Heiko Mell

Kritiklos bis zum Untergang?

Ich nehme Bezug auf Ihren Beitrag (Notizen aus der Praxis Nr. 339) zur Mitarbeiterzufriedenheit. Ihre Aussagen sind sicher richtig für das bestehende berufliche System und einmal mehr hilfreich für das berufliche Vorankommen des Einzelnen (1).

Jedoch fehlt mir an dieser Stelle ein kritischer Umgang mit der von Ihnen an anderen Stellen öfters zitierten Unvollkommenheit des Systems. Wenn die einzige Aufgabe des Angestellten in der Zufriedenheit des Vorgesetzten besteht, bekommt das für mich den Beigeschmack von Obrigkeitstreue und fast schon militärischen Strukturen (2). Erstere wird ja gerade den Deutschen oft nachgesagt, die Situation in den hierarchisch aufgebauten beruflichen Systemen anderer Länder ist aber wahrscheinlich vergleichbar. Diese Einstellung widerspricht jedoch dem in Stellenanzeigen (3) oftmals geforderten unternehmerischen Denken (4).

Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass die Geschäftsführung ein junges Unternehmen u. a. durch das starre Festhalten an anfangs festgesetzten Zielen „an die Wand gefahren“ hat, was letztlich zur Liquidation und zum Verlust aller Arbeitsplätze führte. Bleiben hier den Mitarbeitern wirklich nur die beiden Möglichkeiten, rechtzeitig die Flucht zu ergreifen, wenn sie die Fehlentwicklung erkennen oder treu bis zum Ende kritiklos alle Anweisungen auszuführen und mit unterzugehen (5)?

Nach Ihrer Ansicht gehört es nicht zu den Aufgaben des abhängig Beschäftigten, sich Gedanken um das Wohlergehen des Unternehmens zu machen. Dabei verfügt der Angestellte aber oftmals über andere Informationen als die Geschäftsführung, z. B. über die Außenwahrnehmung des Unternehmens durch seine direkten Kundenkontakte. Oder sollte sich in den Unternehmen nicht vielleicht eine Fehlerkultur entwickeln, die es den Mitarbeitern erlaubt, Kritik an Vorgesetzten und ggf. an strategischen Entscheidungen zu äußern, ohne dass es negative Folgen für sie hat (6)? Dies könnte eine Diskussion ermöglichen, die letztlich dem Unternehmen als Ganzes Nutzen stiften kann. Gewiss würde eine dahingehende Entwicklung sehr langwierig sein, aber auch ganze Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme unterliegen dem Wandel und entwickeln sich weiter (7).

Antwort:

Ich habe die wichtigsten Punkte Ihrer Frage durchnummeriert und gehe getrennt darauf ein.

Zu 1: Für diesen einleitenden Hinweis bin ich Ihnen sehr dankbar. Denn jede „Aktion“ (wie auch diese Karriereberatung eine ist) muss ein klare Zielsetzung haben – und sich dann auch noch daran halten. Und diese Serie richtet sich mit ihren Antworten jeweils gezielt an den einzelnen Fragesteller und lässt durch die öffentliche Darstellung andere Leser daran teilhaben. Diese sollen lernen (können), ohne betroffen zu sein – oder noch besser: bevor sie betroffen sind. Eine volkswirtschaftlich-gesellschaftspolitische Gesamtbetrachtung dahingehend, was für Staat und Gesellschaft besser sein könnte, ist nicht unser Thema.

Ich will aufklären darüber, wie das System funktioniert und wie der einzelne Angestellte sich am reibungslosesten und Erfolg versprechendsten darin bewegt. Ich weiß, dass dieses System ebenso unvollkommen ist wie die Menschen, die es gestaltet haben, es ständig weiterentwickeln und die darin und davon leben. Ich verzichte darauf, mich in Verbesserungsübungen zu verzetteln. Das halte ich für fair: Über meinem Geschäft steht groß „Metzgerei“. Ich bestreite nicht, dass es auch interessant sein könnte, nur oder wenigstens viel Gemüse zu essen – aber bei mir bekommen Sie Fleisch, Bemühungen um Systemveränderung der Marktverhältnisse für Lebensmittel ausdrücklich nicht inbegriffen.

Das hat – u. a. – auch praktische Gründe: Ich habe große Mühe, deutschen Akademikern nahezubringen, wie dieses System funktioniert (und dass es „mittelständisch“ heißt, nicht „mittelständig“). Wenn jetzt auch noch jeweils dabei stünde, diese Regelung sei zwar so, das sei aber falsch oder unvollkommen, besser wäre dieses und jenes, aber das sei Zukunftsmusik und dürfe bei eigenem Vorgehen noch nicht Maßstab sein, dann verlöre der Leser vollends die Übersicht. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass eine gut geführte Metzgerei auch ihre Bedeutung für die Allgemeinheit hat – auch wenn sie „nur“ das liefert, was draußen dransteht.

