Heiko Mell

Wer die Jugend hat, …

Frage: Es wird Sie vielleicht wundern, dass ich Ihnen eine Mail zukommen lasse, da ich erst 16 Jahre alt bin.
Ich gehe nun seit 11,5 Jahren auf ein Gymnasium und plane, das sog. C-Profil zu wählen, also den naturwissenschaftlichen Part. Danach will ich studieren und strebe einen Beruf im Bereich des Ingenieurwesens an (jetziger Schnitt 1,5).
Ich lese seit Ende 2007 regelmäßig die VDI nachrichten, da ich von meinem Onkel, der Dipl.-Ingenieur ist, dazu angetrieben wurde (mit Sicherheit ganz in Ihrem Sinne).

In der Antwort auf die 2.189. Frage schreiben Sie, dass Sie sich über ein junges Publikum freuen und „dass ein Autor, der etwas auf sich hält, das junge Publikum anzieht“. Hier ist also eine Bestätigung, dass Sie etwas auf sich halten können.Ich bin mir nicht sicher, ob meine Frage auch Ihr Aufgabenfeld abdeckt, aber egal: Ich mache 2010 mein Abi und danach müsste ich ja eigentlich ein Jahr aus dem Fenster werfen, indem ich ein Jahr zum Bund gehe oder Zivildienst o. Ä. leiste. Wie kann ich mich um dieses eine Jahr erfolgreich drücken und ist es vielleicht negativ, wenn ich in einem späteren Lebenslauf angeben muss, dass ich keinen Dienst geleistet habe?

Oh oh, ich sehe gerade, dass die Frage „von allgemeinem Interesse“ sein und „mit dem Werdegang eines Ingenieurs im Zusammenhang stehen“ muss. Egal, ich schick“ Ihnen das jetzt einfach, einen Versuch war es ja wert.

Antwort:

Also zunächst die Geschichte mit dem Anziehen des jugendlichen Publikums: Der Einsender jener Frage 2.189 schrieb, er wäre 88 Jahre alt. Und weil es für jemanden, der ein wenig in der Öffentlichkeit steht, schon sehr schlimm ist, alt zu werden, aber noch ungleich schlimmer, etwa in Verdacht zu geraten, ein altes Publikum anzuziehen, habe ich so nuanciert reagiert. „Wer die Jugend hat, hat die Zukunft“ – Stalin wusste es, Hitler und Ulbricht auch (das war der Mann, der die Mauer in Berlin niemals nicht bauen wollte). Heute wissen es die Leute, die im Werbe-Fernsehen für Zuschauerquoten verantwortlich sind – und schieben Moderatoren oder Unterhalter, die ältere Menschen anziehen, aufs Abstellgleis. Um diesem – letztlich aber unausweichlichen – Schicksal so lange wie möglich zu entgehen, rief ich damals nach jungem Publikum.

Wobei Diktatoren und Fernsehprogrammgestalter natürlich sonst gar nichts gemein haben. Außer vielleicht, dass sie wissen, dass Jugend beeinflussbar ist. Sowohl durch politische Ideen als auch durch das Werbefernsehen. Ältere Leute sind gegenüber letzterem weitgehend immun (was mitunter durchaus für sie spricht) – und deswegen als Publikum in gewissen Kreisen eher gefürchtet als geschätzt.

Und daher ist eine Einsendung wie die Ihre zunächst einmal gut an sich! Was eigentlich „an und für sich“ heißen müsste, aber lassen wir das heute einmal – die Jugend schreibt und spricht ja auch nicht so furchtbar den Regeln entsprechend.Ein Lob gebührt Ihrem Onkel, der Sie anhält („antreibt“ klingt so „sklavenmäßig“), die VDI nachrichten zu lesen.

Also, ich finde es toll und anerkennenswert, dass Sie mir schreiben. Und dass Sie Ingenieur werden wollen (erhalten Sie sich Ihren Schnitt von 1,5 bis zum Abitur, das erleichtert Ihnen vieles).

Nun aber ist genug drumherumgeredet, jetzt muss ich zum Kern Ihrer Frage kommen. Das, so werden manche Leser schadenfroh feixen, hat er (der Mell) nun von seinem Werben um die Jugend. Soll er mal sehen, wie er damit fertig wird.

