Heiko Mell

(Berufs-)Philosophie

(da ich den begründeten Verdacht hege, dass so mancher eher pragmatisch ausgerichtete Leser mit Themen unter dieser Überschrift weniger anzufangen vermag, hier zwei anderslautende Leserzuschriften und eine Antwort auf eine gar nicht gestellte Frage; H. Mell):

Leser A: Ihre Rubrik in den VDI nachrichten lese ich seit über dreißig Jahren – und bin immer wieder begeistert, wie treffend Sie die Sache jedes Mal wieder auf den Punkt bringen.

Ihre Antwort zur Frage 2254 („Welchen Typ spielt das System an die Spitze?“) finde ich genial (vorsichtig gesagt).

Ich freue mich darauf, noch möglichst viel von Ihnen lesen zu dürfen.

Leser B: In „Notizen aus der Praxis“ Nr. 334 vom 26.09.2008 zitierten Sie Schopenhauer. Den Ausflug in die Philosophie fand ich für die Serie sehr bereichernd. Vor kurzem bin ich auch auf Schopenhauer gestoßen. Ein Schopenhauer-Zitat möchte ich gern anfügen: „Unseren Wünschen ein Ziel zu stecken, unsere Begierden im Zaum zu halten, unseren Zorn zu bändigen, stets eingedenk, dass dem Einzelnen nur ein unendlich kleiner Teil alles Wünschenswerten erreichbar ist …“ In mancher Berufs- oder Lebenslage ein guter Rat.

Vielen Dank für Ihre jahrelange Begleitung!

Antwort:

Antwort Leser A: Und ich freue mich immer, auf Menschen mit ausgeprägtem Urteilsvermögen und überzeugend vorgetragener Meinung zu treffen. Leider erfordert es der Anstand, Ihnen zumindest in der Kernaussage („genial“) halbherzig zu widersprechen – man ist ja bescheiden. Aber man muss auch nicht jedem Druck (hier: dem der Konventionen) gleich nachgeben …

Im Ernst: Es ist nicht immer ganz einfach, bei derart heißen Themen mehrere Anforderungen unter einen Hut zu bringen: Ich muss- meiner Aufklärungspflicht („So ist die Praxis“) genügen;

– sagen, was nach bestem Wissen und Gewissen gesagt werden muss;

– meine eigene Meinung als solche erkennbar werden lassen;

– so formulieren, dass man es gerne liest und problemlos versteht;

– aufpassen, dass ich nicht übermäßig viele Ansatzpunkte für machtvolle kritische Reaktionen ernstzunehmender Gegner liefere;

– schlicht auch danach noch Unternehmen als Kunden behalten und von diesem Medium weiterhin als noch tragbarer Autor eingestuft werden;

– davon ausgehen, dass es Leser im Spektrum gibt, die ganz weit links oder auch ganz weit rechts stehen und ihre jeweilige Meinung gern artikulieren, wenn ich ihnen den Punkt liefere, an dem sie ihren „Hebel“ ansetzen könnten.

Es ist dies für mich die große persönliche Herausforderung, der ich mich immer wieder gern stelle. Kürzer: Es macht mir vom ersten Tag bis heute einen Heidenspaß (auch zu provozieren, ohne erwischt zu werden, auch unangenehme Wahrheiten zu sagen, ohne mehr Gegner zu „gewinnen“ als ein einzelner Mensch verkraften kann).

Und bevor ein kritischer Leser jetzt Anstoß daran nimmt, dass Sie eine im fünfundzwanzigsten Jahr stehende Serie seit dreißig Jahren lesen: Es gab eine mehrjährige Vorläuferserie von mir in den VDI nachrichten: „Der Personalberater rät“, nach meiner Erinnerung etwa ab 1975. Und wenn man die mitzählt …

Antwort Leser B: Manchmal frage ich mich, was für eine Figur einer unserer großen Denker wohl beispielsweise an der Spitze eines Konzerns abgeben würde. Ich fürchte nur, dass dem mehr entgegensteht als die Tatsache, das viele der infrage kommenden Personen nicht mehr unter uns weilen: Sie hätten es vermutlich gar nicht bis an die Spitze geschafft, das System hätte sie vorher als eine Art Fremdkörper erkannt und vorsichtshalber entfernt …

Nun aber noch zu meiner versprochenen Antwort auf eine nicht gestellte berufsphilosophische Frage:

Ich kenne seit mehreren Jahrzehnten eine Führungspersönlichkeit aus dem industriellen Umfeld. Ein hervorstechendes Merkmal jenseits aller Tüchtigkeit war stets ihr engagiert gestaltetes Verhältnis zum Besitz, korrekter zum Eigentum, unterstützt von entsprechender landsmannschaftlicher Prägung und durchdrungen von der Erkenntnis: Sie kommen nicht zu etwas durch hohe Einnahmen, sondern ausschließlich durch niedrige Ausgaben. Neulich haben wir telefoniert. Ich hörte Ungewohntes: „Seit ich 80 bin, sehe ich vieles in neuem Licht. Mir wird immer mehr bewusst, dass man nichts mitnehmen kann, wenn man geht. Aller Besitz ist eigentlich nur geliehen und muss wieder abgegeben werden.“

Das sind Erkenntnisse, die andere schon vorher gewonnen hatten, aber immerhin: Noch vor zwanzig Jahren wäre ich von ihm für derartige Diskussionsbeiträge mit endgültigem Liebesentzug bestraft worden.

Nun aber erst einmal genug der philosophischen Gedanken.

Frage-Nr.: 2274
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 48
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-11-26

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