Wer geschieden ist, führt auch schlecht?

Sie haben in einem Beitrag einmal einem im Ehescheidungsprozess stehenden Ingenieur geraten, erst die Scheidung vollständig „abzuwickeln“, um sich danach intensiv auf die Stellensuche zu konzentrieren. Beides parallel zu tun, könne in einem Fiasko enden.Bedauerlicherweise werde auch ich in einigen Wochen geschieden sein. Ungeachtet dessen steht nach meiner jetzigen Berufswegplanung in ca. einem Jahr der nächste Arbeitgeberwechsel an. Den Ratschlag, den Sie o. a. Fragesteller damals gaben, nehme ich sehr ernst.Was mich jedoch seit der Trennung bewegt, ist die Frage, wie Bewerbungsempfänger auf die Information reagieren, dass man geschieden ist. Ich bin mir bewusst, dass jeder Entscheidungsträger unterschiedlich reagieren kann, halte aber z. B. für denkbar eine Haltung wie:“Er hat schon bei der Ehefrau eine falsche Entscheidung getroffen, wie soll er da für unser Unternehmen in leitender Funktion eine richtige Entscheidung treffen?“oder“Er hat gesehen, dass die Ehe in dieser Form eine Belastung ist. U. a. um seine Leistungsfähigkeit – auch für unser Unternehmen – zu erhalten, hat er (zusammen mit seiner Frau) Konsequenzen gezogen.“Sollte ich beides übertrieben zum Ausdruck gebracht haben, sehen Sie mir dies bitte nach.Ich darf anmerken, dass ich nicht der Ansicht bin, meine private Situation schade mir in meiner jetzigen beruflichen Position. Im Gegenteil, ich werde sogar verstärkt mit Aufgaben betraut, die mich immer öfter mit höheren Führungsebenen in Kontakt bringen. Ich beäuge diese Entwicklung natürlich mit etwas Misstrauen. Deshalb lautet meine Strategie, noch mehr zu leisten, um jedweden Eindruck, dass mich die private Situation „mitnimmt“, durch Arbeit und Erfolge zu widerlegen.

Antwort:

Wenn eine so enge und intime Beziehung wie eine Ehe zerbricht, dann gerät für die Betroffenen darüber hinaus ganz sicher auch ein Teil ihres bisherigen Weltbildes ins Wanken. Es ist gut vorstellbar, dass das Selbstbewusstsein leidet, dass Selbstzweifel aufkommen und eine tiefe Verunsicherung um sich greift. Daraus wiederum resultiert oft ein lebhaftes Misstrauen gegenüber der vertrauten Umgebung. Letzteres ist gerade bei Ihnen, geehrter Einsender, sehr gut zu beobachten.Der bereits geschiedene Mensch kann sich sehr oft sehr schnell wieder fangen, so dass er im beruflichen Bereich bald wieder „wie früher“ agiert. Aber der Mensch „in Scheidung“ ist fast immer angeschlagen, ist nicht mehr der Alte. Aus diesem Grund rate ich davon ab, ausgerechnet während einer laufenden Scheidung als Bewerber um eine neue Position zu kämpfen (vorausgesetzt, man ist nicht arbeitslos – dann hat man keine Wahl). Als Deutscher hat man hinreichend Beispiele dafür zur Hand, dass Zweifrontenkriege schwer zu gewinnen sind.Aber: Geschieden zu sein, mit diesem Familienstand im Lebenslauf in den Bewerbungsprozess einzusteigen, ist nahezu völlig problemlos, der Status ist zumindest heute kein Makel (mehr). Seien Sie völlig unbesorgt. Wie Sie überall nachlesen können, scheint man für manche hochangesehenen Ämter in unserer Republik erst nach der dritten oder vierten Scheidung so richtig qualifiziert zu sein. Man kann das auch „Zeitgeist“ nennen.Parallelen im Sinne Ihrer ersten konkreten Frage (falsche Ehefrau gesucht, drohen daher auch falsche Entscheidungen in leitender Position?) werden zwischen Privatem und Beruflichem grundsätzlich nicht gezogen. Dahinter mag auch die Erkenntnis stecken, dass a) andere als rein sachliche Erwägungen bei der Eheschließung eine Rolle spielen (Gefühle, Hormone etc.) und b) beide Partner ab Heiratsdatum einer schwer vorhersehbaren Weiterentwicklung unterliegen.Ihre zweite Frage (einvernehmliche Scheidung, um die Leistungsfähigkeit zu erhalten) ist, verzeihen Sie, schlicht unsinnig. Niemand unterstellt eine Scheidung aus Vernunftgründen, um im Interesse Ihres Unternehmens Ihre Leistungsfähigkeit nicht zu gefährden.Seien Sie nicht so misstrauisch: Vermutlich sind die „Leute“ derzeit bloß nett zu Ihnen. Versuchen Sie weiterhin, Ihren Job gut zu machen und die privaten Probleme so weit wie möglich „draußen“ zu lassen. Ganz gelingt das nicht, aber die Umwelt ist Ihnen dankbar für den Versuch.Eine Einschränkung gibt es: In extremen Fällen ist es möglich, als geschiedener Bewerber bei speziellen mittelständischen Unternehmen auf Ablehnung zu stoßen. So wie das in Einzelfällen auch wegen der Konfession, der landsmannschaftlichen Herkunft denkbar ist. Ich erwähne dies hier nur, um Einwänden vorzubeugen, es gäbe durchaus … Ich zeige: ich weiß, es gibt. Durchaus.Und nun ziehen Sie bitte Ihre Scheidung durch und blicken nach vorn. Es gibt so viele nette Frauen auf dieser Welt.

Kurzantwort:

Befürchtungen, als geschiedener Bewerber um eine Führungsposition schlechte Karten zu haben, sind weitgehend unbegründet.
Frage-Nr.: 1861
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 28
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-07-08

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