Heiko Mell

Zum Wohle der Menschen?

Aus meiner Sicht sollte die Industrie, sollten die Firmen für das Wohl der Menschen da sein!

Antwort:

Ich entnehme diesen Aufschrei einer längeren Zuschrift, in der es auch um persönliche Probleme unterschiedlicher Art und um schieres Überleben im Arbeitsprozess geht. Der Einsender steht mit dieser Wunschvorstellung nicht allein da, wie ich aus diversen Diskussionen weiß.

Fangen wir einmal so an: Irgendwie und mittelbar dienen Unternehmen durchaus (auch) dem Wohl der Menschen: Auf welchen Stühlen wollten wir sitzen, in welchen Häusern wohnen, auf welchen Straßen mit welchen Fahrzeugen fahren, welche Nahrung zu uns nehmen etc., wenn nicht Firmen diese und andere Produkte herstellten. Und sie geben großen Teilen der Menschheit, die dort als Arbeitnehmer tätig sind, eine Existenzgrundlage. Von den Steuern, die sie zum Unterhalt des Staates bezahlen, ganz abgesehen. Dies aber gilt für „Unternehmen“ im Plural, als Gesamtheit, als Teil der Volkswirtschaft. Und es ist ein Nebeneffekt, der sich aus der Existenz dieser Firmen ergibt.

Das einzelne Unternehmen jedoch wurde nicht zu diesem Zweck gegründet! Es gehört seinen Eigentümern (Inhabern, Gesellschaftern, Aktionären) und hat generell vorrangig das Ziel, deren Interessen zu dienen. In der Regel bedeutet das, eine möglichst hohe Rendite des eingesetzten Kapitals zu erwirtschaften. Auf Umwegen („mittelbar“) dient dieses einzelne Unternehmen dann eben auch noch „dem Wohl der Menschen“ – aber dazu wurde es nicht geschaffen!

Sie, geehrter Einsender, dürften vor allem das Wohl der bei dieser Gesellschaft angestellten Menschen im Auge haben. Zu deren Nutzen wurde der Betrieb jedoch absolut nicht aufgebaut. Die Angestellten werden bezahlt, anständig behandelt (auch, damit sie nicht weglaufen), zusätzlich fühlen viele Firmen durchaus auch eine soziale Verpflichtung gegenüber ihren Mitarbeitern, denen sie auf unterschiedliche Weise nachkommen.

Aber „für das Wohl der Menschen“, ob der dort angestellten oder der anderen im Lande, ist das Unternehmen nicht gegründet worden, nicht zuständig, nicht vorrangig verantwortlich. Das steht einfach nirgends. Gehen Sie einfach einmal auf die Hauptversammlung einer AG und erklären dort den Aktionären, sie sollten Dividendeneinbußen, Kursverluste und die Gefahren feindlicher Übernahmen hinnehmen und dafür „zum Wohle der Menschen“ lieber höhere Löhne zahlen, auf Entlassungen verzichten und die Preise senken. Falls Sie das überleben, wird das ein rundum interessantes Erlebnis für Sie.Es gibt natürlich eine im Grundgesetz enthaltene allgemeine Verpflichtung des Eigentums bzw. der Eigentümer. Aber das wird nicht in konkrete Vorgaben (etwa Verwaltungsvorschriften) umgesetzt. Im Gegenteil: Ein Arbeitgeber wird für das Beschäftigen von Mitarbeitern nicht etwa belohnt, sondern eher „bestraft“. Durch diverse Abgaben, die zusätzlich zu den Gehältern zu zahlen sind, durch Vorschriften, die ihn in seiner Entscheidungsgewalt über sein Eigentum einschränken. Für ihn ist es erheblich interessanter, 1 Mio. EUR im Jahr mit 10 als mit 100 Angestellten zu verdienen.

Dies ist, dem Stil der Serie entsprechend, weder eine Anklage, noch eine Verteidigung unseres Systems – ich versuche mich an einer Zustandsbeschreibung zur Information von Uneingeweihten.

Mein Rat: Versuchen Sie gar nicht erst, wilde Theorien aufzustellen nach dem Motto „man müsste aber doch …“. Dieses System, dem leider eine allgemein akzeptierte, griffige Ideologie fehlt, mit der man Zweifler begeistern könnte, ist das einzige, das bisher eindrucksvoll funktioniert hat. Das große andere ist gerade vollständig untergegangen – und hatte seine Einwohner mit Maschinengewehren daran hindern müssen, seinen Wirkungs­bereich zu verlassen.

Und unser heute fast weltweit geltendes System ändern Sie als Einzelner ohnehin nicht – lernen Sie lieber, wie es funktioniert (ich weiß selbst, liebe Leser, dass dieser Satz angreifbar ist; es scheint mir aber eine aus pragmatischer Sicht brauchbare Empfehlung zu sein). Die aus Ihrer Frage abzulesende Einstellung könnte Ihnen auch den Vorwurf „Sozialromantiker“ eintragen, dies als Warnung. Niemand verlangt, dass Sie dieses System lieben, aber Sie sollten wissen, was Sie erwarten dürfen und was nicht. Alles andere führt zu Enttäuschungen.

Kurzantwort:

Primäres Ziel von Unternehmen ist das Erwirtschaften von Rendite zum Wohl der Eigentümer. Weder das Wohl der dort angestellten noch das anderer Menschen außerhalb hat im Rahmen unseres Systems einen Anspruch auf einen Spitzenplatz in der Zielsetzung. Dies ist eines der Grundprinzipien, nach denen die Wirtschaft funktioniert. Generell dem „Wohl der Menschen“ verpflichtet sind höchstens nichtkommerzielle Institutionen.

Frage-Nr.: 1975
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-11-25

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