Heiko Mell

Große Firma, kleine „Garage“

Frage/1: Seit vielen Jahren lese ich Ihre Rubrik. Vieles finde ich gut; manches gebe ich weiter. Nach Abitur, Diplom und Promotion (alles mit sehr gut, gut oder Auszeichnung) und einigen Jahren in einem Großunternehmen bin ich seit fünfzehn Jahren gestandener Inhaber eines kleinen Ingenieurbüros.

In schöner Regelmäßigkeit rege ich mich über die Herabsetzung auf, mit der Sie kleine und mittelständische Firmen behandeln. Ihre Bemerkung in einem Ihrer letzten Beiträge „ist das eine 50-Mann-Garagenfirma oder ein 5000-Mitarbeiter-Großbetrieb“ schlug dem Fass den Boden aus.

Wer sind wir denn? Zu Hause übernehmen wir Verantwortung, stehen mit Haus und Hof zu unserem Wort anstatt bei Unfähigkeit hohe Abfindungen zu kassieren, zahlen Steuern, bilden aus und geben auch Mitarbeitern eine Chance, die sich den Strick nehmen könnten, wenn es in Deutschland nur noch Top- und Flopkonzerne gäbe.

Wir haben Mut zur Innovation, zum Risiko, sind rund um die Uhr da für unsere Kunden und stehen weltweit ein für die Marke „Made in Germany“. Deutschland braucht junge Leute, die Mut zur eigenen Garage haben. Und es braucht Entscheidungsträger, die das honorieren. Zum Glück gibt es davon noch eine ganze Reihe. Es müssen viele an den Start gehen, damit irgendwo ein Hasso Plattner dabei ist.

Wenn in Zukunft in Deutschland nur noch Leute Karriere machen, die dem risikoarmen Mell-System folgen, dann gute Nacht. Als Kontrastprogramm zu Ihrer Beratung empfehle ich den VDI nachrichten, die beruflichen Werdegänge der Ingenieure vorzustellen, die Deutschland zu dem gemacht haben, was es heute (noch) ist.

Zum Schluss meine Frage: Wie groß ist eigentliche Ihre Garage, Herr Mell?

Frage/2: Ich weiß aus Erfahrung, dass für Hochschulabsolventen der Berufseinsteig bei einem kleinen Ingenieurbüro ein gutes Sprungbrett nach oben sein kann – auch wenn einem andere Möglichkeiten offen stehen. Warum? Man bekommt viel eher die Chancen, eigenverantwortlich zu arbeiten, und in jedem Fall lernt man Kunden aus allernächster Nähe kennen. Als ich noch Angestellter bei einem Großunternehmen war, blieb für mich und viele meiner Kollegen der Kunde lange ein völlig unbekanntes Wesen.

Das ist in einem Kleinbetrieb völlig anders. Außerdem lernt man unterschiedliche Umfelder bei verschiedenen Kunden kennen, ähnlich wie bei Unternehmensberatungen. Man lernt Praxis pur.

Also: Für fähige, technisch orientierte junge Leute, für die eine Promotion vielleicht zu theoretisch und praxisfern ist, sind einige Jahre in einem kleinen Büro eine wertvolle Erfahrung. Man sollte seinen Arbeitgeber danach aussuchen, was man später von dort an vermarktbaren Fähigkeiten mitnehmen kann und nicht nach der Größe der Werkskantine.

Wenn Sie Ihre Formel „Kleines Unternehmen = Garage + unqualifizierte Arbeitszeugnisse“ ergänzen könnten durch „Kleines Unternehmen = Praxis + Kundenorientierung“, dann wäre das für alle ein Gewinn.

Antwort:

Antwort bis dahin: Ich könnte jetzt einfach sachlich dazu Stellung nehmen. Aber ich will Sie, liebe Leser, ja auch teilhaben lassen an dem, was ich in dieser Funktion so alles erlebe. Also der abgedruckte Brief enthielt mitten drin noch einen (hier nicht zitierten) Satz, der mir ein bisschen viel persönlicher Angriff und schon beleidigend zu sein schien. Und dann bot ich dem Einsender an, den zurückzuziehen, dann würde ich zum Rest Stellung nehmen.

