Heiko Mell

Hochbegabt: Mell setzen, sechs

Ihre Ausführungen zu Frage 2.296 habe ich äußerst interessiert gelesen – und war am Ende enttäuscht. Müsste ich Ihren Beitrag benoten, bekäme er ein „Thema verfehlt – sechs“.

Hier zeigt sich ein grundlegendes Problem, mit dem ich auch zu kämpfen habe: Bisher niemand, mit dem ich mich unterhalten habe, und der nicht selbst betroffen war, verstand die Problematik (richtig). Ähnlich wie bei Eltern, deren Sorgen um die Kinder von jemandem ohne Kinder kaum nachvollzogen werden können.

Zuerst noch etwas Formelles: Eine Hochbegabung ist oft, wenn nicht sogar meistens, punktuell. Besondere Fähigkeiten auf der einen Seite können mit deutlichen Schwächen in anderen Bereichen einhergehen.

Und das ist schon ein Teil des Dilemmas. Nur auf einem begrenzten Gebiet hochbegabt zu sein bedeutet, dass die Unzulänglichkeiten oder auch nur das „Normalsein“ auf anderen Gebieten dazu führen können, dass man im (Berufs-)Leben scheitert.

Um so wichtiger ist es, seine Befähigung ins rechte Licht setzen zu können, also eine Tätigkeit zu finden, bei der genau das verlangt wird, in dem man gut ist. Ich bin seit neun Jahren als Ingenieur tätig und habe immer wieder mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Vor kurzem bin ich in einer Leistungsbewertung herabgestuft worden, da ich die Anforderungen meines Chefs nicht zu dessen Zufriedenheit erfülle. Der Grund hierfür ist, dass ich mir im Arbeitsalltag selbst Herausforderungen suche und Probleme anderer (gefragt oder nicht gefragt) sehr kreativ und zu deren Freude löse. Dadurch fehlt mir Zeit für meine Haupt-Aufgaben. Für die Firma ist das (meiner Meinung nach) ein Gewinn, mein Chef sieht das verständlicherweise anders.

Ihr Artikel „Zufriedenheit – der Güter höchstes?“ (Notizen aus der Praxis Nr. 339 vom 09.01.2009) liegt als Kopie auf meinem Arbeitsplatz, um mich immer wieder an meine Aufgabe zu erinnern. Allein – es hilft wenig.

Meine Arbeit ist gewiss nicht langweilig. Aber ich möchte mir das Gehirn zermartern, möchte immer wieder aufs Neue Probleme lösen, die ein hohes Maß an Kreativität, Vorstellungsvermögen und logischem Denken verlangen. Und da war für mich jede Tätigkeit, die mir bisher untergekommen ist, auf Dauer nicht befriedigend. Die Einarbeitungszeit verlangt noch etwas ab, aber sobald Routine (auch positive) einkehrt, fehlt etwas.

Ich habe auch schon mit dem Gedanken gespielt, in eine Unternehmensberatung zu wechseln, sofern ich feststellen kann, dort richtig aufgehoben zu sein. Beförderungen kommen als Problemlösung kaum infrage, da es mir schwerfällt, schon die einfachsten Grundbedürfnisse meines Chefs zu dessen voller Zufriedenheit zu erledigen. Darauf angesprochen, fehlt ihm das Verständnis. Es wird nicht erkannt, dass es die Hauptaufgabe meines Jobs sein sollte, wechselnde Probleme zu lösen. Das ist meine Stärke, das ist mein einziger Tätigkeitswunsch. Es geht mir nicht um eine Verschönerung der herrschenden Verhältnisse.

Was ist der richtige Job für mich?

