Heiko Mell

Frau, Kind, Ausland, Karriere

Frage: Ich bin Anfang 30 und werde in Kürze meine Promotion abschließen. Ich habe nach dem Abitur (1,7) ein Berufsakademie-Studium (gut) absolviert, dann zwei Jahre im Ausbildungsbetrieb gearbeitet, bin dort auf eigenen Wunsch ausgeschieden und habe an der Uni … ein Maschinenbaustudium mit starkem Auslandsbezug abgeschlossen (1,7). Darauf folgte die Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter.
Mein Spezialgebiet ist die Finite Elemente basierte Strukturoptimierung, ich strebe auch eine Tätigkeit auf diesem Gebiet an, möglichst in einem größeren mittelständischen Unternehmen.
Meine Freundin ist Ende 20, hat ein internationales Studium einer anderen Fachrichtung, hat promoviert und soll jetzt von ihrem Arbeitgeber für etwa 1,5 bis zwei Jahre an ein US-amerikanisches Institut entsandt werden.
Wir denken darüber nach, in absehbarer Zeit eine Familie zu gründen und Kinder zu haben. Eine Trennung während des gesamten Zeitraumes würden wir nur sehr ungern akzeptieren. Daraus ergeben sich folgende Fragestellungen:Eine Stellensuche für mich in den USA von Deutschland aus ist nicht einfach. Wenn ich dann noch so nahe bei meiner Freundin bleiben will, dass ich eine Wochenendbeziehung ohne Flugzeug führen kann, wird die Zahl potenzieller Arbeitgeber recht klein. Die Folge sind Abstriche bei meinen Anforderungen an Arbeitsplatz und Arbeitgeber. Bei der Rückkehr aus den USA ergäbe sich ein ähnliches Problem. Hinzu kommt, dass die derzeit ideale Situation für die Arbeitsplatzsuche u. U. dann nicht mehr gegeben ist.
Ob meine Freundin nach Rückkehr im Falle der geplanten Familiengründung ihre Stelle mit reduzierter Stundenzahl behalten könnte, ist höchst unklar, eventuell müsste sie die Branche wechseln. Für mich als Neuling beim dann gerade gefundenen deutschen Arbeitgeber wären Wünsche wie flexible oder reduzierte Arbeitszeit (Kinderbetreuung) sicher deutlich schwieriger zu realisieren als nach zwei Jahren im Betrieb und würden u. U. das (noch in der Probezeit befindliche) Arbeitsverhältnis gefährden. Konkret wüssten wir von Ihnen gerne, ob Sie über die genannten Kernprobleme hinaus weitere sehen.

Antwort:

Antwort/1: Ich habe Ihr Problem in den Großcomputer unserer Karriereberatung eingespeist. Die Antwort kam blitzschnell und glasklar: Alles ist gut, nur die Freundin passt beruflich nicht zu Ihnen. Das war“s, empfehlen Sie uns auch in Ihrem Bekanntenkreis.

Antwort/2: Natürlich ist Antwort 1 ein Scherz. Aber einer mit ernsten Zügen. Ich will damit sagen: Je klarer Sie in einem komplexen Gebilde aus Fakten, Träumen, Erwartungen und Zukunftsvisionen konkrete Planungen zu betreiben versuchen, desto eher kann der Schuss letztlich nach hinten losgehen.

Aber mir fällt natürlich auch noch mehr ein:Sie also sind der sorgfältig vorgehende, alles Erdenkbare berücksichtigende Planer, der dieses noch mit einbezieht, jenes noch erwägt etc. etc. So, so. Schauen wir doch einmal, was bisher dabei herausgekommen ist:

Sie hatten ein Abitur von 1,7. Viele Jahre später hatten Sie einen Uni-Abschluss von 1,7. Was eine völlig normale (fast schon „stinknormale“) Geschichte hätte sein können (und bei den meisten anderen Menschen auch gewesen wäre) wenn sich nicht der „große Planer“ damit abgegeben hätte. Und der hat dann nach eingehenden Überlegungen erst eine Berufsakademie absolviert, dort ein etwas schwaches „Gut“ erreicht, anschließend zwei Jahre gearbeitet, dabei gemerkt, dass weder das Studienniveau noch das ihm daraufhin übertragene Aufgabengebiet ihn ausfüllen und hat dann getan, was ohne Planung von Anfang an fällig gewesen wäre: ein Uni-Studium aufgenommen. Dann hat er – natürlich – noch promoviert, ist dabei ein wenig älter geworden. Es tut mir leid, aber vom Wert Ihrer allzu sorgfältigen Planung überzeugt mich das noch nicht so recht.

Schön, dann bin ich eben boshaft. Und das schon, ohne die von Ihnen gefundene, ebenfalls mit komplizierten Aspekten ausgestattete Freundin in diesem Teil der Antwort auch nur erwähnt zu haben. Und ich verkneife es mir, hier eine „Duplizität der Ereignisse“ ins Feld zu führen, ich sage schlicht: Sie scheinen Probleme dieser Art anzuziehen.

