Heiko Mell

Wann Mutter werden?

Frage: Ich bin jetzt 23, studiere im achten Semester Wirtschaftsingenieurwesen und mache mir gerade sehr viele Gedanken über die Familienplanung. Ich weiß, dass diesbezüglich nicht alles planbar ist, jedoch bin ich mir nicht sicher, wann sich so etwas am besten in meine Karriereplanung einbauen ließe.

Ich merke zwar, dass bereits einige Politiker das Problem der Familienplanung von Akademikerinnen erkannt haben, dennoch bezweifle ich, dass sich in den nächsten Jahren grundlegende Veränderungen in den Ansichten der Unternehmen durchsetzen werden.

Bisher habe ich sehr konsequent und zielstrebig meine Ausbildung vorangetrieben und würde daher ungern meine Karriere schon aufs Spiel setzen, bevor sie begonnen hat. Auf der anderen Seite werde ich sicherlich auch in acht Jahren, wenn ich mich vielleicht „karrieretechnisch“ im optimalen Alter befinde, ungern pausieren.

Wann ist Ihrer Meinung nach der geeignetste Punkt für eine Akademikerin, um ein Kind zu bekommen?

Antwort:

Vertrauen ehrt – aber ich werde ihm kaum gerecht werden können. Weil es auf Ihre Frage zum Glück keine pauschale Antwort gibt! Hier kann nur jede Frau, jedes Paar eine individuelle Lösung finden. Die im Einzelfall von zahlreichen Details abhängt.

Ich finde das auch gut so. Stellen Sie sich nur einmal vor, es gäbe die Möglichkeit einer konkreten Empfehlung. Dann würden, sofern die Lösung überzeugend ausfällt, die deutschen Akademikerinnen „wie eine Frau“ alle gemeinsam an einem bestimmten Punkt ihres Lebenslaufes schwanger werden. Abgesehen von anderen Aspekten dieses Horrorszenarios würde dieser (aus Arbeitgebersicht) „kalkulierbare Katastrophenzeitpunkt“ massive Abwehrmaßnahmen der Unternehmen auslösen („bloß keine jungen Frauen zwischen x und y Jahren einstellen – das umfasst genau die allseits empfohlene Gebärphase“). Wünschen Sie sich eine solche zentrale Empfehlung also lieber nicht.

Dennoch will ich zumindest eine Annäherung ans Thema versuchen. In bewährter Form liste ich Aspekte auf, die ich dabei für wichtig halte. Sie müssen individuell bewerten, was für Sie Priorität hat:

1. Ausnahmslos alle lebenden Menschen dürften glücklich darüber sein, dass ihre Mütter sich seinerzeit irgendwie auch für ein Kind entschieden und nicht einseitig nur auf Karriere gesetzt hatten. Das gilt uneingeschränkt auch für Akademikerinnen.

Anders herum gesagt, glaube ich nicht, dass folgender Gedanke weit verbreitet ist: „Ich wünschte, meine Mutter hätte damals mehr an ihre Karriere gedacht, statt mich in die Welt zu setzen.“Aber dieser Punkt, praktisch als Einleitung gedacht, berührt die – von Ihnen gar nicht gestellte – Frage nach dem „Ob“, nicht die nach dem „Wann“. Die hier getroffene Aussage ist auch ein Appell, trotz drohender Probleme Ihre Grundentscheidung für Kinder nicht in Frage zu stellen. So groß die Schwierigkeiten im Einzelfall auch sein mögen: Ich hätte nie gewollt, dass Sie dann gleich das ganze Projekt aufgeben.