Antwort:

Die Frage 2.296 hat durchaus ein breites Echo gefunden. In der Auseinandersetzung mit den Einsendungen sind mir allerdings Grenzen gesetzt: Wir reden hier, wenn wir echte (partielle) Hochbegabung ansprechen, über ein winziges Segment der Zielgruppe. Andererseits sind die Betroffenen intelligent, haben Freude an der intellektuellen Auseinandersetzung (schreiben sehr gern und ebenso viel). Hier von mir fühlen sie sich zwar immer noch unverstanden, aber ich schaffe wenigstens vorübergehend ein Forum für dieses seltene Thema.

Wir wollen die Diskussion dazu nicht uferlos ausweiten, das verstehen Sie sicher. Ich habe diese Zuschrift als typisch für mehrere empfunden. Lassen Sie mich, der ich als intelligenter Pragmatiker ein prinzipiell unangenehmer Gegner für Leute mit allzu intellektuellen Höhenflügen bin (aber vielleicht auch fähig, beide Seiten zu verstehen), so argumentieren:

1. Die Welt der (größeren) kommerziellen Unternehmen ist von Standards, von Normung und Austauschbarkeit(!) der Teile und der Menschen geprägt. Jede Organisation muss Aufgaben und Zuständigkeiten so festlegen, dass jeder Mitarbeiter – egal auf welcher Ebene – problemarm ersetzbar ist. Wenn das siebente Zahnrad von oben in meinem Automatikgetriebe verschlissen ist, greift jemand in die Kiste mit der Aufschrift „Teile-Nr. 47/B/0815“, baut „blind“ ein Teil davon ein – und mein Getriebe läuft wieder. Das Prinzip gilt auch für Mitarbeiter, sogar für Vorstandsvorsitzende.

Diese Welt gehört Menschen mit Standardqualifikationen, die überall, wo sie tätig sind, „gut“ und in zwei oder drei Disziplinen sogar „sehr gut“ funktionieren. Mehr ist nicht nötig, um einen Konzern „am Laufen“ zu halten, Genie ist nicht Voraussetzung. Dieses Prinzip habe ich nicht geschaffen oder begründet, es war schon vor mir da.

2. Kommerzielle Unternehmen haben den Zweck, ihre Eigentümer glücklich zu machen. Nebenbei, als „Schmutzeffekt“ sozusagen, geben sie vielen Mitarbeitern Gelegenheit, dort ihr Brot zu verdienen. Dass sie die Mitarbeiter auch glücklich machen sollen, steht nirgends. Allenfalls kann man sich darüber unterhalten, dass zufriedene Mitarbeiter besser arbeiten – aber dann ist diese Zufriedenheit Mittel zum Zweck, mehr nicht.

3. Ihr armer Chef kann und darf nicht anders handeln. Es ist absolut unmöglich, die Abteilung so umzubauen, dass Ihnen Ihre Lieblingsaufgaben zufallen und der Rest sich das Verbleibende teilt. Ich gestehe Ihnen zu, dass ich es für möglich halte, mit solch einem speziellen System eine Abteilung von deutlich höherer Effizienz/Produktivität o. Ä. m. zu schaffen. Aber um den Preis der Vergänglichkeit! Würden Sie das Team verlassen, bräche alles zusammen – denn die „Ersatzteilkiste“ mit Ihrer Nummer ist leer, es gibt keine austauschbaren Mitarbeiter Ihrer Qualifikation. Ihr Ausscheiden würde Chaos auslösen.

4. Nachdem Sie mit dem direkten Angriff angefangen haben („Thema verfehlt“), darf ich kontern:

Mir scheint, einige sich hochbegabt fühlende Menschen machen es sich in manchen Bereichen auch etwas einfach. Tenor: „Ich bin hochbegabt, man erheitere mich. Was alle anderen täglich tun – freiwillig oder zwangsläufig – ist mir nicht zumutbar.“

Wissen Sie, wir normalen (im Sinne von Standard) Menschen haben auch unsere Vorlieben und Abneigungen, mögen manches und würden anderes lieber tun. Jeden Tag. Und wir gehen mit Selbstdisziplin und Pflichterfüllung an unsere Aufgaben, ohne ständig zu jammern, dieses und jenes sei uns nicht zumutbar. Und leisten auch dort etwas, wo wir uns etwas zwingen müssen, das zu tun.

