Heiko Mell

Chef erpresst + Urlaub „durchgesetzt“

Schon seit langem ist es mir ein großes Bedürfnis, Ihnen zu schreiben. Seit mehr als dreizehn Jahren verfolge ich nun schon regelmäßig Ihre Serie – teils erheitert, teils ernüchtert, aber am Ende stets verblüfft über Ihre treffsicheren und präzisen Einschätzungen, Aussagen und sehr praxisrelevanten Ratschläge.

Nach meinem Abschluss an einer der renommiertesten Technischen Hochschulen Europas trat ich bei meinem heutigen Arbeitgeber, einem weltweit tätigen deutschen Konzern ein. Rückblickend kann ich sagen, dass ich mit dem Verlauf meiner Karriere sehr zufrieden bin.

Wie Sie sich vorstellen können, haben mir am Anfang viele Erfahrungen gefehlt, die es mir hätten einfacher machen können. Es hat Rückschläge gegeben, aber generell ging es immer voran und aufwärts – auch dank Ihrer Serie. In den Jahren meiner Karriere habe ich dreimal den Standort und mehrmals das Aufgabenfeld gewechselt: stets bemüht, mich immer weiter zu entwickeln, fachlich, gehaltlich und später auch als Führungskraft. Dabei hatte ich stets den „roten Faden“ im Lebenslauf vor Augen, den Sie ja in Ihrer Serie oft genug beschrieben haben.

In dieser Zeit habe ich viel gesehen und viel erlebt. Den Wechsel vom Mitarbeiter zur Führungskraft, vom Beurteilten zum Beurteilenden, vom Bewerber zum Interviewer usw. Auch in viele Länder hat mich meine Tätigkeit geführt. In Asien, Ost- und Westeuropa und Amerika hatte ich Gelegenheit, mit Kunden und Kollegen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen zusammen zu arbeiten. Immer wieder fand ich Parallelen zu Ihren Ratschlägen und Einschätzungen, bei mir selbst und bei vielen meiner Kollegen. In den allermeisten Fällen konnte ich in der Praxis eine Be­stätigung dessen wiederfinden, was Sie in Ihrer Serie bereits behandelt hatten.

Ich selbst bin leider dreimal Ihren Ratschlägen nicht gefolgt:

1. Meinen ersten Chef habe ich mit einem anderen Jobangebot erpresst, um mehr Geld zu bekommen. Ich hatte dann zwar kurzfristig mehr Geld, der resultierende Schaden für meine Karriere ist jedoch schwer abzuschätzen: Auf jeden Fall war das bis dahin „väterliche“ Verhältnis zu meinem Vorgesetzten kaputt, mitsamt allen Konsequenzen. Gut – sagen wir, ich war jung, unerfahren und naiv.

2. Ca. vier Jahre später habe ich gegen den Willen eines anderen Vorgesetzten einen vierwöchigen USA-Urlaub „durchgesetzt“: Danach trat eine Phase dreijährigen Stillstands ein, weder gehaltlich noch in Bezug auf Karriere ging es auch nur einen Schritt voran. Heute selber Vorgesetzter, wundert mich das alles natürlich nicht mehr. Diese Erfahrung hat mein weiteres Handeln und die Einstellung zu meinem Beruf verändert. Manche Leute werden erst aus Schaden klug, so auch ich in diesem Fall.

3. Der dritte Ratschlag, den ich nicht befolgt habe, ist mein Verbleiben im Unternehmen über so viele Jahre statt eines geplanten Arbeitgeberwechsels.

Antwort:

Danke für diesen Brief und die darin steckende freundliche Anerkennung. Am besten widme ich mich gleich einmal Ihren drei „Knackpunkten“:

Zu 1, der „Erpressung“: Chefs werten „so etwas“ als eine solche, selbst wenn Sie noch so vorsichtig vorgehen oder noch so harmlos formulieren. Gerade bei den oft sehr skeptischen jüngeren Lesern komme ich mit folgendem Beispiel ganz gut weiter:

Vieles im Verhältnis zwischen Mitarbeiter und Chef gleicht dem Verhältnis zwischen Partnern verschiedenen Geschlechts. Nun stellen wir uns vor, Sie als Mann leben mit einer Frau zusammen. Und die will in einem wichtigen Punkt (Urlaub am Meer oder im Gebirge; wer darf was mit der Zahnpastatube anstellen – irgendetwas von diesem Kaliber) nicht so wie Sie. Und dann bringen Sie, ganz raffiniert und en passant das Argument ins Spiel, es gäbe da noch Anneliese. Und die sei erklärtermaßen gern bereit, sich mit Ihnen abzugeben, folge Ihnen problemlos ins Gebirge und sei auch in Sachen Zahnpasta ein Muster an Entgegenkommen. Sie deuten also an, Sie hätten da durchaus ein attraktives Angebot. Als Alternative. Für den Fall … Nun ja: Die Begeisterung, die Sie damit bei Ihrer Partnerin auslösen, entspricht etwa der, die Sie bei Ihrem Chef …

Eigentlich leuchtet mein Beispiel spontan ein. Und dennoch wird das Original („Geld her, Chef, sonst gehe ich zu Müller & Sohn“) immer wieder gern genommen.

Und falls dies ein Jurist liest: Es ist keine Erpressung im eigentlichen Sinne, schließlich fehlt der Verwerflichkeitsaspekt – der Mann droht ja nur mit Anwendung seiner legitimen Rechte (vertragsgemäße Kündigung): Aber es hilft nichts: Das laienhafte „gesunde Rechtsempfinden“ im Chef sieht es als Erpressung. Und er ist entsprechend wütend. Mit dem zu fürchtenden Resultat.

Zu 2, dem „durchgesetzten“ Urlaub: In den Augen von Chefs gehen betriebliche, also ihre, Belange vor. Und wenn ein Urlaub von dieser Länge (am Stück) zu diesem Termin nicht ins Konzept passt, dann gnade dem, der dennoch darauf besteht und solange drückt und bettelt und droht, bis er damit durch ist. Vielleicht gibt der Chef irgendwann nach, vielleicht auch erst dem gemeinsamen Druck von Betriebsrat und Oberchef. Aber dann wird er zu Django („Gott vergisst, Django nie“). Und damit hat der Urlaubsaspirant einen Pyrrhus-Sieg errungen – die Schlacht ward gewonnen, der Preis jedoch war viel zu hoch (das war 272 v. Chr.).

Zu 3, der über zehnjährigen Dienstzeit: Dieses traditionelle Muster – in einen Großkonzern eintreten und dort bleiben – kann durchaus richtig sein. Sie wissen es aber erst bei der Pensionierung. Zwingt Sie jedoch der Arbeitgeber eines Tages zum Wechsel, dann sollten Sie keine zwanzig Dienstjahre bei diesem einen Unternehmen haben. Von daher empfehle ich, rechtzeitig über einen neuen Arbeitgeber nachzudenken. Verlassen dürfen Sie sich heute auf eine „ewige“ Zeit bei einem Unternehmen nicht mehr. In zwanzig Jahren wissen Sie, ob Sie einen Fehler gemacht haben.

Frage-Nr.: 1942
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 28
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-07-14

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