Heiko Mell

Nach dem Diplom: arbeiten oder durch Asien trampen?

Frage: Ich schildere Ihnen eine kurze Anekdote mit direktem Bezug auf Ihre Karriereberatung. Sie gibt einen teils komischen, teils erschreckenden Einblick in den Realitätsbezug einiger Absolventen.
Ich hatte vor einiger Zeit Gelegenheit, an einem Fortbildungsangebot eines Kompetenznetzes teilzunehmen, das sich an Studenten im Hauptstudium und an Doktoranden richtete. Dabei gab es einen Abend, den die beteiligten Industrieunternehmen ausrichteten.Die Teilnehmer wurden zum Essen eingeladen, später gab es einen Vortrag mit anschließender Diskussion. Der – exzellente – Vortrag wurde vom Leiter F & E eines Chemiekonzerns gehalten. Der Vortragende ist der maßgebliche Entscheider bei ALLEN Einstellungen von Ingenieuren für diesen Konzern. Hinzu kam als weiterer Industrievertreter ein ranghoher Mitarbeiter eines zweiten, noch größeren Konzerns.

Nach dem guten Essen auf Firmenkosten und dem exzellenten Vortrag ging es in der Diskussion um Berufschancen, Berufseinstieg usw. Ein Student berichtete, er habe gerade sein Diplom abgeschlossen. Der F & E-Leiter gratulierte dem frischgebackenen Diplomingenieur. Dieser wollte aber nun wissen, warum er jetzt solche Schwierigkeiten habe, einen Praktikumsplatz in der Industrie zu bekommen. Das verwirrte den F & E-Leiter etwas, da er nicht verstand, warum der frischgebackene Ingenieur jetzt nicht gleich „richtig Geld verdienen“ wolle.

Als erste Antwort erhielt er auf seine entsprechende Frage: „Ich möchte mir den neuen Arbeitgeber auf diese Weise gern vorher ansehen, ob er mir zusagt.“ Auf diese – wenigstens im Ansatz verständliche – Antwort meinte der F & E-Leiter nur, der Kandidat solle sich doch einfach eine „richtige“ Position suchen – die Arbeitgeber würden sich in der Großchemie nicht so sonderlich unterscheiden und als Anfänger dürfe man ja ausnahmsweise auch einmal früher den Arbeitgeber wechseln (etwa nach zwei Jahren).
So um sein Argument für den Praktikums­platz gebracht, rückte der Kandidat nun mit seiner eigentlichen Motivation für die Suche nach dem Praktikumsplatz heraus: Er sei zwar gerade mit seinem Diplom fertig geworden, habe aber einem Kumpel versprochen, mit ihm nach Abschluss von dessen Diplom, also in etwa sechs Monaten, für etwa ein Jahr durch Asien zu trampen. Er suche jetzt eine Möglichkeit, diese Wartefrist zu überbrücken.Der F & E-Leiter wurde über diese Offenbarung ziemlich ungehalten – wie Sie sich denken können. Er verwies den Kandidaten dringend auf Ihre Karriereberatung, die dem Kandidaten offensichtlich unbekannt war, und vertrat heftigst die Ansicht, dass sich ein solches Verhalten für einen Studienabgänger nicht zieme. Dieser solle seiner Meinung nach schnellstmöglich eine möglichst unbefristete Anstellung anstreben. Dies sah der Kandidat jedoch gar nicht ein, was zu einer heftigen Diskussion (Streit) führte. Der Kandidat hat sich dabei, ohne es zu wissen, vermutlich um zwei potenzielle große Arbeitgeber gebracht.

Ich habe diese Anekdote gerne und wiederholt in meinem Kollegenkreis erzählt und bin dabei auf sehr unterschiedliche Reaktionen gestoßen. Es gibt durchaus Kollegen, die trotz des extremen Beispiels der Meinung sind, dass das Jahr Trampen doch wohl die Privatsache des Kandidaten sei und deshalb durchaus legitim.

Ich hoffe, Ihnen hat die Geschichte zugesagt. Bleiben Sie bei Ihrer sehr aufschlussreichen Art der „Berichterstattung“, die ich immer mit Interesse lese. Vielleicht finden Sie ja noch einen Weg, Ihre Leserschaft um die verbleibenden Planlosen zu erweitern. Zu wünschen wäre es ihnen (mit kleinem „i“!).

Antwort:

Die Geschichte gefällt mir sehr, vielen Dank dafür. Unterstreicht sie doch, dass ich in weiten Bereichen die bestehenden Regeln recht gut wiedergebe – wer diese Serie liest, hätte die Reaktion des F & E-Leiters vorhersagen können.Die besondere Tragik des Falles liegt darin, dass mein Ziel eigentlich darin besteht, genau so etwas zu vermeiden. Aber wenn dieser junge Absolvent (der „Kandidat“ in Ihrer Anekdote) diese Beiträge nicht liest, dann kann ich ihm auch nicht helfen.Setzen wir uns aber vorsichtshalber (denken Sie an Teile Ihres Kollegenkreises) auch mit der angesprochenen Sachfrage auseinander: Darf ein frischgebackener Jungakademiker ein Jahr durch Asien trampen (oder etwas Ähnliches auf anderem Gebiet unternehmen), statt mit der beruflichen Arbeit zu beginnen?

