Heiko Mell

Endlich mit meinem Mann in einer Stadt …

Frage: Ich schreibe Ihnen in der Hoffnung, dass Sie Klarheit in meinen mittlerweile völlig verunsicherten Blick in die kurz- bis mittelfristige Zukunft bringen können.
Mein sehnlichster Wunsch ist es, endlich mit meinem Mann in der gleichen Stadt leben zu können, ohne damit seine Karriere völlig über den Haufen zu werfen.
Sein bisheriger Weg: Nach einem durchschnittlichen Abitur begann er das …-Studium an der Universität, wo er jedoch nach mehreren Semestern resignierend feststellen musste, dass er wohl an einem Fach scheitern würde. Er wechselte an die FH und beendete dort nach einigen weiteren Semestern sein Studium mit dem Dipl.-XX mit der Gesamtnote 1,x. Im direkten Anschluss erhielt er eine Festanstellung.
Nach einem halben Jahr kehrte er an die FH zurück, um in seinem Fachgebiet den Master in drei Semestern oben drauf zu setzen (Gesamtnote 1,x). Während dieser Zeit arbeitete er in derselben Firma halbtags weiter. Nach dem Masterabschluss ließ sich jedoch aus dieser Halbtags- nicht wieder eine Ganztagsstelle machen. Er fand zum Glück anderswo eine Vollanstellung. Dies ist nun etwas über zwei Jahre her, die Arbeit läuft gut, er ist jetzt Ende 20 und arbeitet in A-Stadt.

Nun kommt mein Problem: Meine Eltern (bzw. ihre Firma) brauchten mich dringend in B-Stadt (ca. 175 km von A-Stadt entfernt). Aus einem akuten Notfall wurde leider inzwischen eine unumkehrbare Situation. Seither pendele ich. Damit mein Mann und ich wieder zusammen leben können, müsste er also nach B-Stadt ziehen. Daher meine Fragen:
Kann ich es meinem Mann und seiner Karriere zumuten, dass er jetzt schon wieder einen Wechsel vollzieht? Oder wie lange sollte er mindestens noch in der aktuellen Firma bleiben? Er ist derzeit …-Entwickler mit Perspektive auf eine Projektleitung. Bislang ergab sich für ihn jedoch kein eigenes Projekt mit Personalverantwortung. Dies wäre aber sein Traum bzgl. der nächsten Stelle!Muss er nun so lange in A-Stadt bleiben, bis er ein eigenes Projekt bekommt oder hat es eventuell jetzt schon Erfolgsaussichten, wenn er sich in B-Stadt um eine Projektleiterstelle bewerben würde (eventuell mit niedrigeren Gehaltvorstellungen – was wäre dann „niedrig“?)? Kann er das Private in einer Bewerbung thematisieren oder sieht es schlecht aus, wenn man wegen seiner Frau die Stadt und den Job wechselt?
Für einen Rat aus Ihrer Feder wäre ich Ihnen unglaublich dankbar, da ich mich derzeit überhaupt nicht mehr traue, meinen Mann auf unsere Situation anzusprechen.

Antwort:

Ihre Geschichte hat ordentlichen Tiefgang, man könnte stattdessen auch Konfliktpotenzial sagen. Zwei Aspekte fallen mir vorab auf:

a) Ich sehe hier aus grundsätzlichen Erwä­gungen nicht gern die Lebenslaufdetails oder privaten Probleme von Menschen durch Dritte ausgebreitet. Wegen der besonderen Nähe zwischen Eheleuten will ich eine Ausnahme machen (ich habe alle zur Identifikation der Person Ihres Mannes dienenden Details vollständig neutralisiert). Aber sagen wir es einmal so: Würden alle Frauen so verfahren, bekämen viele davon (zu Hause, nicht mit mir) ziemlichen Ärger. Ich verstehe ja Ihr Anliegen, aber wenn Sie beispielsweise beide unterzeichnet hätten, wäre mir wohler.