Darauf schrieb er: „Als ich meinen Brief vor der Versendung meiner Frau zeigte, meinte sie: „Du hast ja Recht, aber so etwas kannst du nicht schreiben!’ Ich entschuldige mich hiermit für meine Entgleisung.“ Damit ist dieses Detail „unter Männern“ erledigt.

Aber „unter Frauen“ nicht! Sehr geehrte gnädige Frau: Jetzt habe ich den Klotz ja immer noch am Hals. Sie bestätigen Ihren Gatten auch noch und raten ihm nur ab, das so brutal und deutlich auszusprechen. Ich glaube, was die Subtilität eines Angriffs angeht, sind Frauen den Männern haushoch überlegen. Aber mir bleibt die Interpretationsvariante, Ihr Gatte hätte Sie mir gegenüber bloß falsch zitiert und dann können auch wir Frieden schließen.

Auf den Kern gehe ich gleich ein, aber erst kommt noch eine interessante Aussage zur Sache im zweiten Brief desselben Einsenders:

Antwort zu 2: Abgesehen davon, dass ich mich über jeden Leser meiner Beiträge freue, hat diese Serie natürlich ihre Zielgruppe. Das sind angestellte, an einer sich positiv entwickelnden Berufslaufbahn interessierte Ingenieure. Dazu gehören Sie schon lange nicht mehr. Das schließt absolut nicht aus, dass auch Sie wertvolle Beiträge liefern können, aber man muss auch den Zielgruppen-Aspekt sehen. Was meinen Sie, welche Art von Leserbriefen von Angestellten wir bekämen, richtete sich eine solche Serie an Inhaber mittelständischer Betriebe und drehte sich z. B. um Themen, die diese Zielgruppe interessieren, wie: „Wie werde ich einen missliebigen Betriebsrat los?“, „Wie entlasse ich aufmüpfige Mitarbeiter trotz bestehenden Kündigungsschutzes?“, „Wie formuliere ich meine abgrundtiefe Abneigung gegen einen entlas­senen Mitarbeiter im Zeugnis so, dass ich im Rahmen der Vorschriften bleibe, der Leser aber dennoch Bescheid weiß?“ oder „Wie fädele ich Verhandlungen über den Verkauf meines Unternehmens eine, ohne dass die Mitarbeitern davon erfahren?“

Mein von Ihnen beanstandeter Satz mit der Garage stand übrigens keineswegs in einem Beitrag, der sich etwa um die Wertung von Unternehmensgrößen drehte – es ging um Bewerbungen (Notizen aus der Praxis, Beitrag 244: Kundenorientiert denken!). Und dort lautete der ganze Satz im Zusammenhang:

„Sie glauben gar nicht, was man als Leser einer Bewerbung alles nicht versteht! Man kennt die knapp mit Namen vorgestellten heutigen und früheren Arbeitgeber nicht (ist das eine 50-Mann-Garagenfirma oder ein 5000-Mitarbeiter-Großbetrieb, was stellt er her, wozu gehört er ggf.), man bekommt rätselhafte Abkürzungen unkommentiert an den Kopf geworfen …“ Diesen in Klammern stehenden Satzteil machen Sie nun zum Gegenstand eines massiven Angriffs. Da hätte es sicher bessere Anlässe gegeben, bei denen ich mich ganz speziell und gezielt mit dem Thema „Firmengröße“ auseinandergesetzt habe.