Die Antwort ist kurz, präzise und zweifelsfrei nur so möglich: Klar, er darf. Er ist ein freier Mann in einem freien Land und darf vor oder nach dem Examen ein Jahr oder zehn Jahre trampen oder meditieren – was immer er will. Niemand wird ihm daraus einen Vorwurf machen.Es sei denn, er will etwas von anderen Leuten, was nur diese ihm geben können. Beispielsweise eine Anstellung. Dann wirkt sich das „Freiheitsprinzip“ ebenso auf der anderen Seite aus: Die können nun ihrerseits einstellen, wen sie wollen. Und solange sie eine Auswahl treffen können, nehmen sie solche Kandidaten, die ihren Vorstellungen so nahe wie möglich kommen.Und anspruchsvolle Arbeitgeber bevorzugen in der Regel (nichts gilt je in 100 % aller Fälle, dazu sind Menschen zu verschieden im Denken und Handeln) einen Berufseinsteiger, der erst „schnell und gut“ studiert hat – und nach dreizehn Jahren Schule sowie sechs Jahren Studium jetzt darauf brennt, sich endlich einmal in der beruflichen Praxis bewähren zu dürfen. Oder der, anders ausgedrückt, nicht so überdeutlich Privates vor Berufliches stellt. Und bei dem man nicht zittern muss, was bei ihm als Nächstes kommt. Wer seinen ganzen Berufsweg gefährdet, um einem Hobby nachzugehen, wird wohl – das dürfen Arbeitgeber denken – auch sonst im beruflichen Alltag die falschen Prioritäten setzen („Nein, Chef, heute Abend kann ich nicht an der Besprechung teilnehmen, ich gehe zum Kegeln.“).

Dies ist eine der – wenn man so will – „Beschränkungen“, denen man unterworfen ist, wenn man vom Entgelt eines „abhängig Beschäftigten“ leben will (offizielle Definition des Angestellten). Und es ist, dies als Warnung, noch keinesfalls die schlimmste!Um allzu emotionalen Meinungsäußerungen von Lesern vorzubeugen, noch diese Klarstellungen:

1. Es ist durchaus möglich, auf einen Entscheidungsträger zu stoßen, der keinen Anstoß an diesem einen Jahr im Lebenslauf nimmt. Vielleicht hat er früher selbst „so etwas“ gemacht oder sein Sohn/seine Tochter ist gerade in der entsprechenden Planung. Aber bauen kann man auf diesen speziellen Effekt nicht.

2. Wir könnten uns darüber unterhalten, ob denn nicht die Ablehnung eines solchen Vorhabens durch Arbeitgebervertreter völlig falsch ist. Ob nicht tatsächlich die „Jahres-Tramper“

a) die besseren Menschen sind und

b) danach so viele positive Eindrücke gesammelt haben, dass ihre Chefs noch jahrelang davon profitieren. Diese Diskussion wäre müßig, darum geht es in dieser Serie nicht. Ich will zeigen, wie es in der Praxis tatsächlich ist bzw. gesehen wird – und das steht in der Geschichte unseres Einsenders.

3. Es geht nicht um die Sache (um die geht es eigentlich nie), es geht um den Eindruck, den bestimmte Handlungen bei bestimmten (maßgeblichen) Entscheidungsträgern hinterlassen. Das geht Firmen, die auf Märkten Produkte verkaufen wollen, ganz genau so. Mit Argumenten wie „die müssten doch einsehen …“, ist „am Markt“ nichts zu gewinnen – und der Arbeitsmarkt heißt nicht nur so, er ist einer.

4. „Darf man sich denn niemals einen Traum erfüllen, wann sollte ich dann ein solches Projekt angehen?“, könnte man fragen. Nun, es ist das Schicksal von Träumen, dass viele davon unerfüllt bleiben. Aber es geht z. B. nach der Berufstätigkeit sowie vor Abschluss des Studiums (Studenten bekommen einen gewissen „Rabatt“ für ungewöhnliche Handlungen; eine Verlängerung des Studiums würde weniger kritisch gesehen als die „Arbeitsverweigerung“ eines fertigen Akademikers).

5. Sollten Sie den Beruf des Selbstständigen oder freien Künstlers ergreifen, spielen diese Dinge überhaupt keine Rolle. Nur wenn Sie gezielt von anderen abhängig sein wollen, müssen Sie sich fatalerweise nach denen richten. Aber, seien Sie ehrlich, das steckt eigentlich in dem Begriff der Abhängigkeit schon drin.

Exotische Werdegänge mit zum Teil sehr(!) bewegter(!) Jugend, passen offenbar gut zum Berufsbild von Politikern, mitunter von solchen in sehr hohen Ämtern. Aber möchten Sie von Wählern abhängig sein? Das scheint auch seine Tücken zu haben. Obwohl die imstande sind, den merkwürdigsten Typen ihre Stimme zu geben.

Kurzantwort:

Wer von andern abhängig ist, wird sich oft nach denen richten müssen. Der Angestellte ist (bei seinem Arbeitgeber) „abhängig beschäftigt“. Das sollte man schon bei der Berufswahl bedenken, ganz bestimmt aber bei Vorhaben, die später jahrzehntelang im Lebenslauf sichtbar bleiben.

Frage-Nr.: 1973
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 46
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-11-18

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