Aber diese Betrachtung kann darunter leiden, dass man betroffen sein müsste, um mitreden zu können (aber muss ein Psychiater selbst krank sein, um seine Kranken verstehen zu können?).

5. Bleiben wir bei 1. bis 3. Die logische Konsequenz: In größeren kommerziellen Unternehmen, in denen man mit genormten Bauteilen auch auf Mitarbeiterebene arbeitet, sind Sie nicht richtig eingesetzt. Wenn Sie so denken wie von Ihnen dargestellt, können Sie dort nicht glücklich werden.

Bleiben andere berufliche Tätigkeiten: in der wissenschaftlichen Forschung, am Uni-Lehrstuhl, im Institut, in der Selbstständigkeit (in der eigenen Firma könnten Sie später einmal Ihre Position auf Ihre Bedürfnisse zuschneiden und den Rest Angestellten zuweisen – die mir dann Briefe schreiben, ihr Chef sei absolut unmöglich), als freier Künstler o. Ä. m.

Was die Unternehmensberatung angeht, bin ich etwas skeptisch. Bevor man sich dort die individuellen „Rosinen“ aus dem Arbeitskuchen picken kann, hat man sehr viel Einsatz und hohe Arbeitsdisziplin zeigen müssen. Und bevor ich hier schreibe, Unternehmensberatung sei nur etwas für Hochbegabte, die anderweitig nicht brauchbar sind, halte ich mich dann doch lieber zurück.

Natürlich gibt es zahlreiche Beispiele von exzentrischen Leuten, die irgendwo Tüftler oder Erfinder waren und wenn schon nicht die Menschheit, so doch die Technik oder die Wissenschaft vorangebracht haben. Aber es gibt auch noch zahlreichere Beispiele von Leuten, die sich einfach nicht ins bestehende Arbeitssystem integrieren wollten und den Beweis anderweitiger besonderer Fähigkeiten zeitlebens schuldig blieben.

Wie dem auch sei: Dies ist das Forum für gut bis sehr gut begabte, zur Einordnung in vorhandene berufliche Systeme bereite, ehrgeizige Akademiker. Wir wissen, dass wir damit nicht 100 % der Menschheit zufrieden stellen können und mit unseren Maßstäben manchen Individualisten rat- und orientierungslos zurücklassen. Aber als Trost: Sie könnten sich immer noch leichter zu einem Verhalten nach Normvorstellungen zwingen oder überzeugen lassen als einer von uns anderen sich zur partiellen Hochbegabung entwickeln könnte.

Sehen Sie, ein Super-Soldat ist keiner, der so toll schießt, dass er es sich leistet, seine Vorgesetzten nicht zu grüßen, sein Bett nicht zu machen und Geländedienst zu verweigern. Ein guter Soldat hingegen macht das alles gelassen, ungerührt und ohne sich damit zu belasten, wie ihn das langweilt – und dann schießt er einfach besser als die anderen. Oder er gründet eine kleine private Kunstschützentruppe („die Meisterschützen – wir treffen alles“) und pfeift aufs Bettenbauen.

Mein wichtigster Rat an Sie: Dort, wo Sie suchen, können Sie nicht fündig werden. Das Prinzip des Systems steht dagegen.

Kurzantwort:

Kommerziell ausgerichtete Unternehmen und andere größere Organisationen sind so aufgebaut, dass ihre Arbeitsplätze standardisiert sind und die idealen Mitarbeiter ebenfalls gewissen Normen/Standards entsprechen. Wer da sagt, das wolle oder könne er für sich nicht akzeptieren, muss anderswo suchen.

Frage-Nr.: 2303
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 18
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-04-01

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