Heiko Mell

Wegen destruktiver Kritik gefeuert

Frage: Seit einigen Monaten bin ich als Berufsanfänger in einer festen Anstellung als Konstruktionsingenieur bei einer mittelständischen Firma. Zu meiner großen Überraschung wurde mir einige Wochen vor Ablauf der Probezeit eröffnet, dass meine Übernahme gefährdet sei.

Zur Begründung wurden ausschließlich Soft Skills herangezogen (mangelndes Engagement, zu wenig Eigeninitiative, zu geringe Flexibilität). Meine Fachkenntnisse seien O. K. Mein Chef begründete die Übernahmegefährdung damit, dass er sich bisher nur ein unvollkommenes Bild von mir und meiner Arbeitsweise machen konnte. Dazu haben auch Besonderheiten meines Arbeitseinsatzes beigetragen. Anscheinend mache ich keinen sehr positiven Eindruck, was daran liegen mag, dass mir die Arbeit bisher nicht sehr viel Spaß machte.

Was mich sehr überraschte, war die Tatsache, dass ich die Übernahme vorher in keinster Weise („keiner“ reicht, mehr geht nicht, d. Autor) als gefährdet ansah. Zwar habe ich teilweise Probleme mit der Arbeitsweise des Bereichs und habe mich mit Kritik nicht zurückgehalten. Diese Dinge sah ich jedoch nie als so gravierend an, dass ein Fortbestehen des Arbeitsverhältnisses gefährdet wäre. Ich empfand auch die mir entgegengebrachten Reaktionen nicht als alarmierend.Nachdem sich einige andere angedachte Lösungen als nicht realisierbar erwiesen, wird mir nun zum Ende des siebenten Arbeitsmonats gekündigt. Diese Hinauszögerung der Kündigung um einen Monat wird sozusagen als Verlängerung der Probezeit angesehen, da mir die Option angeboten wird, bei gutem Engagement und Besserung in Sachen „destruktiver Kritik am Bereich“ die Kündigung rückgängig zu machen.
Wie es der Zufall so will, rief am Tag der Kündigung ein kleines Unternehmen an, bei welchem ich mich vor einem halben Jahr als Vertriebsingenieur beworben hatte. Dieses Unternehmen hat nun eine Stelle als Konstrukteur frei. Nachdem ein Bewerbungsgespräch stattfand, bekomme ich wohl nächste Woche den Arbeitsvertrag zugeschickt. Innerhalb dieser kurzen Zeit ist kaum eine Entscheidung von meinem jetzigen Arbeitgeber über die Rücknahme der Kündigung zu erwarten.

Ich bin relativ breit gefächert ausgebildet. Mein Ziel ist es, interdisziplinär als Entwickler tätig zu sein. Eine reine Konstruktionsaufgabe ist mir zu speziell. Leider kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob es so einen Job für Berufseinsteiger überhaupt gibt oder ob ich mich praktisch erst spezialisieren muss, um dorthin zu gelangen.

Was raten Sie mir? Eher alles daran setzen, bei meinem jetzigen Arbeitgeber zu bleiben und mich von dort aus neu zu bewerben? Oder die neue Stelle anzunehmen, Erfahrungen zu sammeln und mich von dort aus weiter zu bewerben?

Antwort:

1. Es ist offenbar unstrittig, dass Sie als Berufsanfänger in Ihrer ersten Anstellung innerhalb der Probezeit sich „mit Kritik nicht zurückgehalten“ haben. Und zwar mit Kritik an der Arbeitsweise des Bereichs – und wer weiß, woran sonst noch. Das war unangemessen und unklug!

Ein Anfänger ist auf jedem denkbaren Feld erst einmal ein Nichts – ob beim Golf, beim Schach, beim Autofahren oder beim Segeln. Niemand von den Erfahrenen will Anfänger-Kritik hören. Die allgemeine Auffassung: Erst einmal soll der Neuling zeigen, dass er auf dem anstehenden Gebiet etwas Positives zustande bringt, dass er im oberen Leistungsdrittel mithalten oder sonstige Erfolge erringen kann. Wenn der Golfer-Neuling also entweder in sechs Wochen Vereinsmeister geworden oder eines Tages sein zehnjähriges Vereinszugehörigkeitsjubiläum feiert – dann darf er auch kritisieren, dass der Rasen besser gemäht werden müsste. Es gehört zur Grundausstattung des heranwachsenden jungen Menschen mit Lebensweisheiten, das zu wissen.

