Heiko Mell

Menschen nur ein Nebenaspekt?

Frage: Dass Menschen in einem Unternehmen nur ein Nebenaspekt seien, ist eine gewagte These.

Antwort:

Ich greife diesen Kernsatz aus Ihrer etwas längeren, noch andere Themen aufgreifenden Darstellung heraus. Die Beschäftigung mit diesem Aspekt ist mir ein Anliegen – stoßen wir doch hier auf eine zentrale Basis des Angestelltendaseins.Sie beziehen sich auf meine Antwort zum Beitrag Nr. 297 der Rubrik „Notizen aus der Praxis“ („Darf ein Feldherr seine Soldaten lieben?“). Ich schrieb dort: „Man muss eben wissen: Unternehmen sind nicht dazu da, um Menschen zu beschäftigen. Letzteres ist eher ein mehr oder weniger unabwendbarer Nebenaspekt.“ Und ich wusste natürlich, dass ich damit provozieren würde.

Lassen Sie mich einmal so beginnen: Sie sind Professor, zentraler Mittelpunkt Ihres täglichen beruflichen Wirkens ist vermutlich die Hochschule. In diesem „Unternehmen“, da gibt es überhaupt keinen Zweifel, sind die Menschen die Hauptsache. Es geht ja vorrangig um deren Belange.Das, und etwas davon will ich meinen Lesern vermitteln, damit sie sich in der betrieblichen Praxis besser und reibungsärmer orientieren können, ist in klassischen, auf Profiterzielung ausgerichteten Unternehmen absolut nicht so! Solche Firmen werden gegründet, unterhalten bzw. ihre Anteile werden erworben, um Gewinn zu erzielen. Die dort beschäftigten Menschen sind Mittel zum Zweck. Natürlich geht es gerade bei produzierenden Konzernen nicht ohne – aber es ist ein Nebenaspekt, der keinesfalls im Vordergrund steht.

Maßgebend für das, was in oder mit einem Unternehmen geschieht, sind die Eigentümer, bei einer AG die Aktionäre. Stellen wir uns nun eine Hauptversammlung in zwei Varianten vor:

a) Der Vorstandsvorsitzer erläutert seinen Anteilseignern: „Wir beschäftigen heute 100.000 Mitarbeiter.“ Frenetischer Beifall, einzelne „Bravo“-Rufe. Er fährt fort: „Und wir verfolgen das Ziel, in Kürze 150.000 Mitarbeiter zu haben und damit einem noch größeren Teil der Bevölkerung Arbeit und Brot zu geben. Wir dienen damit verstärkt der Gesellschaft, darauf bin ich stolz.“ Die Aktionäre springen auf, applaudieren länger und anhaltender als die Delegierten auf einem Parteitag. Am nächsten Tag überschlagen sich die Medien. Einhellige Meinung: Bundesverdienstkreuze für den gesamten Vorstand.

b) Der Vorstandsvorsitzende: „Der Gewinn wurde im Berichtszeitraum um 27 % gesteigert.“ Sehr engagierter, anhaltender Beifall. Weiter: „Und wir sind sicher, im nächsten Jahr weitere 30 % erreichen zu können. Das wird sich auf Ihre Dividende und auf den Kurs unserer Aktie äußerst positiv auswirken.“ Die Aktionäre erheben sich wie ein Mann und applaudieren begeistert. Am nächsten Tag steht vielleicht nicht nur in der Zeitung, wie erfolgreich das Unternehmen gewirtschaftet hat und weiter wirtschaftet, der Vorstandsvorsitzer ist auch kurz vor der Ernennung zum Manager des Jahres. Und wenn dann ein halbes Jahr später auch noch bekannt gegeben wird, dass man sich kurzfristig von 10.000 Mitarbeitern trennen wird, jubelt die Börse und sind die Aktionäre noch glücklicher – wieder wurde ein Kostenfaktor drastisch reduziert.

So, welches Szenario ist wohl wahrscheinlicher? Ich habe nicht gesagt, die Mitarbeiter eines Unternehmens seien etwa unwichtig. Es geht nicht ohne sie. Aber: Man gründet kein Wirtschaftsunternehmen, um Mitarbeiter zu beschäftigen. Wenn es jemandem gelingt, mit der halben Belegschaft den doppelten Gewinn zu erzielen, gilt dieser Mensch als unternehmerisches Genie. Umgekehrt wäre seine sofortige Entlassung angesagt.

