Heiko Mell

Man will mir ans Geld!

Frage: Ich bin im Konzernverbund eines weltweit operierenden Unternehmens in einer Gruppenleiter-Funktion tätig. Unser Standort mit geringer Beschäftigtenzahl wird als eigenständige GmbH geführt.
Diese GmbH hat sich nun aus dem Arbeitgeberverband gelöst, um in direkten Verhandlungen die Gehälter zu drücken. Man hört aus den gerade mit der Gewerkschaft aufgenommenen Verhandlungen von mehr als 10 %. Man hört ebenfalls, dass dies auch im AT-Bereich umgesetzt werden soll.
Wie sollte man sich als (nicht organisierter) AT-Angestellter hierzu stellen? Die Arbeit liegt mir, im Allgemeinen fühle ich mich im Unternehmen wohl, mein Engagement geht deutlich über den Durchschnitt hinaus, was mir auch Vorgesetzte bestätigen. Aber gleiche Leistung für weniger Geld?
Natürlich gibt es eine wirtschaftliche Begründung – im Wesentlichen drastisch gestiegene Materialpreise, die an Kunden so nicht weitergegeben werden konnten. Jedoch droht nach meiner Beurteilung der vorgestellten Zahlen kein kurz- oder mittelfristiger Bankrott, der eine Notaktion rechtfertigen würde.

Auf Ihre Meinung dazu bin ich gespannt.

Antwort:

Ich sehe diese Aspekte als wesentlich an:

1. Sie dürfen sich ärgern (wenn es denn „amtlich“ wird)! Das Recht dazu bestreitet Ihnen niemand. Wir leben in einem kapitalistischen System, Geld ist wenn schon nicht alles, dann doch sehr viel. Und man arbeitet sich mühsam, Euro für Euro, an das heutige Gehalt heran, da ist jeder Verlust ärgerlich. Alle ärgern sich, wenn etwas „runtergeht“, ob es Umsätze, Gewinne, DAX-Werte oder produzierte Stückzahlen sind. Da dürfen Sie das auch. Am besten zu Hause oder am Stammtisch.

Selbst Ihre Chefs wissen(!), dass Sie und alle anderen sich ärgern werden und dass die Gefahr besteht, dass Sie abwandern. Schreien Sie also dort, wo niemand Sie hört, einmal ganz laut. Das beruhigt.

2. Ein direkter, langanhaltender Groll ist nicht gerechtfertigt – weil Ihr heutiges Gehalt eine fiktive, willkürlich festgesetzte Größe ist. Die Summe ist weder wissenschaftlich zu „beweisen“, noch gerecht, noch „richtig“. Sie hatte sich ergeben aus Marktverhältnissen, aus jahrzehntelangem Machtpoker zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften (auch AT-Gehälter orientieren sich am Tarif), aus der Schärfe oder der Nachgiebigkeit Ihres Personalleiters und Ihres Chefs, beeinflusst durch Glück und/oder Zufall. 6.000,- Euro pro Monat sind ebenso korrekt wie 5.400,- Euro, aber die letztgenannte Summe ist kleiner. Mehr ist nicht dazu zu sagen.

3. Es ist üblich, dass Angestellte ihre persönliche Lebensführung auf das verfügbare Einkommen ausrichten: Miete, Autokredit, Urlaubsrücklagen, zusätzliche Altersversorgung, Sparrate, Kleidung, Essen, Versicherungen etc. etc. Da kann eine Reduzierung des monatlichen Nettoeinkommens schon treffen. Aber es wird erwartet, dass Sie Ihre Finanzplanung auf das neue Gehalt umstellen – dann wird eben das nächste Auto kleiner oder der nächste Urlaub billiger.

4. Zum Glück gilt: Von 600,- Euro/Monat mehr bliebe Ihnen nur ein Bruchteil netto übrig. Adäquat „kosten“ Sie 600,- Euro/Monat weniger netto nur einen Bruchteil davon!