Aber mein zentrales Argument ist ein ganz anderes: Sie unterstellen mir, ich hätte alle Betriebe mit 50 Mitarbeitern generell als „Garagenfirmen“ bezeichnet. Das ist doch gar nicht wahr! Es gibt, das ist unbezweifelbar, deutlich größere Unternehmen als das in meinem Beispiel zufällig genannte mit 5000 Mitarbeitern. Es gibt auch deutlich kleinere als das andere genannte mit 50 Mitarbeitern. Ich habe für dieses Klammerbeispiel einfach zwei beliebige Fälle herausgegriffen: das mit 5000 Leuten aus dem oberen Bereich (es gibt ja auch noch solche mit 50.000 oder 120.000 Mitarbeitern) und eines aus der Gruppe der kleinen Häuser. Und da bin ich zufällig bei dem 50-Mitarbeiter-Garagenbe­trieb (den es gibt!) gelandet. Ich hätte auch 75-Mitarbeiter-Garagenfirma oder 25-Mitar­beiter-Büro (ohne „Garagen“-Zusatz) sagen können. Aber mir war gerade nach diesem Beispiel. Nur: Für Ihre Annahme, ich hätte pauschal alle Unternehmen einer bestimmten Größe als „Garagenbetrieb“ bezeichnet, gibt es keinerlei reale Basis.

Zur Sache selbst: Niemand in meiner Position wird die Rolle mittelständischer, auch kleinerer, Firmen geringschätzen, weder in ihrer Bedeutung als Wirtschaftsfaktor, noch speziell als Arbeitgeber (es sind mehr Menschen bei mittleren Firmen beschäftigt als bei Konzernen). Schenken wir uns weitere Worte dazu.Unbestritten ist auch, dass gerade junge Leute in kleineren Firmen sehr viel Fachliches lernen und viel näher am Kunden operieren.

Aber: Ich fahre seit Jahren Autos eines großen deutschen Herstellers. Dort arbeiten viele tausend Ingenieure in Entwicklung, Arbeitsvorbereitung, Fertigung, Qualitätskon­trolle, Instandhaltung, in diversen Program­men und Projekten. Ich bin deren Kunde. Was soll ich sagen: In all den Jahren hat auch nicht einer von denen mit mir Kontakt aufgenommen. Ich würde es zwar schätzen, riefe beispielsweise der Entwicklungsleiter jeden ersten Montag im Monat an, um gezielt nachzuhören, was mir am laufenden Modell nicht gefällt und wie ich mir das neue vorstelle – aber man scheint dort über Jahrzehnte tätig sein zu können, ohne auch nur in die Nähe von Kunden zu geraten. Das bedeutet, ge­ehrter Einsender, es gibt noch eine ganz anders organisierte technische Welt neben Ihrer. Und ganz pragmatisch gesehen: Warum sollten die typischen jungen Ingenieure bei Ihnen Kundennähe lernen, wenn so viele davon anderswo nie wieder einen Kunden aus der Nähe sehen?Schön, man hilft sich in großen Firmen mit der Definition bestimmter Abteilungen als „interne Kunden“ – aber die Kaufentscheidung beim Auto treffe ich, und um mich kümmert sich von denen allen kein Mensch (ausgenommen gelegentlich so alberne Call-Center, was fast noch schlimmer ist als riefe überhaupt niemand an). Selbstverständlich gibt es andere Strukturen in anderen Firmen – aber diese von mir genannten gibt es auch. Und dafür ist es besser, der junge Ingenieur lernt von Anfang an dort (besser für ihn, nicht zwangsläufig für die deutsche Wirtschaft).

Mir stellt sich dieses Thema so dar (wobei ich aus der Praxis berichte und es nicht darum geht, was ich für gut hielte):

1. Niemals falsch ist es, in einem Unternehmen (Branche, Größe, Typ) zu beginnen, das dem Ziel-Unternehmen (bei dem man also die Karriere auf den Höhepunkt führen bzw. beschließen möchte) in etwa gleicht.

2. Bewirbt man sich später extern, so ist der Name des derzeitigen oder letzten Arbeitgebers ein Teil der eigenen Qualifikation. Dabei geht es um das Image dieses Unternehmens in den Augen des Bewerbungsempfängers! Da kann es schon einmal geschehen, dass einer 150-Mitarbeiter-Getriebefabrik eine bestimmte andere 150-Mitarbeiter-Getriebe­fabrik noch mehr bedeutet als „Porsche“ oder „ThyssenKrupp“. Aber das sind Spezialfälle.Grundsätzlich „imponiert“ dem Bewerbungsempfänger stets die Herkunft eines Bewerbers von einem Unternehmen der nächstgrößeren Kategorie.

