Heiko Mell

Und noch einmal: Wenn sich die Leistungselite verstecken muss

Wenn wir, zugegebenermaßen vereinfachend, einmal unterstellen, die besonders leistungsstarken Kinder (Frage 2153) seien ungewöhnlich qualifizierte Fachkräfte und deren Eltern die entsprechenden Führungskräfte: Welchen Rat hätten Sie dann an diese Führungskräfte? Das absichtliche Verschlechtern von Prüfungsleistungen kann ja nicht die ernsthafte Antwort auf das Problem „Leistungsneid“ sein.

Antwort:

Ein interessanter Ansatz. Ich fühle mich bei dieser – gewagten – Verlagerung des Problems auch wohler als beim Thema Kindererziehung (das ohnehin nicht zentrales Anliegen dieser Serie sein kann).

Also: Ich bin Abteilungsleiter und habe unter meinen zwanzig Mitarbeitern einen, der den anderen in der Leistungserbringung deutlich überlegen ist, dafür aber von diesen angefeindet, gemieden oder sonst wie ausgegrenzt wird. Ich würde ihm etwa folgendes sagen:

„Über Ihre immer wieder unter Beweis gestellte Leistungsstärke freue ich mich sehr! Auf Sie ist jederzeit ebenso Verlass wie auf die Ergebnisse Ihrer Arbeit, Sie sind ein zentraler Aktivposten der Abteilung. Sie können stolz auf Ihre Fähigkeiten sein und ich bin froh, Sie im Team zu haben. Aber genau mit der Erwähnung dieses Themas “Team“ kommen wir an ein Problem. Man könnte es umschrieben mit der uralten Erkenntnis, dass auch viel Schatten ist, wo viel Licht leuchtet.

Sehen Sie, im Grunde sind Sie – wie jeder andere auch – auf zwei Feldern gefordert: Da ist einmal die fachliche Leistung, hier sind Sie hervorragend. Da ist aber auch die Tatsache, dass Sie Teil des Teams sind. Mit dessen Mitgliedern müssen Sie harmonisch zusammenarbeiten. Ich wünsche mir, dass die anderen Teammitglieder jeden einzelnen Mitarbeiter akzeptieren und im Bedarfsfall nach Kräften unterstützen. Und in diesem Punkt erkenne ich bei Ihnen Defizite, daran hapert es. Kurz: Zwischen Ihnen und dem Rest des Teams gibt es Reibungsverluste. Das kann und will ich nicht als unabänderlich akzeptieren, dagegen müssen wir etwas tun.

Das liegt ganz sicher auch in Ihrem Interesse. Denn abgesehen davon, dass es höchst unerfreulich und belastend für Sie sein muss, den Rest der Abteilung gegen sich zu haben, erfüllen Sie derzeit einfach einen Teil Ihrer Aufgabe nicht. Zu der eben das reibungslose Hineinfügen in die Gemeinschaft gehört.

Lösen wir uns einmal völlig von der Frage, wer an dieser Disharmonie die Schuld trägt. Mein Ziel ist nicht die Verurteilung von irgendjemand, mein Ziel ist die Harmonie im Team. Und lassen wir von vornherein die Kirche im Dorf: Ich habe zwanzig Mitarbeiter. Eine Argumentation Ihrer- oder auch meinerseits, die anderen neunzehn seien alle “böse“ und trügen die Schuld an den Problemen, während Sie alles richtig machten und man Sie in Ihrem Verhalten nur bestätigen könne, wäre nicht hilfreich, würde uns nicht weiterbringen und scheidet daher aus.Beschäftigen wir uns also vorrangig mit Ihnen. Schließlich sind Sie aus der Sicht des Teams der Außenseiter oder der Stein des Anstoßes, wie immer wir das nennen wollen. Alles, was ich jetzt sage, sehen Sie bitte nicht als Kritik an Ihrer Person oder an Ihrem Verhalten, davon hätten wir alle nichts. Mir geht es allein um Vorschläge für die Zukunft. Daher bitte ich Sie, mir zunächst vorbehaltlos zuzuhören, sich nicht kritisiert zu fühlen und offen zu sein für meine Anregungen.