Falls jemand das gern kürzer hätte: Erst lernen, dann können, dann eventuell meckern.Ob ich auch schon mal etwas von konstruktiver, die Dinge weiterbringender Kritik gehört habe? Im Prinzip ja, im Zusammenhang mit Neulingen eher nicht. Das Instrument des Anfängers ist übrigens die Frage, nicht die in jeder Kritik steckende Wertung.

2. Ihr Chef wirft Ihnen sogar „destruktive“ Kritik am ganzen Bereich vor. Das ist ein besonders massiver Vorbehalt! Niemand mag Menschen, die destruktiv sind oder zumindest so reden. Schließlich bedeutet das Wort „zersetzend, zerstörend“ und in der Medizin sogar „bösartig“ (lt. Fremdwörter-Duden). Es war fatal, dass Sie diesen Eindruck hervorgerufen haben!

3. Dass niemand Ihr fachliches Wissen und Können in Zweifel zieht, ist völlig normal. Akademiker scheitern äußerst selten an fachlichem Unvermögen; die Gründe liegen fast immer im Bereich der Persönlichkeit.

4. Ein Angestellter hat Anrecht auf ein vereinbartes Gehalt. Er wird ziemlich ungehalten, wenn in einem Monat 30 %, im nächsten 70 % und dann wieder 40 % des zugesagten Entgeltes fehlen. Ebenso maßlos enttäuscht ist der Arbeitgeber, dessen frisch eingekaufter Mitarbeiter durch mangelndes Engagement, zu wenig Eigeninitiative und zu geringe Flexibilität auffällt. Das sind als selbstverständlich vorausgesetzte Kernkompetenzen. Deren Fehlen bei einem Mitarbeiter ist auch vergleichbar mit einem neuen Automodell, das nicht anspringt, unmäßig Sprit säuft, beim ersten Regen rostet und mehr in der Werkstatt steht als auf der Straße fährt.

5. Fazit: Sie haben Ihre erste berufliche Bewährungsprobe „in den Sand“ gesetzt oder von mir aus auch „geschmissen“ und sind wegen deutlicher Schwächen im persönlichen Verhalten in der Probezeit entlassen worden. Nach einem Studienabschluss mit 1,x. Na toll. Das ist eine äußerst gravierende persönliche Niederlage. An der Erkenntnis führt erst einmal kein Weg vorbei.

6. Wollen Sie die zentrale Ursache der Misere lesen? Sie steckt in einem einzigen Wort: SPASS. Die Arbeit hat Ihnen bisher nicht viel davon gemacht. Erst waren Sie sauer und haben an allem herumgemeckert, dann wurde Ihr Chef sauer und hat Sie gefeuert. Was hätte er im hektischen Tagesgeschäft auch sonst machen sollen, er hat keine Zeit für eine „Umerziehung“.

Bedenken Sie bitte: Nirgends steht, das Berufsleben sei dazu da, dass Sie Spaß haben sollen. Nirgends steht, dass wir, die Steuerzahler, Sie studieren lassen, damit Ihnen hinterher möglichst viel Spaß bevorsteht.“Meine Arbeit soll mir ein Maximum an Spaß bringen. Tut sie es nicht, betätige ich mich in diesem Umfeld zersetzend (destruktiv)“ – das ist eine durch nichts gedeckte, völlig falsche Einstellung, die letztlich in die Katastrophe führen muss, weil sie nicht zum existierenden System passt. Als Kurzformel formuliert heißt diese durchaus verbreitete Forderung an das Berufsleben:“MAN ERHEITERE MICH!“Das, Sie haben es erlebt, will aber weder jemand hören noch tun.