2. Sie sprechen – lassen wir die Politiker hier einmal außen vor – die „Ansichten der Unternehmen“ an. Erwarten Sie auf diesem Gebiet keine Wunder. Die Firmen nehmen zu Themen wie diesem in einem kapitalistisch-marktwirtschaftlichen System eine Haltung ein, die sich zwingend aus ihrer Rolle ergibt. Und die Regeln dieses Systems verpflichten das einzelne Unternehmen zu kurz- bis allerhöchstens mittelfristig angelegtem Profitdenken, zu dem daraus resultierenden Streben nach maximaler Effizienz und allgemeiner Wirtschaftlichkeit sowie einer ausgesprochen egoistischen Grundhaltung. Für Häuser mit hundert oder auch ein paar tausend Mitarbeitern stehen generell weder volkswirtschaftliche, gesellschaftspolitische, soziale, noch Gerechtigkeits-Überlegungen im Vordergrund. Denken sie anders, besteht die Gefahr, im gnadenlosen Wettbewerb unterzugehen.

Ausnahmen beruhen meist auf dem Engagement einzelner Unternehmerpersönlichkeiten. Und dass einige Großunternehmen teilweise in dieser Frage eine ausgesprochen fortschrittliche Haltung einnehmen (von allgemeiner Frauenförderung bis hin zum Betriebskindergarten), muss zumindest teilweise auch unter „Öffentlichkeitsarbeit/Image“ oder unter dem Aspekt „Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt“ verbucht werden.Unternehmen tun, was ihnen nützt. Da liegt übrigens der Hebel für wirkliche und tiefgreifende Veränderungen: Falls eines Tages Bewerberinnen einer bestimmten Berufsgruppe extrem knapp werden, steigt die Bereitschaft der Firmen, Interessentinnen dieser Kategorie Zugeständnisse zu machen, um so die letzten Reserven des Arbeitsmarkts zu erschließen. Dazu gehört dann ein breites Spektrum von denkbaren Maßnahmen auch im Falle von Akademikerinnen mit Kind oder Kinderwunsch.

Aber bis es soweit ist, haben allgemeine Forderungen („die müssten doch …“) an Unternehmen keinen Sinn. Insbesondere die zahlreichen kleineren und mittelgroßen Firmen fühlen sich nicht berufen und/oder verpflichtet, demografische, gesellschaftliche oder private Probleme zu lösen. Als ein Schlüssel, um die Denkweise der Firmen zu verstehen, mag gelten: Es gibt „die Unternehmen“ als gemeinschaftlich denkenden oder handelnden Verbund nicht – der vielleicht auch volkswirtschaftlich denken würde. Es gibt nur lauter individuell denkende und handelnde Einzelunternehmen, die mehr an ihren betriebswirtschaftlichen Ergebnissen interessiert sind als dass sie sich etwa ständig als Teil der Volkswirtschaft begreifen würden.

Und wenn einzelne Firmen sozial oder sehr sozial denken und handeln, dann gegenüber Mitarbeitern, die sie schon haben, nicht so sehr gegenüber Bewerbern, die bereits entsprechende Probleme (oder konkrete Pläne in dieser Richtung) mitbringen.Rechnen Sie also eher nicht damit, anlässlich von Bewerbungen auf potenzielle (kommerzielle) Arbeitgeber zu treffen, die sich geradezu begeistert zeigen, wenn Sie Ihre konkrete Familienplanung im Vorstellungsgespräch dort unterbreiten. (Im öffentlichen Dienst ist vieles anders, und Beamtinnen scheinen in dieser Hinsicht Möglichkeiten zu haben, die Mitarbeiterinnen in der freien Wirtschaft fast schon traumhaft nennen würden.)

3. Wenn Sie sich als Berufsanfängerin bewerben und haben Ihre Kinder schon, müssten Sie mit Nachteilen gegenüber solchen Kandidatinnen rechnen, die (noch) ohne Kinder sind: Berufspraxis und damit der Beweis der Berufstauglichkeit liegen noch nicht vor, es steht eine aufwändige Einarbeitung an, die räumliche und zeitliche Beweglichkeit ist eingeschränkt, im Konfliktfall „Kind (oder Betreuungsperson) ist krank“ gegen „Chef hat Leistungsansprüche“ ist der Ausgang für den Vorgesetzten oft weniger schmeichelhaft (was er als Mensch und Vater stets versteht, aber …).Wenn Sie also planen wollen und können, ist die Phase vor dem Berufseinstieg vermutlich kein optimaler Zeitraum.