Natürlich stellen auch schon einmal Firmen Bewerber ein, bei denen ihnen der heutige Arbeitgeber gar nichts sagt, wenn sie die sonstigen Qualifikationsdetails überzeugen. Aber der „imponierende“ Arbeitgebername ist ein wertvoller Zuschlag.

3. Es gibt bei Firmen eine gewisse „Arroganz der Größe“. Einem großen Konzern ist mit Erfahrungen aus Kleinstbetrieben generell nicht gedient – er hat Strukturen, von denen der Bewerber aus 50-Mann-Betrieben nie gehört hat. Umgekehrt nennt der Kleinbetrieb einen Bewerber mit zwölf Dienstjahren bei einem 100.000-Mitarbeiter-Unternehmen schlicht „konzernversaut“.

4. Das Wechseln über ganze Dimensions­grenzen der Unternehmen hinweg ist gar nicht so einfach. Denn jeder Angestellte passt von seinem Typ her in eine bestimmte Firmenkategorie am besten hinein. Wenn dieser Mensch etwas flexibel ist, dann kommt er auch ein bis zwei Kategorien darunter oder darüber noch zurecht, aber uferlos dehnen kann man diese Toleranz erfahrungsgemäß nicht.

5. Wichtig ist es also für den jungen Einsteiger vor allem zu wissen, wo die Reise hingehen soll. Bei dem Ziel „Technisches Vor­standsmitglied bei der XYZ AG“ rate ich von einem Berufsstart in einem 50-Mitarbeiter-Unternehmen ab.

6. Man lernt in kleineren Unternehmen nicht mehr, man lernt etwas anderes. Mir hat seinerzeit das Denken in taktischen Kategorien, in Machtpolitik, in Hierarchien und Statussymbolen im Konzern viel gegeben, es hat mir die Augen geöffnet. Andere wurden dabei todunglücklich – es hielt sie nur „vom Arbeiten ab“. Für mich war es faszinierend, ich möchte diese Erfahrung nicht missen.

7. Wer vor allem „ingenieurmäßig arbeiten“ (ein scheußlicher Begriff, den Kaufleute für sich niemals entsprechend formulieren) möchte, kommt im kleinen Unternehmen voll auf seine Kosten – muss aber zwingend mit der alles(!) prägenden Person des Inhabers harmonieren. Wer jedoch gezielt aufsteigen will, stößt mangels geeigneter freier Stellen hier schnell an Grenzen und muss die Lösung zwangsläufig im Wechsel suchen.

8. Leider gilt: Ein Produkt im Supermarkt muss, um ein Verkaufsrenner zu werden, nicht nach absolutem Maßstab „gut“ sein- die Käufer müssen es für gut halten! Ebenso darf man sich seinen Arbeitgeber nicht nur danach aussuchen, was man dort lernt – als Angestellter ist man stets auch darauf ange­wiesen, wie die späteren Bewerbungsempfänger die eigene Qualifikation einschätzen (ob sie dieselbe für toll halten).

9. Für Kleinbetriebe besteht gegenüber Kon­zernen kein Anlass für Minderwertigkeitskomplexe, aber sie dürfen auch nicht mit Großbetrieben um denselben Einsteiger-Typ konkurrieren: Wenn jeder einstellt, wer zu ihm passt, dann nehmen beide jeweils Kandidaten, die der andere Arbeitgebertyp gar nicht haben wollte.

10. Ich weiß, wie man sich fühlt, wenn man zu Recht glauben darf, einen für die Gesellschaft wertvollen Beitrag zu leisten, der aber nie so recht anerkannt wird. Seit vielen Jahren leiste z. B. ich Aufklärungsarbeit bei Angestellten, die eigentlich teilweise auch Arbeitgebern zugute kommt. Aber der erste aus dieser Gruppe, der mir direkt schreibt, nimmt ein im Textverbund nebensächliches Detail zum Anlass, all seine Frustrationen an mir auszulassen. Man hat es in der Tat nicht leicht als Inhaber eines kleinen Unternehmens …

Frage-Nr.: 1956
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-09-16

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