ballungsgebiete! Ich finde das etwas gewagt.

2. Sie sagen, wenn das mit der Suche in einem (wohnortnahen) Raum nicht reicht, gebe es auch keinen Grund, sich auf Deutschland oder die EU zu begrenzen.

Abgesehen davon, dass ich nie von einer solchen Begrenzung gesprochen habe: Was ist denn das für eine Theorie?

Statt nach Kiel zu ziehen, wo man im vertrauten Lande bleibt, eine vertraute Muttersprache spricht, wo die Kinder in einem doch immerhin ähnlichen Schulsystem aufwachsen, dann lieber gleich nach Katmandu oder Kairo (beides außerhalb der EU)? Und die gelegentliche Wochenendreise ins frühere Umfeld ist innerhalb Deutschlands auch etwas einfacher zu lösen.Nein, hier sind Sie übers Ziel hinausgeschossen. Zum Kern des Themas: Die Umzugsfrage ist eines der größten Probleme im Zusammenhang mit der Besetzung anspruchsvoller Fach- und Führungspositionen. Unternehmen mit den ganz großen Namen, die noch dazu in ergiebigen (vom Arbeitsmarkt her) Ballungsräumen sitzen (Beispiel: BMW in München) merken davon nichts, aber die Müller & Sohn GmbH in Burghausen kämpft stets mit einer Haltung von Bewerbern, die Ihrer Einsendung entspricht.

Pauschal „über alles“ betrachtet gilt in dem Zusammenhang:

a) Jeder ist in seiner Entscheidung frei und setzt seine Prioritäten nach eigenem Ermessen. Aber jeder Einzelaspekt hängt mit jedem anderen zusammen, das Verlagern des persönlichen Interesses in eine Richtung bedeutet zwingend, andere zu vernachlässigen.

b) Der Wert einer Festlegung erweist sich im Extremfall: Im Zweifel muss jeder entscheiden: lieber arbeitslos oder beruflich unglücklich am vertrauten Wohnort oder doch lieber umziehen (was einige Menschen ja trotz anderweitiger Gerüchte schon überlebt haben).

c) Wer ein akademisches Studium optimal in eine erfolgreiche Berufslaufbahn umsetzen will, muss den gesamten deutschen Arbeitsmarkt mit in seine Überlegungen einbeziehen.

d) Die Kinder mit ihren Schulangelegenheiten sind eher das kleinere Problem. Selbst wenn sie ein Mal(!) ein Jahr verlieren sollten: Ein arbeitsloser Elternteil zu Hause ist auch nicht gerade die Ideallösung für Heranwachsende. Es kommt immer auf den Einzelfall an.Wesentlich gravierender sind oft die mit dem Beruf des Partners zusammenhängenden Schwierigkeiten. Hier hilft mitunter wirklich nur ein höchst individueller Kompromiss.

e) Die Leistungsfähigkeit eines Arbeitnehmers hängt tatsächlich auch vom familiären Umfeld ab. Aber sie ist ebenso abhängig von der gut zu den eigenen Ansprüchen passenden beruflichen Umgebung. „Hier ziehe ich niemals weg, komme was da wolle“, ist ebenso unklug wie „immer wenn ich einen neuen Job haben möchte, muss die Familie in jedem Fall umziehen“.

f) Wer am Wohnort klebt, reduziert beim Wechsel seine Chancen gegenüber dem zwischen Flensburg, Frankfurt/Oder oder München flexiblen Bewerber etwa (ganz grob) auf ein Fünfzigstel. Wer aber bundesweit sucht, findet in den dafür üblichen sechs Monaten höchstens fünf unterschriftsreife Vertragsangebote. Ein Fünfzigstel von fünf ergibt 0,1 – so viel zu den Chancen auf ein Top-Angebot ohne Umzugsbereitschaft.

g) Wir erobern Weltmärkte, sprechen von Globalisierung, erwarten von Bewerbern extrem oft Fremdsprachenkenntnisse und zunehmend Auslandserfahrung. Zu diesem Umfeld passt die Verweigerung jeder Wohnsitzveränderung einfach nicht.

Kurzantwort:

Der Steinzeitmensch wohnte in seiner Höhle und jagte Mammuts. Davon lebte seine Familie. Zogen die Mammutherden weg, zogen viele Jägerfamilien hinterher. Andere blieben in ihrer Lieblingshöhle: Sie starben aus. Grundprinzipien ändern sich nie (nach dieser Theorie würden wir alle von umzugsbereiten Vorfahren abstammen – aber nicht jedes Talent vererbt sich).

Frage-Nr.: 2325
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 25
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-06-17

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