Es erinnert irgendwie an „Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los“ (Goethe, Der Zauberlehrling). Oder: Wär“ ich bloß bei meinem älteren Publikum geblieben, das fragt nicht (mehr), wie man sich drückt – vor was auch immer.Ich weiß nicht, ob ich mich Ihnen so überzeugend verständlich machen kann, wie ich das gerne möchte, aber ich versuche es:

Es ist nicht die Art des aufrechten, vorbildlichen, halbwegs edlen („Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, auch Goethe, Das Göttliche) Menschen, sich vor etwas, das zu tun seine Pflicht wäre, zu drücken. Wenn ich es kürzer sagen soll: Man drückt sich nicht. Wir Erwachsenen tun es ja auch nicht (ständig), nur deswegen „läuft der Laden“ hier im Lande immer noch irgendwie. Es ist eine Frage der inneren Einstellung – es geht nicht darum, ob jemand mich beim Drücken beobachten und eventuell schlecht von mir denken würde. Es ist ein Teil meines Anspruchs an mich selbst.

Natürlich ist edel zu sein vermeintlich riskant: Sie drücken sich nicht, „verlieren“ ein Jahr, andere drücken sich – und sind früher im Studium und früher damit fertig.Wissen Sie, wer dann gewonnen hätte? Sie! Und zwar, weil Sie gelernt hätten, ein Problem zu lösen, eine Schwierigkeit zu überwinden, die sich vor Ihnen auftut. Die anderen hätten nur – einmal mehr – gelernt, sich zu drücken, wenn es ernst wird. Drückeberger, die vermeintlich auch noch durch unser System belohnt werden, gibt es genug. Woran es fehlt, sind Menschen, die jene Aufgaben annehmen und erfolgreich lösen, die ihnen nun einmal gestellt sind bzw. die sie sich selbst gestellt haben.

Ihre Einsendung, vor allem Ihre Frage, ist für mich unbequem. Ich habe die „Lizenz zum Drücken“, ich darf selbst auswählen, welche Themen ich aufgreife. Aber das kam hier nicht in Frage, ich hätte damit meinen Ansprüchen an mich nicht genügt (obwohl niemand davon erfahren hätte – und Sie hatten ja eine akzeptable Ausrede gleich mitgeliefert). Auch Sie werden später im Beruf täglich mit der Versuchung konfrontiert werden, sich vor irgendetwas oder der Konfrontation mit irgendjemandem zu drücken – und dürfen oder sollten ihr nicht nachgeben. Fangen Sie also gar nicht erst damit an („wehre den Anfängen“, Ovid, ca. 17 n. Chr.).

Jetzt aber noch ein Trost zum Schluss: Im Hinblick auf Ihren noch andauernden Reifeprozess (Persönlichkeitsentwicklung) kann und wird Ihnen eine solche Phase bei der Bundeswehr oder im Zivildienst weitaus mehr nützen als schaden! Sie gewinnen neue Eindrücke, lernen neue Menschen in für Sie völlig ungewohnten Sozial- und Befehlsstrukturen kennen. Sehr viele aufgeschlossene Menschen erklären später, sie möchten diese Zeit nicht missen. Aber man muss dazu neugierig auf die neue Situation zugehen, offen sein für neue Eindrücke – und, z. B. bei der Bundeswehr, die vielfältigen Weiterbildungsmöglichkeiten nutzen. Dann ist das Jahr keineswegs „aus dem Fenster geworfen“. Und als Antwort auf Ihre andere Frage: Nein, übel nimmt man Ihnen hierzulande nicht, wenn Sie – warum auch immer – keinen Wehr- oder Zivildienst geleistet haben. Vorausgesetzt, Sie vermeiden das Wort „drücken“ in Ihrer Erklärung.

Kann ich mit diesen Argumenten einen Heranwachsenden erreichen oder gar überzeugen? Ich weiß es nicht. Aber dieser hier hat sich aufgerafft zu fragen, nachdem er meine Beiträge auf sanften Druck hin liest. Das ist ein gutes Zeichen. Und ich habe immerhin eine Antwort versucht und mich nicht gedrückt. Das darf dann auch mich ein wenig stolz machen.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2212
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 17
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-04-23

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