Heiko Mell

Wer trägt die Schuld an der Misere?

Ich beziehe mich auf die Notizen aus der Praxis Nr. 297, dort ging es um militärische und betriebliche Führung. Herzlichen Dank für Ihren gelungenen Vergleich. Darf ich diesen noch um einen Aspekt ergänzen?

Wegen der gewaltigen Kapitalvernichtung, verbunden mit unendlich vielem Leid für alle Betroffenen halte ich jeden militärisch ausgetragenen Konflikt für ein Zeugnis der Unfähigkeit der entsprechenden Machthaber, die aus ihrer Sicht eine militärische Lösung als einzig gangbaren Weg erachten.

Und genau so verhält es sich bei dem von Ihnen beschrieben Personalabbau. Im Extremfall droht der Totalverlust des Unternehmens (Konkurs = verlorener Krieg), es gibt aber auch alle Vorstufen wie z. B. Werksschließungen oder Abbau einzelner Abteilungen. Doch dem voraus ging immer die Unfähigkeit der entsprechenden Führung, sei es die Konzern-, die Werks- oder die Abteilungsleitung.

Es ist traurig, dass manchmal gerade im Management größerer Firmen die Schuld am schlechten Ergebnis des eigenen Unternehmens auf den schweren Stand im Markt mit seinem gewaltigen Wettbewerb z. B. aus Ländern wie Indien oder China geschoben wird, verbunden mit dem daraus „zwangsläufig“ resultierenden Personalabbau. Ein fähiger Geschäftsführer kommt nicht in eine solche Situation, wie auch ein fähiger, karriereorientierter Abteilungsleiter nicht arbeitslos wird.

Antwort:

Nehmen wir einmal Ihre letzte Anmerkung zuerst: Das kann man so keinesfalls sagen! Auch der fähigste Manager kann Arbeitslosigkeit nicht immer verhindern. Ich habe sehr oft als Karriereberater mit solchen Fällen zu tun. Beispiel: Die Insolvenz eines Unternehmens oder der Verkauf der ganzen Firma an einen Wettbewerber, der große Teile der Führungsmannschaft nach Hause schickt. Auch ein neuer Chef kann eine ihm unterstellte Führungskraft relativ problemlos kurzfristig entlassen – wenn nur der finanzielle Ausgleich („Abfindung“) hoch genug ist. Von dem Problem, mit 53 Jahren von einer unverschuldeten Entlassung betroffen zu werden, ganz zu schweigen.

Aber ich kann Ihnen immerhin teilweise zustimmen: Der „fähige und karriereorientierte“ Manager wird seltener arbeitslos werden. Weil er sorgfältig plant, seinen Werdegang „sauber“ hält, in eigener Sache kein unnötiges Risiko eingeht und ggf. so rechtzeitig wechselt, dass er vom Sog eines Ereignisses, wie es oben geschildert wurde, gar nicht mehr erfasst wird. Aber das geht keinesfalls immer – und der Umkehrschluss, ein arbeitslos gewordener Abteilungsleiter sei schon deswegen wenig fähig und nicht hinreichend karriereorientiert, wäre absolut falsch.

Kommen wir zu Ihrer Kernaussage, der Schuld des Managements an Entwicklungen, die dann z. B. zum Personalabbau oder dem Totalverlust des Unternehmens führen: Ich beobachte den Markt oder doch Teile davon seit vielen Jahren und habe Einblicke aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Ohne etwa anzunehmen, deshalb schon „alles“ auf diesem Gebiet zu wissen, halte ich gerade die von Ihnen aufgeworfene Frage für äußerst komplex. Will heißen: So einfach ist das nicht!

Zunächst. Es gibt Unfähigkeit in unterschiedlicher Ausprägung innerhalb des Systems auf allen Ebenen, keine Frage. Aber oft brauchte auch ein Top-Geschäftsführer nahezu übersinnliche Fähigkeiten, wenn er drohendes Unheil von dem ihm anvertrauten Unternehmen mit Sicherheit fernhalten will. Manche Entwicklungen auf Märkten kommen für alle Fachleute überraschend, manche werden durch unkalkulierbare politische Einflussnahmen geprägt, manchmal hängt das Wohl der Firma im kritischen Augenblick an einer unvorhersehbaren Entscheidung eines großen Kunden. Und manches nicht betroffene Unternehmen hat im entscheidenden Moment einfach Glück gehabt …

Diese meine bisherigen Argumente klingen arg nach „Ausreden“, ich weiß. Aber: Da Unternehmen wachsen müssen(!), um dauerhaft überleben zu können, da aber auch in einer von Globalisierung geprägten Wirtschaftswelt die Märkte begrenzt sind, müssen zwangsläufig immer einige Firmen sterben, verschwinden, geschluckt werden, damit andere weiterleben können. Das würde bedeuten, man kann letztlich höchstens beeinflussen, welches Unternehmen länger lebt – aber dass einige ganz oder teilweise verlieren, scheint ein Naturgesetz zu sein. Wenn die indischen Stahlwerke mehr Marktanteile erringen wollen, wird irgendwo in der Welt das eine oder andere Stahlwerk schließen müssen.

Wir kennen ein solches, wenn auch nicht ganz vergleichbares, Prinzip vom Sport: Immer müssen einige verlieren, damit andere gewinnen können. Und jeder drittgrößte Hersteller von … hat das Recht, Weltmarktführer werden zu wollen. Das bedeutet Kampf mit dem, der es heute ist und auch mit denen, die es jetzt ebenfalls werden wollen. Diesen Kampf kann nur einer gewinnen. Die anderen ruinieren sich erst beim Preiskampf und bauen dann Personal ab.

Sagen wir es so: Am Personalabbau bei der XY AG kann (!) deren Management die Schuld tragen, gegen das Zechensterben in der deutschen Steinkohlenindustrie hätte jedoch auch ein Genie wenig ausrichten können.

Frage-Nr.: 2115
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 16
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-04-18

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