Heiko Mell

Was droht mir ab 50?

Frage: Ich kann durchaus auf eine erfolgreiche Berufslaufbahn einschließlich Karriere verweisen. Eine Frage aber, die mich immer mehr beschäftigt, ist, was mit mir zwischen 50 und 65 passieren wird.

Kann ich ab 50 nur noch darauf hoffen, so lange wie möglich von den Erfolgen der dann vergangenen zwanzig Arbeitsjahre leben zu können?

Welche Möglichkeiten und Strategien gibt es, auch mit über 50 Jahren in klassischen Ingenieurberufen und -firmen seinen Arbeitsplatz (ab-)zusichern? Wie sieht Ihre Karriere-Stra­tegie für Ingenieure ab 50 aus?

Gilt auch hier: Je höher man mit 50 auf der Karriereleiter steht, desto geringer die Gefahr, den Arbeitsplatz bis 65 zu verlieren?

Antwort:

Es sind wie so oft verschiedene Einzelaspekte, die keineswegs „aus einem Guss“ sind und in ihrer Gesamtheit eine Antwort auf Ihre Frage ergeben:

1. Fangen wir einmal ganz brutal an: Sie können mit 50 keineswegs „nur noch“ hoffen, von den Erfolgen der letzten zwanzig Jahre leben zu können! Nicht einmal diese Hoffnung bleibt Ihnen. Denn: Es gibt keine Übertragung von Verdiensten aus der Vergangenheit in die Gegenwart oder gar die Zukunft mehr – diese Meriten sind mit dem Gehalt, das in der Vergangenheit gezahlt wurde, abgegolten, restlos!Im Gegenteil: Sie müssen auch und gerade mit 50 und höherem Alter jeden Tag Ihre Nützlichkeit für die Zukunft(!) des Unternehmens erneut unter Beweis stellen. Sonst sind Sie schneller auf der Abschussliste als Sie es ohnehin befürchtet haben.

2. Nun wollen wir keine Panik verbreiten: Durchaus nicht alle akademisch gebildeten Mitarbeiter und Manager der Industrie werden arbeitslos, viele erleben ihren Renteneintritt ganz normal „im Job“. Aber es gibt für Angestellte aller hierarchischen Ebenen keine Sicherheit!

3. Drohende Arbeitslosigkeit ist ja nur ein Teilaspekt. Was ist mit der Hoffnung auf eine weitere positive Entwicklung der eigenen Laufbahn: noch interessantere Aufgaben, noch mehr Verantwortung, eine höhere Hierarchieposition?

4. Fatal für die unter 2. und 3. genannten Aspekte ist die ab 50 nahezu völlig fehlende Chance, bei einem anderen Arbeitgeber das zu erringen, was der bisherige nicht gewähren konnte oder wollte. Die beste Absicherung gegen Arbeitslosigkeit ist die Gewissheit: Wenn ich diesen Arbeitsplatz verliere, finde ich einen anderen. Und ebenso gilt grundsätzlich: Wenn die hier mich nicht (weiter) befördern, gehe ich eben woanders hin.

Da man ab 50 auf den Arbeitsmarkt nicht mehr setzen kann, ist man praktisch auf den Arbeitgeber angewiesen, den man dann hat. Dort aber fehlt einem jedes Druckmittel (Kündigung).

5. Bei der Gelegenheit: Wir überaltern, der Nachwuchs fehlt. Das müsste eigentlich zu einem Umdenken auch der Unternehmen gegenüber den Älteren führen. Noch aber ist davon kaum etwas zu sehen. Eingefahrene Denkschemata und Gewohnheiten sind sehr schwer umzustoßen, rechnen Sie hier nicht mit sensationellen Resultaten in kurzer Zeit.

6. Kern der Strategie für Akademiker ab 50 ist also ganz simpel: Sehen Sie zu, dass Sie in dem Alter bei einem Unternehmen in einem Bereich tätig sind, in dem ein Höchstmaß an Sicherheit gegen Insolvenz, Unternehmensverkauf oder Teilbereichsstilllegung besteht. Manche Menschen beweisen hier ein glückliches „Händchen“, andere nicht. Glück zu haben, ist dabei besonders wichtig – eine andere Art von Versicherung gegen „Pleiten, Pech und Pannen“ gibt es nicht! Absolut gefeit gegen plötzliche Katastrophen ist man nirgends mehr!