Sie sind, allein schon bedingt durch Ihre Fachqualifikation und Leistungsstärke, anders als die anderen. Das ist immer gefährlich! Immer wieder hat der Mensch andere verfolgt, tyrannisiert, unterdrückt, die anders waren. Sie nun sind es bereits durch Ihre erwähnten Fähigkeiten.

Mein erster Rat lautet daher: Seien Sie wenigstens in den anderen Bereichen nicht noch zusätzlich anders, versuchen Sie, sich so weit anzupassen wie irgend möglich. Wenn die anderen sich gelegentlich zum Bier verabreden oder zum Kegeln gehen und Sie das öde finden und sich offen distanzieren: Überdenken Sie Ihre Haltung dazu. Gehen Sie gelegentlich mit, reden Sie über die anstehenden Themen, Sie müssen nicht Wort- oder Meinungsführer werden, aber grenzen Sie sich nicht vollständig aus – und zeigen Sie das nicht auch noch. Die anderen empfinden das als provozierend. Das bezieht sich auch auf Äußerlichkeiten wie Kleidung etc.Es wäre ein geringer Preis, den Sie für eine bessere Akzeptanz zahlten, wenn Sie generell versuchen könnten, hier weniger “anders“ zu sein.

Mein zweiter Rat betrifft Ihre vorhin genannten Leistungsstärken. Zeigen Sie nicht so deutlich, dass Sie besser sind als die anderen – und dass Sie das wissen. Halten Sie sich zurück, wenn in einer Besprechung oder im Kollegenkreis jemand die Lösung nicht weiß oder etwas Falsches sagt. Stellen Sie Ihre Fähigkeiten in vertretbarem Umfang auch den anderen zur Verfügung, helfen Sie dort aus, wo jemand Hilfe braucht. Bemühen Sie sich um die anderen – nicht aktiv-anbiedernd, sondern unauffällig und bei Bedarf.

Stellen Sie an Ihre eigene Leistung weiterhin hohe, aber keine allzu hohen Ansprüche. Wenn alle anderen einmal eine Pause zum Plaudern einlegen, beteiligen Sie sich ruhig. Wenn es in der Abteilung üblich ist, Projekte erst kurz vor Termin fertigzustellen, setzen Sie Ihren Ehrgeiz nicht darein, vierzehn Tage vorher abzugeben. Und hadern Sie nicht lautstark mit Ihrem einen Fehler in hundert Aussagen und Berechnungen, wo die anderen froh wären, sie hätten nicht mehr als zehn.

Erkennen Sie auch einmal Leistungen anderer oder sogar deren Überlegenheit Ihnen gegenüber auf anderen Gebieten an, und sei es beim Bowling. Fragen Sie, wie die das machen und bitten Sie Ihrerseits um Hilfe.

Es bleibt Ihnen kaum eine Alternative zu der Erkenntnis: Wenn Sie mit einer großen Gruppe in Harmonie leben wollen, mit der Sie jetzt dauernd Ärger haben, dann werden vor allem Sie sich ändern müssen – die vielen anderen werden es so schnell nicht tun.

Und zum Schluss erlauben Sie mir noch einen Hinweis: Es ist sehr wohl möglich, leistungsstärkster Mitarbeiter einer Abteilung zu sein, ohne von allen gehasst zu werden. Naturtalente schaffen das ohne besondere Anstrengungen. Andere – wie Sie – müssen einen Teil ihrer Intelligenz dazu verwenden, sich bewusst um so viel Akzeptanz zu bemühen, dass sie wenigstens nicht abgelehnt werden. Sie müssen ja nicht gleich zum Betriebsrat gewählt werden wollen.

„Soweit mein Versuch. Im Spannungsfeld Führungskraft/Mitarbeiter stehe ich zu meinen Aussagen – und Fälle dieser Art gibt es ja dort auch. Ob sich das dann für die Übertragung auf Kinder eignet, mag ich nicht garantieren.

Frage-Nr.: 2159
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 38
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-09-21

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