Ich habe dieses System nicht geschaffen, ich kritisiere es auch nicht. Beschäftigt man sich viele Jahre lang mit den Details, dann lernt man: Das muss so sein, wenn dieses System funktionieren soll. Und ein anderes hat sich nicht erfolgreich etablieren können.

Mir ist es wichtig, den betroffenen Mitarbeitern zu verdeutlichen, wie unser System aufgebaut ist und welche Rolle sie darin spielen. Daher meine beiden weiter oben zitierten Aussagen im damaligen Beitrag. Je besser man über das System Bescheid weiß, je mehr man sein Funktionieren versteht, desto besser kann man seine eigenen Belange darin zur Geltung bringen. Und wenn beispielsweise die Beschäftigung von Mitarbeitern nicht vorrangiger Zweck eines Unternehmens ist – sondern etwas anderes – dann wird diese Beschäftigung ein Nebenaspekt.

Wobei ich zwischen „Nebenaspekt“ und „unverzichtbar“ keinen Widerspruch sehe: Beim Auto beispielsweise sind die Fensterscheiben unverzichtbar, säße man doch sonst entweder im Dunkeln oder im Durchzug. Aber wenn man ein Auto betrachtet, wird man sich kaum vorrangig der Scheiben annehmen. Auch ein Testbericht wird nicht formulieren: „Schlapper Motor, mieses Fahrwerk, aber klasse Fensterscheiben.“Ich möchte gern vermeiden, dass Mitarbeiter kostbare Energie verschwenden, weil sie sich über Gegebenheiten im Unternehmen aufregen, beklagen oder davon überrascht werden, die einfach systemimmanent und damit unabwendbar sind. Beispielsweise muss praktisch jeder Mitarbeiter, der gestern noch eine wichtige Rolle im Unternehmen spielte, damit rechnen, morgen mit seinem Arbeitsplatz verkauft zu werden, zu einem als überflüssig erkannten und als schließenswert eingestuften Geschäftsbereich zu gehören usw. Darauf muss man vorbereitet sein und dafür muss man rechtzeitig vorsorgen.

Natürlich arbeite ich oft mit überspitzten Beispielen. Aber das mit dem primären Ziel eines Unternehmens und dem Nebenaspekt ist nicht so falsch wie man hoffen möchte.

Kurzantwort:

Unternehmen beschäftigen Mitarbeiter. Aber sie wurden weder gegründet, noch werden sie am Leben erhalten, um genau das zu tun. Ihr Primärziel ist ein anderes. Die Mitarbeiter sollten sich dessen bewusst sein.

Frage-Nr.: 2107
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-03-28

Top Stellenangebote

Hochschule Merseburg-Firmenlogo
Hochschule Merseburg Professur Fertigungstechnik (W2) Merseburg
Hochschule Merseburg-Firmenlogo
Hochschule Merseburg Professur Konstruktionstechnik (W2) Merseburg
THD - Technische Hochschule Deggendorf-Firmenlogo
THD - Technische Hochschule Deggendorf Professor oder Professorin (m/w/d) Unternehmensführung und Technologiemanagement (W2) Pfarrkirchen
Niedersächsische Landesamt für Bau und Liegenschaften-Firmenlogo
Niedersächsische Landesamt für Bau und Liegenschaften Technische Referendare / Bauoberinspektor-Anwärter (m/w/d) Hannover
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH)-Firmenlogo
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH) Professor (m/w/d) für Automatisierungstechnik und Mikroprozessor-Systeme W2 Zwickau
Staatliches Baumanagement Niedersachsen-Firmenlogo
Staatliches Baumanagement Niedersachsen Technische Referendare / Bauoberinspektor- Anwärter (m/w/d) Hannover
Hochschule Osnabrück-Firmenlogo
Hochschule Osnabrück Professur (W2) für nachhaltige Lebensmittel- und Verpackungstechnik Osnabrück
Hochschule für angewandte Wissenschaften München-Firmenlogo
Hochschule für angewandte Wissenschaften München W2-Professur für Bauproduktionsplanung und Prozessoptimierung (m/w/d) München
Hochschule Hannover-Firmenlogo
Hochschule Hannover W2-Professur Physik und Messtechnik Hannover
Hochschule Ruhr West-Firmenlogo
Hochschule Ruhr West Kanzler der Hochschule Ruhr West (m/w/d) Mülheim an der Ruhr
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.