Heiko Mell

Präsentation schlägt Inhalt

Frage (Jubiläums-Einsendung): Mir gefällt dieses nicht: Wer viel Energie in eine geschönte Präsentation des Produkts und wenig in dessen Qualität steckt, kommt weiter als jemand, der auf verlogene Werbung verzichtet und mehr Aufwand in die Qualität steckt.
Das trifft auch für das Thema Gehalt/Karriere zu.

Antwort:

Grundsätzlich ist das so, auch ich schreibe oft darüber. Man kann das bedauern – es ist aber ein Grundprinzip der Marktwirtschaft. Und es ist ein Basisbaustein unseres gesamtgesellschaftlichen Systems. Beweis dafür: Wir, das Volk, wählen unsere Vertreter. So weit, so gut. Aber man lässt uns nicht einfach wählen – man setzt uns vorher dem Wahlkampf aus, einer „Werbung“ pur.

Nehmen wir einmal an, die Politiker wüssten, was sie da tun. Dann wäre es tatsächlich nicht besser für sie, in den letzten Jahren einfach still vor sich hinzuarbeiten und nüchtern darüber zu informieren – sondern es wäre wirklich erfolgversprechender, im letzten Jahr eher gar nichts mehr für die Sache zu tun und stattdessen „geschönte Präsentationen der Produkte“ (die wir „kaufen“, also wählen sollen) anzubieten. Und manche dieser Wahlwerbeaktionen waren, wie sich später herausgestellt hat, durchaus „verlogen“ in irgendeiner Form.

Wenn das in der Politik so ist, kann es in der Wirtschaft eigentlich kaum besser sein. Denn die Politik tut ja immerhin noch so als ginge es ihr um das Wohl der Allgemeinheit, die Unternehmen sagen jedoch ganz offen, dass ihr Hauptziel der eigene Profit ist. Das System funktioniert irgendwie, es gibt keine sich irgendwo bewährt habenden Alternativen, die mehr Freiheit und Wohlstand für alle versprechen.Nennen wir es ein unverzichtbares Element der Marktwirtschaft, dass wir zwar auch gute Produkte brauchen, dass aber Marketingstrategie, Werbekonzept, Platzierung im Markt und Imagepflege entscheidende Erfolgsfaktoren sind. Es ist ja tatsächlich nicht so, dass nur Unternehmen mit schlechten Produkten in die Pleite rutschen oder dass alle erfolgreichen Firmen nur höchste Qualität liefern würden. Oder dass alle gewählten Politiker … (lassen wir das).

Ich fürchte, was Sie anprangern, ist gewollter und akzeptierter Teil von Wirtschaft und Gesellschaft. Das wird sich nicht ändern. So ist ein „gutes Produkt“ nach offizieller Definition eines, das sich gut und gewinnbringend verkauft – nicht etwa eines von guter Qualität, das wie Blei in den Verkaufsregalen liegt.

Und wenn das „draußen“ so ist, dann muss(!) das zwangsläufig innerhalb der Unternehmen auch so sein, sonst produziert das System ja nur ständig Reibungsverluste.Die Lösung für Sie: Akzeptieren Sie diese Gegebenheiten einfach. Ein guter Mitarbeiter – der gut bezahlt und schnell befördert wird – ist einer, der auf zwei Beinen steht: Er muss gute Arbeit leisten und sich gut „verkaufen“. Auch die Entwicklungsingenieure in der Automobilindustrie müssen akzeptieren, dass ihre Autos nicht nur der überragenden Technik wegen gekauft werden – alle paar Jahre muss(!) ein neues Modell her, das nicht besser sein muss als das alte, aber neuer. Ein großer Teil der Kaufentscheidung hängt an Faktoren wie Image der Marke, Design – und an der Frage „was fährt mein Nachbar?“.

Ja meinen Sie denn, ich durfte 25 Jahre lang hier nur wegen meiner überragenden Fachkenntnisse auf dem Sektor Personalwesen schreiben und nicht auch wegen meiner Fähigkeit, den Aussagen mitunter eine „geschönte Präsentation des Produktes“ angedeihen zu lassen? Was ich schreibe, muss nicht nur (meistens) gut und richtig sein, die Leute müssen es auch noch gern lesen.

Bitte hören Sie auf, sich gegen ein Grundprinzip unseres Systems aufzulehnen. Sie verschleißen sich nur und können(!) nichts erreichen. Um nach geltenden Maßstäben ein „guter Ingenieur“ zu sein, braucht es nun einmal mehr als hervorragendes technisches Wissen und Können. Ich wünschte mir nur, das Verständnis dafür würde während des Studiums eingehender (oder überhaupt) vermittelt.

Kurzantwort:

Beruflicher Erfolg hängt auch von der Fähigkeit ab, sich selbst werbewirksam zu präsentieren. Wer demgegenüber 100 % seiner Energie nur in die Qualität seiner Arbeit/seines Produktes steckt, ist im Nachteil (Grundprinzip der Marktwirtschaft).

Frage-Nr.: 2319
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-06-03

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