Zu 2: Beide „Beigeschmäcke“ sind richtig empfunden. Militärische Grundlagen des Führungssystems der Wirtschaft sind nicht zu leugnen, schließlich hatte Cäsar schon Legionen, lange bevor man wusste, dass es eines Tages eine Industrie geben würde. Also hat die Wirtschaft dann auf dem vorhandenen militärischen Modell aufgebaut, dessen Wurzeln sind ganz eindeutig sichtbar.

Die Frage nach der „Obrigkeitstreue“ bringt uns zu einer Zentralfrage: Was steht ganz oben – unangefochten oben – ,wenn wir eine Prioritätenliste aufstellen, in der wir festhalten, wonach sich ein Unternehmen auszurichten hat, wessen Ziele dominieren, wem alles andere nachzuordnen ist? Die Antwort ist völlig klar: Nach „Recht und Gesetz“ stehen ganz oben auf der Liste die Interessen der Eigentümer. Alles andere ist nachgeordnet. „Ganz oben“ und „Obrigkeit“ – so weit ist das nicht weg voneinander. Da wir zusätzlich noch Firmenstrukturen in Pyramidenform haben – die „Spitze“ ist oben, die „Basis“ unten -, innerhalb derer die Entscheidungsträger von oben nach unten ernannt werden, liegen Sie mit Ihrem Beigeschmack auch hinsichtlich der „Obrigkeit“ nicht ganz falsch – wir benutzen nur diesen Begriff hier nicht (mehr).

In Ihrer Obrigkeitstreue steckt „Treue“ als Zentralbegriff (eine „Haustür“ ist mehr Tür als Haus, das Prinzip gilt auch für andere zusammengesetzte Wörter). Wir verwenden auch diesen Begriff nicht, wir sprechen von Loyalität, aber so furchtbar verschieden sind die Bedeutungen nicht (wenn man einmal untersucht, was im Sprachgebrauch gemeint ist).

„Oben“ stehen also die Eigentümer mit ihren Interessen. Die bezahlen Sie (kein unwichtiger Aspekt!) und denen gegenüber haben Sie loyal zu sein (also „treu“). Da diese Eigentümer das Management ernennen, haben Sie Ihre „Treue“ also auch auf dessen Mitglieder auszudehnen. Das ist so, hat sich in der Praxis so eingespielt und ist durch die geltende Rechtsordnung gedeckt.

Die Eigentümer haben demnach das Sagen, sie werden bei der Erreichung der von ihnen vorgegebenen Ziel unterstützt durch bezahlte „abhängig“ Beschäftigte (offizielle Bezeichnung für Angestellte), die weisungsgebunden tätig sind (auch Teil der offiziellen Definition).

Zu 3: Personalwerbung ist Teil des Personalmarketings, Stellenanzeigen sind ähnlich wie Produktwerbeanzeigen zu sehen. Die dort genannten Fakten stimmen (meistens), eher „philosophisch“ klingende Aussagen sollten Sie nicht zu ernst nehmen.

Zu 4: Das „unternehmerische Denken“ bedeutet etwa: ausrichten des eigenen Denkens und Handelns auf die übergeordneten unternehmerischen Ziele des Unternehmens, akzeptieren von Begriffen (und der sich daraus ergebenden Zwänge) wie „Kunde“, „Markt“, „Verkauf“, „Umsatz“, „Ertrag“, handeln nicht wie ein Verwaltungsbeamter, sondern wie ein „Unternehmer im Unternehmen“. Wichtig sind dabei: das Handeln nicht in völliger Unabhängigkeit, sondern im Rahmen der allgemeinen, von „oben“ vorgegebenen Generallinie. Man sagt: „Handeln wie ein Unternehmer im Unternehmen“, was die Grenzen aufzeigt, aber man sagt nicht: „Jeder ist ein kleiner Unternehmer“. Darin liegt der Unterschied zwischen einer hochmotivierten, auf ein gemeinsames Ziel ausgerichteten „Truppe“ und einem Haufen individualistischer Chaoten, die sich alle wie kleine Könige fühlen.

Praktisch meinen Chefs, wenn sie in Anzeigen unternehmerisches Denken fordern: Der Bursche/die „Burschin“ soll verstehen, was wir wollen, wo es langgeht, soll engagiert mitziehen und im Rahmen unserer Vorgaben und Ziele „weisungsgemäß selbstständig“ handeln. Das ist zwar ein Widerspruch in sich, aber: na und? Es ist nicht der einzige.

