Heiko Mell

Hätte Heiko Mell Albert Einstein „verdorben“?

Ich bin 57, Dr.-Ing., Professor und Studiengangsleiter an der Berufsakademie …, Visiting Professor an der University of … und, was die eigene Karriere angeht, inzwischen „jenseits von Gut und Böse“, aber zufrieden.

In dem Einsender der 2.207. Frage erkenne ich mich z. T. selbst – vor vielen Jahren – wieder: Beruflich vorankommen ja, aber nicht um den Preis, andere Interessen völlig aufzugeben. Sicher, in Ihren Antworten beschreiben Sie die „ungeschriebenen“ Spielregeln und Gesetze der Berufswelt völlig richtig, treffsicher und pointiert, keine Frage. Und Sie haben sicher vielen beruflichen „Greenhorns“ geholfen, die allergrößten Fehler zu vermeiden.

Dennoch: Ich möchte meinen Punkt an einem fiktiven historischen Beispiel darstellen: Hätte, vorausgesetzt Ihre Karriereberatung hätte es vor 100 Jahren schon gegeben, ein technischer Experte 2. Klasse am Patentamt in Bern alle Ihre Ratschläge befolgt, wäre die Welt wohl reicher um einen technischen Ober-General-Experten 1. Klasse, der z. B. ignoranten Erfindern immer wieder erklären ließ, dass ein perpetuum mobile unmöglich sei – und um grandiose Erkenntnisse der Physik ärmer. Was ist wichtiger?

Machen Sie trotzdem weiter. Ihre „Schreibe“ ist klasse, und Sie helfen den vielen weniger Genialen.

Antwort:

Man darf in meinem Hauptberuf als Berater und auch als nebenbei tätiger Serienautor nicht an mangelndem Selbstbewusstsein leiden. Und was man nicht darf, das liegt mir denn auch fern. Aber Einstein als interessierter Leser meiner Beiträge? Schon das ist schwer vorstellbar (aber natürlich ein reizvoller Gedanke).

Und Einstein als Leser, der denn auch noch folgsam umsetzt, was ich rate? Also der Brocken ist mir denn doch eine Nummer zu groß.

Sagen wir es so: Ich versuche, Sachbearbeitern Überlebens- und Aufstiegshilfe zu geben, mittleren – und weiter karriereinteressierten – Führungskräften nützlich zu sein und Geschäftsführer dabei zu unterstützen, das Erreichte zu bewahren. Aber für Genies, Nobelpreisträger u. ä. kann ich schlicht nichts tun. Sie laufen außerhalb der Regeln. Oder anders: Standard-Regeln sind für Standard-Menschen. (Aber: Längst nicht jeder, der Standards missachtet, ist ein Genie!)

Ich glaube sogar, dass Einstein, hätte er mich denn überhaupt gelesen, etwa ebensoviel davon verstanden hätte wie ich von seiner Relativitätstheorie. Das hätte ihm vermutlich alles nichts gesagt, er wäre kopfschüttelnd zu seiner Tagesordnung zurückgekehrt.

Aber mir fällt dann doch noch ein Schluss ein, der mich vor der Erkenntnis bewahrt, nun so gar nichts für die Genies dieser Welt tun zu können. Eine meiner zentralen Karriere-Thesen gilt, glaube ich, auch für Menschen wie Einstein:

Sie sind entweder etwas Interessantes oder Sie tun etwas Interessantes, aber nicht beides gleichermaßen. Vielleicht erhalten deshalb so wenige Vorstandsvorsitzende Nobelpreise? Und umgekehrt.

Frage-Nr.: 2225
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 22
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-05-28

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