4. Wenn Sie schon etwas Karriere gemacht haben, bereits größere Sach- oder Führungsverantwortung tragen, ist beispielsweise ein Rückzug in eine dreijährige Elternzeit oder eine noch längere Pause ein ziemlicher Einschnitt. Ob dann später ein Wiedereinstieg auf dieser gehobenen Verantwortungsebene möglich wird, ist äußerst fraglich. Ein Rückschritt gegenüber der letzten Tätigkeit jedoch wäre weder für Sie noch für den Arbeitgeber leicht zu realisieren.

Also auch dies wäre vermutlich kein optimaler Zeitpunkt.

5. Wenn die Einarbeitung nach dem Studium abgeschlossen ist und die ersten Jahre Praxis vorliegen, ist meist noch keine herausragende Position erreicht. Sie wären dann z. B. Entwicklungsingenieurin und würden beim späteren Wiedereinstieg zwangsläufig wieder Entwicklungsingenieurin.

Sofern der Nachwuchs überhaupt so konkret planbar sein sollte, scheint diese Phase noch am besten geeignet zu sein.

6. Natürlich hat auch der Partner mit seiner eigenen beruflichen Situation und seiner weiteren Planung erheblichen Einfluss. Ein für Sie günstiger Zeitpunkt kann in seinen Werdegang überhaupt nicht hineinpassen. Auch das läuft auf den unumgänglichen Kompromiss hinaus.

7. Als Ausblick und Empfehlung: Planen Sie nicht zuviel. Wenn Sie so weit sind oder es sich ergibt, tun Sie es einfach. Ziehen Sie dann Ihr „Projekt“ durch und lösen Sie die mit Sicherheit auftauchenden Probleme so gut es geht. Irgendwie geht es immer weiter.

8. Ausdrücklich als Meinung eines lebenser­fahrenen Menschen deklariert: Für mich hat, man kann es hier und anderswo nachlesen, Karriere einen sehr hohen Stellenwert. Aber ein Kind hat in meinen Augen einen noch höheren. Es ist mehr, viel mehr als ein in einer „günstigen“ beruflichen Konstellation zwischengeschobenes Vorhaben. Aber das ist nur die Aussage eines Mannes …

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2031
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 25
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-06-23

Top Stellenangebote

Hays AG-Firmenlogo
Hays AG Embedded Software Entwickler (m/w/d) Berlin
Hays AG-Firmenlogo
Hays AG Senior Project Engineer (m/w/d) München
Fakultät für Maschinenbau Leibniz Universität Hannover-Firmenlogo
Fakultät für Maschinenbau Leibniz Universität Hannover Universitätsprofessur (m/w/d) W3 für Sensorsysteme der Produktionstechnik Garbsen
Technische Hochschule Bingen-Firmenlogo
Technische Hochschule Bingen Professur (W2) Immissionsschutz (w/m/d) Schwerpunkt Luftreinhaltung Bingen am Rhein
Technischen Hochschule Bingen-Firmenlogo
Technischen Hochschule Bingen Professur Immissionsschutz (m/w/d) Schwerpunkt Luftreinhaltung Bingen am Rhein
Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm-Firmenlogo
Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm Professur (W2) für das Lehrgebiet Elektrische Energiespeicher für Intelligente Netze und Elektromobilität Nürnberg
Honda R&D Europe (Deutschland) GmbH-Firmenlogo
Honda R&D Europe (Deutschland) GmbH Entwicklungsingenieur (m/w/d) im Bereich Fahrerassistenzsysteme Offenbach
Technische Hochschule Rosenheim-Firmenlogo
Technische Hochschule Rosenheim Professur (W2) Lehrgebiet: Verfahrenstechnische Simulation Burghausen
Technische Hochschule Rosenheim-Firmenlogo
Technische Hochschule Rosenheim Professur (W2) Lehrgebiet: Informatik mit Schwerpunkt Datenanalyse Burghausen
Universität Stuttgart-Firmenlogo
Universität Stuttgart W3-Professur "Fahrzeugkonzepte" als Direktor/-in des Instituts für Fahrzeugkonzepte Stuttgart
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…