Heiko Mell

Unter moralisch-ethischen Aspekten zu weit gegangen?

Wenn ich Sie in Ihrer sehr guten und anregenden Serie „Karriereberatung“ richtig verstehe, wollen Sie dort die Realität des Berufslebens von uns Ingenieuren verdeutlichen, ohne eine moralisch-ethische Bewertung typischer Vorgänge oder Verhaltensweisen. Das ist für mich eine der wesentlichen Randbedingungen Ihrer Empfehlungen.

In der 2.013. Frage gehen Sie im letzten Absatz mit diesem Konzept aber zu weit. Es ist wohl so, dass Täuschungen und der geschickte Einsatz von Halbwahrheiten weitgehend üblich sind. Aber darf man so ein Verhalten empfehlen, mit dem Hintergrund, dass Ihre Serie Vorbildcharakter hat? Zu bedenken ist doch neben der ethischen Problematik, dass langfristige Erfolge unter Geschäftspartnern und in Arbeitsverhältnissen nur auf einer Vertrauensbasis aufbauen können, die gegenseitige Ehrlichkeit und Achtung voraussetzt.

Antwort:

Sie sind – vermutlich beamteter – Hochschullehrer und haben natürlich grundsätzlich Recht.

Erklären wir den anderen Lesern erst einmal grob den damaligen Fall: Ich hatte es mit einem anfragenden jungen Mann zu tun, der zehn Semester länger als üblich studiert hatte und nun auch schon wieder ab Studienende viele Monate arbeitslos war. Eine der angegebenen Ursachen war „Jobben“ während des Studiums gewesen.

Ich riet ihm, er müsse zunächst einmal im Bewerbungsprozess schriftlich wie mündlich „rüberbringen“, dass er zumindest heute die Regeln anerkennt – die u. a. zum Studium sagen: „Kurz + gut ist empfehlenswert.“ Ich riet zu einer Einstellung wie: „Lange Studien sind schlecht, ich habe große Fehler gemacht, ich sehe das ein, ich bereue das, ich würde es heute anders machen.“

Ich empfahl dem damaligen Fragesteller also, in diesem Sinne zu argumentieren. Das haben Sie, geehrter Einsender, nicht beanstandet. Obwohl ja auch hier die Gefahr gegeben ist, dass der damalige Fragesteller nur aus Opportunismus heraus „stromlinienförmig“ antwortet, aber nicht im Traum daran denkt, wirklich so zu empfinden – dass er also schwindelt.

Und dann ließ ich durchblicken, dass ja das lange Studium sich aus dem Zeitraum zwischen Studienanfang und Studienende ergäbe. Wobei das Ende im Examenszeugnis festgehalten worden wäre – der Anfang aber in keinem Dokument. Punkt. Es könnte also sein, meinte ich, dass bei nochmaligem Nachrechnen der Studienbeginn deutlich später gelegen hätte. Auch Punkt. Diesen Hinweis haben Sie kritisiert.

Ich bin schon sehr für absolute Wahrheit. Außer Kunden gegenüber, das ist im Geschäftsleben nicht üblich, sondern gilt als ruinös. Oder Bewerbern gegenüber. Das ist auch nicht üblich, weder in Anzeigen (fallweise ist es sogar „verboten“), noch bei Absagen (dort ist es sehr oft verboten). Und außer Mitarbeitern gegenüber, deren Chef man ist. Schließlich sollen die ja auch morgen noch motiviert zur Arbeit kommen. Na ja, auch außer Nachbarn, Kollegen und Ehepartnern gegenüber. Weil – na lassen wir das.

Der Mensch ist es gewohnt, sich jeden Tag mit Halbwahrheiten, mit Teilgeständnissen, mit guten Ausreden und schlechten Erklärungen so durchzumogeln. Jedenfalls im Bereich von Kleinigkeiten, eher unwesentlichen Begleitumständen, im Falle von Motiven und Absichten, bei der Angabe von Gründen für den beabsichtigen Arbeitgeberwechsel etc.

Wobei gerade bei Bewerbungen noch ein Umstand erwähnt werden muss, der Außenstehenden seltsam vorkommen mag:Ich beispielsweise habe etwa 15.000 Vorstellungsgespräche geführt – mit 15.000 Erklärungen zum Grund des Wechsels, zum Verhältnis gegenüber dem Chef, zu Zukunftsplänen, Karriereabsichten etc. Ja, meinen Sie denn, ich habe das etwa alles geglaubt, was mir da aufgetischt wurde? Vieles lässt sich gar nicht mehr nachprüfen, für anderes brauchte man eine Armee von Privatdetektiven. Nein, wir Arbeitgebervertreter sind ja oft schon zufrieden, wenn der Kandidat eine Antwort gibt, die zwar nicht alle unsere Zweifel beseitigt, aber doch zeigt, dass er jetzt die Regeln anerkennt und sagt, was in der Situation gesagt werden muss.