Bitte verstehen Sie mich richtig: Ich will Sie weder ärgern, noch auch nur kritisieren. Ich will, sofern ich das vermag, Ihnen tatsächlich helfen. Und da will ich Ihnen zurufen: Sie leben – also leben Sie! Sie sind jung, haben Ihre Ausbildung abgeschlossen, können sich mit dem Endergebnis international sehen lassen. Sie haben eine Partnerin auf adäquatem Niveau, Sie wollen heiraten, Kinder. Also dann los, leben Sie. Gehen Sie in die USA, das wird Ihnen noch in zwanzig Jahren etwas bedeuten, Sie beide prägen, so oder so. Der Rest findet sich, seien Sie dessen versichert.

Für Sie gilt: Berufliche Auslandspraxis ist sehr wichtig, sie so früh zu erwerben, ist absolut empfehlenswert. Als Trost: Was Sie dort tun, ist nicht halb so wichtig wie es bei einer Tätigkeit hier im Lande wäre. Weder an den Arbeitgeber, noch an die Tätigkeit werden allerhöchste Anforderungen gestellt. Die Hauptsache ist, Sie sind nicht nur Tourist. Notfalls studieren Sie (oder besser: forschen Sie) in der Nähe Ihres Fachgebietes und jobben irgendwie nebenbei. Wie das geht, weiß ich auch nicht. Aber aus vielen Lebensläufen weiß ich: Irgendwie geht auch das. Genießen Sie Amerika. Manchen reichen zwei Jahre fürs Leben, manche wollen nie wieder weg.

In der jetzt anstehenden Phase, ohne Kompromisse geht es generell nicht, stehen die Belange Ihrer Partnerin im Mittelpunkt. Dann schreiben Sie in der Endphase Ihres Aufenthaltes Bewerbungen nach Deutschland – und sind schon wieder hier, wenn Vorstellungsgespräche anstehen. Vertrauen Sie darauf, dann hier einen Job zu finden. Nur besonderes „karriereträchtig“ wird der noch nicht sein. Die Zeit in den USA gilt erst einmal als Investition, zahlt sich aber später(!) aus.

Und ein Kind müssen Sie erst einmal haben; nicht jede Frau wird erwartungsgemäß schwanger. Aber dann findet sich auch eine Lösung. Das Schöne dabei: Für zwei beruflich ambitionierte Akademiker, die noch dazu eine Familie gründen wollen, sieht das System eine klare Regelung gar nicht vor, es bleibt nur der individuelle Kompromiss. Ich könnte noch darauf hinweisen, dass heute generell jede 3. bis fast jede 2. Ehe ohnehin geschieden wird – aber dann wäre ich endgültig ein Zyniker.

Sie können das auch mehr „technokratisch“ haben: Nehmen Sie die Begriffe „Beruf ich“, „Beruf Freundin“, „Privatleben allgemein“, „Kind/er“ und was Ihnen sonst noch so einfällt und stellen Sie eine Prioritätenliste auf. Mit der zwingenden Maßgabe: Auf Nr. 1 darf nur ein Begriff gesetzt werden, auf Nr. 2 dürfen schon zwei, auf Nr. 3 schon drei etc. Und dann handeln Sie vorrangig nach den Interessen von Nr. 1 – unter Berücksichtigung (so gut es geht) von Nr. 2 + 3.

Sie haben mir dann noch abschließend (und oben nicht abgedruckt) zwei selbst gefundene Lösungsansätze übermittelt. Da darin der geplante Geburtstermin des – noch nicht gezeugten – Kindes und die eventuelle Streckung des Promotionsprozesses eine Rolle spielen, möchte ich mich dazu nicht äußern, die Risiken sind mir zu hoch.

Von mir nur so viel als zusammenfassender Abschluss: Nichts, was Sie angesprochen haben, kann völlig falsch sein. Akzeptieren Sie, dass sich der Berufsweg einer Person sehr schwer, der von zwei Menschen extrem schwer, eine damit verbundene Beziehung der beiden gar nicht und die Gründung einer Familie unter all den Voraussetzungen schon einmal überhaupt nicht planen lassen. Die Menschheit überlebt bisher, weil die Leute sich irgendwie dennoch durchwursteln.

Kurzantwort:

Die weitreichende, Erfolg versprechende Planung eines(!) Berufsweges ist ein sehr anspruchsvolles Unterfangen. Kommen dazu noch ein Partner mit ähnlichen Ambitionen und Kinderwünsche, gibt es schon aus Standortgründen unweigerlich Reibungsverluste. Das System hält keine pauschale Lösung bereit, es bleibt nur der individuelle Kompromiss. Und für das, was dabei beruflich auf der Strecke bleibt, entschädigt das Glück durch Partnerschaft + Familie.

Frage-Nr.: 2199
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-03-05

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