Zu 5: Im Prinzip ja, wobei die letztgenannte Möglichkeit (treu bis zum Untergang) nicht empfehlenswert ist – und dem betroffenen Mitarbeiter vom späteren Bewerbungsempfänger sogar zum Vorwurf gemacht werden kann. Zwei prägnante Aussagen dazu aus früheren meiner Antworten:

a) Treue muss belohnen, wem sie galt. Ein untergegangenes oder verkauftes Unternehmen ist dazu nicht mehr imstande, fremde sind nicht willens.

b) Wenn Ratten das sinkende Schiff rechtzeitig verlassen, dann ist das sehr vernünftig von ihnen. Von Kapitänen erwartet man das Bleiben bis zuletzt, Ratten würde es niemand danken (ich sage das, weil mir oft geschrieben wird, man wolle sich nicht vorwerfen lassen, man handle wie Ratten, die …; mehr ist nicht beabsichtigt).

Wenn Geschäftsführungen durch fehlerhaftes Verhalten oder Handeln den „Laden gegen die Wand fahren“, dann ist das auf entsprechende Fehler der Eigentümer bei Auswahl und/oder Überwachung dieser Geschäftsführer zurückzuführen. Hierarchische Systeme funktionieren gut, wenn die Spitze etwas taugt – und sind zum Untergang verurteilt, wenn ganz oben eine oder zwei Fehlbesetzungen geschehen sind. Von unten her ist dagegen praktisch nichts zu machen. Es ist wie auf einem großen Segelschiff: Kommt schweres Wetter, nützen die besten Matrosen nichts, wenn der Kapitän ein Versager ist und idiotische Befehle gibt.

Zu 6: So richtig wie Ihre Anmerkungen sind, so kritisch wird es immer wieder in Grenzfällen. Klar, der „gute“, vorbildliche Chef hört auf seine erfahrenen, informierten Mitarbeiter, bezieht sie in die Entscheidungsfindung ein etc. Der schlechte/schwache tut gerade das nicht. Er lässt sich nichts sagen, schon gar nicht von unten und verfolgt Kritiker gnadenlos. Das war schon bei römischen Kaisern so, das wird sich auch niemals ändern.

Zu 7: Der Hinweis auf den – allmählichen – Wandel ist schon richtig, und hoffen darf man immer. Aber sehen Sie auch bitte folgendes Grundprinzip: Generell funktioniert unser System immer noch ganz gut, wenn wir den allgemeinen Wohlstand als Maßstab nehmen. Und bisher ist nirgendwo ein anderes aufgetaucht, das sich als überlegen erwiesen hätte. Solange der Menschen unvollkommen ist, werden es auch die von ihm für ihn ersonnenen Systeme sein.

Ich bin bestrebt, den Menschen dadurch zu helfen, dass ich das vorhandene, von mir so vorgefundene System für sie verständlicher und durchschaubarer mache. In dieser Form und mit dieser Offenheit hatte das noch niemand vor mir versucht (wenn das sonst niemand würdigt, muss ich das gelegentlich selbst tun).

Vielleicht ist es mir gelungen, einen nennenswerten Beitrag dazu zu leisten, dass die Leser – übertragen auf ein anderes Fachgebiet – Wetterphänomene besser verstehen. Verlangen Sie nicht von mir, dass ich auch noch besseres Wetter mache.

Frage-Nr.: 2297
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 11
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-03-11

Top Stellenangebote

Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme IWES-Firmenlogo
Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme IWES Berechnungsingenieurin / Berechnungsingenieur FEM Bremerhaven, Bremen, Hamburg, Hannover
Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme IWES-Firmenlogo
Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme IWES Forschungs- und Entwicklungsingenieurin / Forschungs- und Entwicklungsingenieur als Gruppenleitung Bremerhaven, Bremen, Hamburg, Hannover
Stadtentwässerung Frankfurt am Main-Firmenlogo
Stadtentwässerung Frankfurt am Main Technische/r Angestellte/r Frankfurt am Main
Crawford & Company (Deutschland) GmbH-Firmenlogo
Crawford & Company (Deutschland) GmbH Trainees (w/m/d) als Sachverständige (w/m/d) deutschlandweit
Stadt Leer-Firmenlogo
Stadt Leer Leitung (m/w/d) des Fachdienstes 2.66 Mobilität und Verkehr Leer
Kita Frankfurt-Firmenlogo
Kita Frankfurt Ingenieur/in (m/w/d) Fachrichtung Architektur (Hochbau) / Bauingenieurwesen Frankfurt
Enovos Deutschland SE-Firmenlogo
Enovos Deutschland SE Senior Projekt- und Asset Manager Wind (w/m/divers) Saarbrücken
Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW-Firmenlogo
Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW Leitung (m/w) für den Bereich Bauaufsichtliche Angelegenheiten Düsseldorf
Covestro-Firmenlogo
Covestro Ingenieur (m/w/d) als Inspektionsmanager Dormagen
TÜV Technische Überwachung Hessen GmbH-Firmenlogo
TÜV Technische Überwachung Hessen GmbH Sachkundiger (w/m/d) Frankfurt am Main

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…