7. Daraus leiten sich auch die folgenden Empfehlungen ab:

a) Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind ab 50 gering, aber niemals generell gar nicht vorhanden. Es gibt durchaus gelegentlich Einstellungen auch in dieser Altersklasse. Aber dann werden hohe Anforderungen an den Lebenslauf gestellt: ein absolut solider Werdegang ohne lauter kurze Dienstzeiten, ohne wilde Wechsel von Tätigkeit und Branche, ein klarer „roter Faden“ in diesem Bereich, ein durchgängiger Erfolgsweg. Das Prinzip: Ein 35-jähriger Bewerber verkauft sein Potenzial für die Zukunft, ein Kandidat von 50 verkauft seine exakt zur offenen Position passenden langjährigen Fach- und Branchenkenntnisse, er kennt möglichst genau das Metier, um das es hier geht. Und er hat natürlich sehr gute Zeugnisse, ist bezahlbar vom Einkommen her, zieht problemlos um etc.

b) Versuchen Sie, so weit wie möglich auf finanzielle Polster zurückgreifen zu können. Mit 50 so hohe Rücklagen zu haben, dass es bis zur Rente reicht, ist mit Sicherheit ein utopisches Ziel. Aber Geld federt im Ernstfall vieles ab. Auch Überlegungen gemäß c.

c) Denken Sie rechtzeitig über Alternativen zur klassischen Angestelltentätigkeit nach, damit Sie im Ernstfall auf Planungen zurückgreifen können. Selbstständigkeit, freiberufliches Tun, eventuell ganz anders gelagerte Tätigkeiten als Dozent oder im bisherigen Hobbybereich kämen in Frage. Manche der Betroffenen haben mit ihrem Ehepartner gemeinsam etwas aufgebaut, eventuell auf dessen Fachgebiet. Besonders wichtig für diesen Aspekt sind Netzwerke mit möglichst breiter Basis – Leute, die man anrufen kann, denen man früher geholfen hat und die jetzt selbst Unterstützung gewähren. Und sei es dadurch, dass sie einen jener „lebenswichtigen“ Kontakte knüpfen.

8. Eine offensive Karrierestrategie funktioniert ab 50 nicht mehr so richtig (siehe auch 3.) Aber es gibt ja auch noch ganz andere Bedenken: „15 Jahre lang die gleiche Arbeit tun, denselben Job erledigen zu müssen ohne Hoffnung auf externe Wechsel und ohne große Hoffnung auf interne Verbesserungen – davor graut mir ja jetzt schon!“ Das ist völlig richtig, nur ein entscheidendes Wort darin ist falsch: Es graut Ihnen nicht schon, es graut Ihnen noch. Denn so mit Mitte 50 und mit dem im Rücken, was man bis dahin alles so erlebt haben durfte, kommen Ihnen zehn oder auch mehr weitere Jahre, in denen man Ihnen die Position, das Gehalt und Ihre Gestaltungsmöglichkeiten lässt (und nicht reduziert oder wegnimmt), schon gar nicht mehr so schrecklich vor.

Das hat viel mit dem Alter zu tun, mit der Verschiebung von Wertmaßstäben und dem Verlust von Illusionen: Der junge Mensch will die Welt verändern, der ältere wäre ja schon froh, sie bliebe wenigstens wie sie ist und es würde nicht schlechter, wie bei Veränderungen stets auch zu befürchten ist. Oder: Die jungen Kriegsfreiwilligen in den Weltkriegen sind an die Front gestürmt mit der Angst im Nacken, es könnte alles vorbei sein, bevor sie zum Einsatz kämen. Die altgedienten Landser, Familienväter zumeist und hinreichend fronterfahren, waren froh um jeden Tag, der ohne Schießerei abging und an dem man wieder auf ein glückliches Ende hoffen durfte (Wer sehr scharf denkt, erkennt in diesen Beobachtungen einige der Gründe für die Vorbehalte gegenüber Angestellten ab 50: Wer die Welt erobern will, muss junge Leute einsetzen – ältere neigen zu störenden Fragen wie „Warum?“).

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1945
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 30
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-07-28

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