5. Die mehr als 10 % weniger, von denen Sie aus den Verhandlungen gehört haben, sind erst einmal Wünsche bzw. Forderungen Ihres Arbeitgebers. Was davon übrig bleibt, müssen Sie abwarten.

6. Was Sie bewegt, ist der Versuch, Ihren „Besitzstand“ zu wahren. Das ist einer der größten Denkfehler, die wir generell machen! Wo steht, dass Einkommen nur steigen dürfen, dass Senkungen tabu zu sein haben, dass Löhne z. B. wegen internationaler Wettbewerbskonstellationen nicht auch einmal gesenkt werden dürften bzw. müssten?

Besitzstandsdenken verstößt gegen die Prinzipien der Marktwirtschaft. Jeder Selbstständige, jeder Unternehmer, jeder Ladenbesitzer, jeder Vertriebsmann mit Umsatzprovision lebt mit Einkommensschwankungen, die leicht 50 % und auch sehr viel mehr umfassen können.

Jeder Nicht-Angestellte dieser Kategorie küsst Ihnen die Füße, wenn Sie ihm garantieren, dass sein Einkommen nie mehr als 10 % unter einen bestimmten Wert fällt.Und: Preise schwanken ja auch in beide Richtungen. Warum dann nicht auch Löhne? Die Antwort heißt vor allem: Machtpolitik. Und das wiederum ist das gute Recht entsprechender Interessenvertreter.Aber prägen Sie sich ein: Besitzstandsdenken ist mit Marktgesetzen nicht vereinbar. Es mag menschlich verständlich sein, ist aber ein Verstoß gegen die Regeln des Systems.

7. Auch die Sicht des Unternehmens müssen wir beleuchten, damit Sie etwas mehr Verständnis dafür entwickeln:

Es ist falsch, absolut falsch, nur den drohenden Bankrott als Grund für Sparmaßnahmen zu akzeptieren. Die Geschäftsführung Ihrer kleinen Gesellschaft wird unter starkem Druck der Konzernmutter stehen, eine gewisse Mindestrendite zu erzielen, die sehr(!) deutlich oberhalb der „roten Zahlen“ angesiedelt ist. Und der Konzernvorstand steht unter dem Druck der Börsenanalysten, der Medien und der eigenen Aktionäre, eine bestimmte Mindestrendite zu erzielen.

Der Sinn unternehmerischen Tuns ist es nicht, gerade so eben die Insolvenz zu verhindern, sondern maximalen Profit zu erzielen. Wir leben in einem sich selbst regulierenden System, in dem von allen Seiten entsprechender Druck ausgeübt wird. Und: Wenn die Konzernrendite sinkt, fällt der Aktienkurs. Das erleichtert feindliche Übernahmen. Deswegen ist eine hohe Rendite das Beste, was einer Gesellschaft geschehen kann (die nicht gegründet wurde, damit Leute dort Beschäftigung finden – ist kein Unternehmenszweck!).

Wenn die Rendite sinkt, muss entweder der Umsatz rauf (schwierig, meist nur über Preisnachlässe machbar, die wiederum die Rendite drücken) oder die Kosten müssen runter. Letzteres geht relativ einfach bei dem Faktor Personal. Entweder müssen Leute raus oder Löhne runter. Ihre Geschäftsführung hat eine Lösung gefunden, die zumindest die Arbeitsplätze erhält. Sie müssen über die Reduzierung nicht jubeln, aber grundsätzliches Verständnis dafür aufbringen. Oder gehen.

Kurzantwort:

Die Abneigung des Angestellten gegen Einkommenseinbußen ist verständlich. Andererseits ist das Prinzip der Besitzstandswahrung nirgends zwingend im System verankert (und auch nicht logisch, da der jeweilige Besitzstand mehr zufällig und aus Machtkämpfen heraus als etwa auf wissenschaftlich-systematischer Basis entstanden ist).

Frage-Nr.: 2064
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 42
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-10-21

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