b) Sie stellen in einem kurzen Satz Ihre Situation als absolut unabänderbar dar, darüber diskutieren Sie nicht mehr. Sie lassen den Schluss zu, dass Ihre „zwingende“ Anwesenheit in B-Stadt mit der Firma Ihrer Eltern zu tun hat. Natürlich kann es sein, dass sich solch eine Notfallsituation für das Geschäft Ihrer Eltern ergibt. Aber in 1,5 Jahren kann man doch – den guten Willen vorausgesetzt – nahezu jede Führungssituation in einer Firma lösen, angefangen von der Einsetzung eines Geschäftsführers bis zum Verkauf. Hier muss es doch ein Abwägen geben zwischen Ihrem Wunsch, bei den Eltern einzuspringen, und den beruflichen Belangen Ihres Mannes. Kann es sein, dass Ihr Mann, hätte er diesen Brief geschrieben, einen ganz anderen Schwerpunkt bei dieser Frage gesetzt hätte („Wann frühestens kann ich meiner Frau zumuten, endlich wieder das elterliche Geschäft zu verlassen und dorthin zurückzukommen, wo sie hingehört, nämlich zu mir?“)?

Und, bei der Gelegenheit: Kann es weiterhin sein, dass Sie ohnehin eine recht starke Persönlichkeit sind und dass sich Ihr Mann bewusst oder instinktiv scheut, die Priorität der schwiegerelterlichen Firma für die gemeinsame Lebensplanung anzuerkennen und nach B-Stadt zu ziehen, wo Sie die Firma und Ihre Eltern im Rücken haben – und wo er meinen könnte, er und sein Beruf würden irgendwie zum Anhängsel ohne großen Wert degradiert?

Zur Sache selbst:

1. Es muss immer wieder ganz offen gesagt werden, dass unser System keine Lösung für dieses häufig auftretende Problem kennt: Zwei Partner sind beide engagiert berufstätig, ihre Wege verlaufen unterschiedlich, verlangen jedoch dauerhaft oder über einen gewissen Zeitraum hinweg jeweils einen anderen Dienst- und damit Wohnsitz. Hier bleibt nur der individuell zu findende Kompromiss.

2. Das Ausschöpfen aller oder doch der meisten beruflichen Möglichkeiten, die ein akademisches Studium begründet, verbietet eine totale Konzentration auf einen Standort. Der Akademiker muss im Hinblick auf den Arbeitgeber wechselbereit bzw. er muss sogar stets auf zwangsweise Wechsel gefasst sein. Für beides ist es dringend empfehlenswert, mindestens ganz Deutschland zu betrachten.Das heißt für Sie und Ihren Fall: Zöge Ihr Mann jetzt nach B-Stadt, könnten Sie diesen Teil des Problems vielleicht für drei bis sechs Jahre als gelöst betrachten. Dann könnte es für Ihren Mann ratsam sein, die Firma zu wechseln. Und der nächste Arbeitgeber sitzt dann in C-Dorf an der Knatter.

3. Das Selbstbewusstsein eines berufstätigen Mannes ist ein zartes Pflänzchen, dem man nicht zu viel zumuten darf. Dabei gibt es selbstverständlich individuell unterschiedliche Ausprägungen. Bei Ihrem Mann haben bisher folgende Faktoren, die wir aus Ihrem Brief kennen, eingewirkt: durchschnittliches Abitur (neutral); Resignation an der Uni wegen drohenden Scheiterns (sehr negativ); erfolgreicher Abschluss an der FH (leicht positiv); Festanstellung danach (positiv), aber dann muss ihn irgendetwas zum ja eigentlich im System nicht vorgesehenen FH-Master zusätzlich zum FH-Dipl.-XX bewogen haben, er fühlte sich allein mit dem FH-Abschluss nicht wohl (negativ), der Master gelang erwartungsgemäß (leicht positiv), aber Ihr Mann saß auf einem Halbtagsjob fest (negativ); er fand wieder eine Vollzeitanstellung mit Perspektive auf Projektleitung (sehr positiv); aber noch ist die Perspektive nur Wunschtraum (neutral).

Und nun soll er, endlich so weit gekommen, auf die Realisierung dieses Zieles, das ihm endlich ein durch und durch positives berufliches Erfolgserlebnis im Leben bescheren würde, verzichten und dafür sogar ein geringeres Gehalt akzeptieren? Ich warne vor der Gefahr, jenes zarte Pflänzchen kaputtzumachen.