7. Das Berufsleben ist – auch – Kampf, ist Existenzsicherung, Geldverdienen, Wettbewerb mit anderen, Gelegenheit, das eigene Können darzustellen und zu verbessern. Die richtige Einstellung dabei ist: Ich suche mir meinen Beruf nach Neigung und Begabung, entscheide mich für eine Tätigkeitsrichtung und für einen Arbeitgeber. Dann gilt: Ich habe Freude an dem, was ich tue. Das heißt nicht: Ich tue nur, was mir Freude macht. Dazwischen liegen Welten! Es ist eine Frage der inneren Einstellung.Vielleicht gelingt es mir, mich dem Problem von einer anderen Seite her zu nähern: Wenn Sie eine Arbeit ausführen, dann mit Einsatz und Begeisterung. Das ist so, weil diese Eigenschaften Teil Ihrer Persönlichkeit sein müssen. Die sind dann so untrennbar mit Ihnen verbunden, dass Sie sie gar nicht mehr abschalten können. Auf Ihrem Schreibtisch sollte ein Schild stehen: „Hier arbeitet Max Schulze. Wenn er etwas tut, dann engagiert und mit Initiative. Wenn Sie ihn nicht sehen, hat er vielleicht den Job gewechselt – aber solange er hier beschäftigt ist, können Sie sich auf seinen Stil verlassen.“Die Sache ist ganz einfach: Es steht Ihr Name unter allem, was Sie tun. Und die Devise kann nur heißen: Wenn ich etwas tue, dann begeistert, engagiert und voller Tatendrang.

Solche Leute braucht das Land.

Zu Ihrer konkreten Situation: Ich halte von dem Firmenwechsel gar nichts. Sie würden Ihren ersten Arbeitgeber nach einer Niederlage verlassen und beim zweiten immer noch Ihrer „Ideal-Tätigkeit“ nachtrauern. Nein, erringen Sie erst einmal einen Sieg, dann können Sie über Wechsel nachdenken. Vergessen Sie Ihren fiktiven Traumjob und bringen Sie erfolgreich zu Ende, was Sie in eigener Entscheidung angefangen hatten. Man hat Ihnen ja eine 2. Chance eingeräumt. Ich glaube, die ist real. Es klappt aber nur, wenn Sie

a) die wesentlichen meiner Gedanken nachvollziehen können, den zentralen Fehler bei sich sehen (Sie haben gegen den Grundkodex des Angestellten verstoßen) und

b) zu Ihrem Chef gehen und sagen, Sie seien in sich gegangen, hätten die Situation analysiert und müssten eingestehen, Sie hätten Fehler gemacht. Sie hätten Idealbedingungen gesucht, also einer typischen Anfängerillusion nachgehangen. Ihre Kritik sei unangemessen gewesen – aber natürlich niemals destruktiv gemeint. Insbesondere dieser Vorwurf träfe Sie tief. Sei seien dankbar für die Chance, wollten für eine bessere Beurteilung kämpfen und bäten um seine kritische Unterstützung. Erzählen Sie ihm ruhig von dem anderen Angebot – und dass Sie es abgelehnt hätten.

Sie müssen den Eindruck eines Menschen machen, der in sich gegangen ist und sich gewandelt hat. Noch besser ist, Sie sind jetzt solch ein Mensch.

Kurzantwort:

1. Massive, gar als „destruktiv“ eingestufte Kritik am beruflichen Umfeld beim Arbeitgeber ist „tödlich“; auch einen Vorwurf in Richtung mangelnden Engagements, zu geringer Eigeninitiative und zu geringer Flexibilität darf es niemals geben. Für einen Anfänger gilt das doppelt.

2. Nur Arbeit tun zu wollen, die „Spaß macht“, ist illusorisch. Wer stets Freude hat an dem, was er tut, bringt die richtige Einstellung mit. Wer hingegen nur tun mag, was ihm vermutlich Freude machen würde, eignet sich nicht zum Angestellten. Es gibt kein „Recht auf Spaß“ im Beruf.

Frage-Nr.: 1948
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 31
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-08-12

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