Damit kein Zweifel besteht: Bei wirklichen Falschaussagen in Bewerbungsangelegenheiten gibt es weder Toleranz noch Gnade. Ich plädiere sogar dafür, einen Aufhebungsvertrag im Vorstellungsprozess in jedem Fall offenzulegen – selbst wenn niemand danach fragt! Ebenso erwarte ich, dass zwischen dem Lebenslauf und den Zeugnissen keine Differenzen auftauchen, weder bei Zeitangaben, noch bei hierarchischen Ebenen etc. Nein, wie wohl jeder Profi verlange ich in diesem gesamten Prozess Präzision und wahrheitsgemäße Angaben.

Warum dann jener sanfte Hinweis an jenen Einsender? Da ist einmal die Frage des Zeitpunkts, der betroffen war. Die strengen Vorschriften, zu denen beispielsweise auch absolute Lückenlosigkeit gehört, gelten so richtig erst ab Examensdatum. Wenn einmal eine kleine Unklarheit zwischen Schule und Studium bleibt oder ein Detail während des Studiums nicht so ganz eindeutig ist, dann neige ich (und viele andere folgen mir) zu einer gewissen Großzügigkeit – auch mit Rücksicht auf das damalige Alter des Kandidaten. Ich räume in gewissen Grenzen jungen Menschen durchaus ein „Recht auf Irrtum“ ein – sofern deutlich wird, dass sie heute die richtige Einstellung zu den Regeln des Systems haben.

Hinzu kam, dass der damalige Einsender durch ein viel zu hohes Alter bei Studienabschluss ohnehin in seinen Chancen beeinträchtigt und als „Regelverstoßer“ zweifelsfrei erkennbar bleibt.

Vor allem aber gilt: Zählt man alles zusammen, was jener Einsender – selbstverschuldet, keine Frage – an „Belastungen“ auf sein Haupt geladen hatte, dann müsste man ihm, sagte er überall nur die volle Wahrheit, Chancenlosigkeit voraussagen. Das bedeutet: Wieder ein Fall von Dauerarbeitslosigkeit vom Examen an. Natürlich ist es auch für ihn ein Risiko (er allein trägt es), im Bewerbungsprozess nicht die volle Wahrheit zu sagen. Aber die Gefahr, in diesem Fall damit aufzufallen, ist recht klein. Also muss er – muss die ganze Volkswirtschaft – abwägen: Gesteht man diesem Mann in einem weniger wichtigen Detail etwas Spielraum zu und gibt ihm – vielleicht – damit eine Startchance oder stampft man ihn von Anfang an in Grund und Boden, bevor er noch mit dem Arbeiten angefangen hat? Einen Top-Job bei einem der „großen Namen“ bekommt er ohnehin nicht.

Und da ich natürlich Ihre Vorbehalte gegen nicht ganz „saubere“ Vorgehensweisen teile, hier noch einmal die Versicherung, dass auch die andere Seite im Bewerbungsprozess im letzten Detail mit der Wahrheit nicht so umgeht, dass sie sich etwa aufs hohe Ross setzen dürfte. Wie ich es schon öfter einmal formuliert habe: Beide Seiten sind einander würdig. Das schließt im Einzelfall Hinweise wie den damals von mir – vorsichtig – gegebenen mit ein.

Und wenn ich mir das bisher Geschriebene meiner Antwort durchlese, dann sehe ich die Notwendigkeit, einen Aspekt noch etwas zu ergänzen. Vorsichtshalber, damit sich niemand etwa Illusionen macht: Sie, geehrter Einsender, schreiben, dass …“langfristige Erfolge unter Geschäftspartnern … nur auf einer Vertrauensbasis aufbauen können, die gegenseitige Ehrlichkeit und Achtung voraussetzt“. Ich wollte, es wäre so. Aber was heute unter Geschäftspartnern – auch bei langjährigen Beziehungen – so üblich ist, spottet jeder Beschreibung. Da werden teilweise langfristige erfolgreiche Beziehungen mit einer Kaltschnäuzigkeit abgewürgt, die jeder Beschreibung spottet. Und viele entlassene Arbeitnehmer würden ein wenig mehr Achtung auch sehr gern erfahren haben …

Frage-Nr.: 2023
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-05-26

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