4. Die berufliche Situation Ihres Mannes: Nach einem sehr komplizierten, von tiefen Tiefen und mittleren Höhen gekennzeichneten Ausbildungsweg hat er jetzt seit zwei Jahren den ersten „richtigen“ Job und Perspektiven in Richtung Projektleitung. Die Perspektiven lassen sich extern nicht verkaufen, für andere Arbeitgeber ist er „einfach nur“ Entwickler. Realistische Chancen, in B-Stadt als unbekannter Bewerber eine Projektleiterstelle zu erringen, sehe ich derzeit nicht. Er würde wiederum „einfach nur“ Entwickler werden können und dürfte als Neuer nicht direkt mit Perspektiven rechnen. Er würde sich also verschlechtern.

5. Zwar gibt es keine Garantie, dass Ihr Mann seine heutigen Perspektiven auch wirklich realisieren kann. Aber wenn Sie ihn zum Wechsel und damit zum Verzicht auf seine heutigen Chancen „zwingen“, kann es sein, dass er in B-Stadt nie wieder etwas erreicht und Ihnen das ehelang nachträgt. Er braucht jetzt die Chance, um das kämpfen zu können, wofür er sich mühsam genug die Grundlagen erarbeitet hat.

6. Leider habe ich noch eine schlechte Nachricht für Sie. Falls er jetzt Projektleiter wird, kann er keinesfalls unmittelbar nach der Ernennung wechseln. Er braucht mindestens zwei Jahre der Bewährung in dieser Verantwortung, bevor er diese Qualifikation erfolgreich vermarkten kann.

7. Nicht ganz unwichtig ist ja auch, was Ihr Mann eigentlich will. Ihrem Schlusssatz entnehme ich, dass er gern bliebe, wo er ist. Aus beruflicher Sicht wäre das auch vernünftig!

8. Die Thematisierung der privaten Situation ist in einer Bewerbung auf reiner Sachbearbeiter-Ebene ohne weitere Ambitionen weitgehend akzeptabel, eignet sich aber bei Positionen mit größerem Anspruch nicht: Der potenzielle Arbeitgeber will, dass der Bewerber zu dieser Firma und in diesen Job strebt und ist weniger begeistert, dass vor allem der Dienstsitz zu den privaten Belangen des Kandidaten passt. Über „weniger Geld“ sollte man mit einem aufstrebenden Endzwanziger gar nicht reden, das passt nicht zum Denken dieser Altersgruppe (sofern man ohne beruflich begründeten Zwang wechselt).

9. Bleibt die Frage, was Sie, vor allem Sie beide, jetzt machen sollen. Die Antwort ist kurz: Ich weiß es nicht. Da spielen so viele sachliche und menschliche Faktoren hinein, dass man als Außenstehender nicht einfach sagen kann: „Tun Sie dieses oder jenes.“Aber so weit will ich doch gehen: Sie haben ein beruflich motiviertes Anliegen (Firma Ihrer Eltern), Ihr Mann hat eines (endlich ein vernünftiger Job mit Perspektiven nach nicht gerade „strahlender“ Vergangenheit). Unterstellen Sie nicht einfach, es sei gottgegeben, dass er Nachteile in Kauf nimmt, während an Ihren Ansprüchen nicht zu rütteln sei. Ein Kompromiss sieht anders aus.

Selbstverständlich bringt die jetzige Situation große Belastungen mit sich und kann kein Dauerzustand sein. Vielleicht aber ist es das kleinere Übel, noch drei Jahre in dieser Konstellation einzuplanen und dann neu nachzu­denken. Oder Sie richten eine gemeinsame Wohnung auf halbem Weg ein, dann könnten Sie sich mehrmals in der Woche sehen. Vielleicht will ja Ihr Mann auch gar keine „Frau mit eigener Firma“, deretwegen er Opfer bringen soll, vielleicht hat er ganz andere Vorstellungen auch von Ihnen. Sie sollten offen miteinander reden – und dabei beide zum Kompromiss bereit sein.

Service für Querleser:

Zwei (Ehe-)Partner mit beruflichen Ambitionen werden früher oder später auf das Problem stoßen, dass beide idealer- (oder zwangs-)weise an verschiedenen Orten leben müssten. Dann hilft nur der individuelle Kompromiss. Das System hat dafür keine pauschale Lösung.

Kurzantwort:

Zwei (Ehe-)Partner mit beruflichen Ambitionen werden früher oder später auf das Problem stoßen, dass beide idealer- (oder zwangs-)weise an verschiedenen Orten leben müssten. Dann hilft nur der individuelle Kompromiss. Das System hat dafür keine pauschale Lösung.
Frage-Nr.: 2011
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 16
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-04-21

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