Heiko Mell

Sind deutsche Manager so schlecht?

Bei der Frage 1.765 („grottenschlechte deutsche Manager“) wunderte ich mich zunächst darüber, dass Sie eine derart subjektive und pauschale Stellungnahme zum öffentlichen Thema machen. Dann jedoch fand ich Ihre Antwort hingegen teilweise (besonders gegen Ende) allerdings so wahr, dass es richtig weh tat!

In einer Welt, in der für den Manager nur noch die Eigner zählen und die Außenwirkung wichtiger ist als der Betriebsfrieden und die soziale Sicherheit für alle, ist es wahrhaftig keine Freude mehr, eines der unwichtigen, kleinen und austauschbaren Rädchen zu sein. Und im Gegensatz zum Manager gehen die „Kleinen“ nicht mit (millionenschweren?) Abfindungen, sondern mit leeren Händen und wenig Chancen auf dauerhafte „Besserung“, da sie es nun einmal nicht in der Hand haben, etwas zu ändern.

Gestört hat mich an Ihrem Artikel einzig, dass Sie (wie oft, wenn es um derart zentrale und auch moralische Themen geht) lediglich feststellen und nicht kritisieren. Solange diejenigen mit einer Stimme, die gehört wird, nicht kritisieren, besteht ja wohl kaum eine Notwendigkeit, etwas am System zu ändern, oder?

Antwort:

Zunächst zur Frage, warum ich die „grottenschlechten deutschen Manager“ überhaupt zum Thema gemacht habe: Ich weiß, dass in unterschiedlichen Bevölkerungskreisen durchaus (auch) so gedacht wird wie von der Einsenderin formuliert und wollte die Chance nutzen, die Zusammenhänge zu verdeutlichen. Vor allem ging es mir um den Anlass zu einer Darstellung, was eigentlich Aufgabe des Top-Managements ist. Weil jeder Angestellte, der mit Chefs umgehen muss, schon wissen sollte, was die zentrale Zielsetzung ist, der diese Manager gerecht werden müssen. Ich konnte verdeutlichen: Das vorrangige Ziel des höheren Managements ist es nicht, bei der Belegschaft ein gutes Image zu haben, sondern die Unternehmenseigner zu „erheitern“ (im Sinne von erfreuen).

Als Warnung gedacht: Wenn meine berufliche Existenz von jemandem abhängt (wie die des Angestellten vom Chef), dann darf ich mich hinsichtlich seiner Interessenlage keinen Illusionen hingeben.

Damit sind wir bei der zweiten Frage, warum ich nicht – am besten ständig, denn es ist überall unvollkommen – das System kritisiere. Darauf gibt es eine Antwort in drei Teilen:

1. Vielleicht wäre ich dafür ja gar nicht der richtige Mann. Denn wer kritisiert, muss auch Vorschläge für bessere Lösungen anbieten, sonst hat niemand etwas davon. Es ist eine Herkules-Aufgabe, ein neues, besseres System zu entwerfen, laufend zu propagieren und gegen die mit absoluter Sicherheit von allen Seiten kommende Kritik seinerseits zu verteidigen.

2. Tatsächlich glaube ich, dass unser reales System zentrale Schwächen hat – die aber fein abgestimmt sind auf die Unzulänglichkeiten der Menschen, die das System schufen und darin handeln. Und dann habe ich die Erkenntnis verinnerlicht: Alle anderen Systeme, die man ausprobiert hat, konnten – vorsichtig gesagt – nicht überzeugen. Also ist dieses zwar nicht gut, aber deutlich besser als alle bekannten anderen.

Natürlich soll man immer nach neuen Lösungen suchen – aber derzeit liegt kein neues Konzept auf dem Tisch. Wie wahrscheinlich ist es da, dass gerade mir eines einfiele?

Denn das ist eindeutig: Ein „Herumdoktern“ an Symptomen bringt nichts. Und es gilt eben auch: Gebt mir den besseren Menschen, dann gebe ich euch das bessere System.

3. Nun mein zentrales Argument: Ich habe hier an dieser Stelle kein Mandat für ständige Kritik am System. Ich stelle mir auch die Situation der Verantwortlichen dieser Zeitung vor: Man kann kaum einen Außenstehenden über so viele Jahre hinweg hier auftreten lassen, wenn der ständig zu Systemveränderungen aufruft. Wobei er dabei ja zwangsläufig seinerseits emotionale Reaktionen größeren Umfanges provozieren würde. Denn jede vorgeschlagene Veränderung ruft stets erbitterte Gegner eher auf den Plan als mehr oder minder engagierte Befürworter.

Wie wollte auch ein solcher Autor seine Qualifikation für systemverändernde Kritik unter Beweis stellen?

Ich habe damals versprochen, das bestehende System zu erläutern und den Lesern dadurch zu helfen, dass ich zeige, wie es arbeitet, „funktioniert“. Das scheint mir zu gelingen, denn selbst meine Kritiker geben weitgehend zu, dass es „so“ sei da draußen in der Praxis.

Jeder Leser muss selbst beurteilen, wie wertvoll meine Beiträge für ihn sind. Aber ich habe im Hinblick auf das Ziel meiner Arbeit ein gutes Gewissen: Der „normale“ akademisch gebildete Angestellte (auch wenn er Manager ist) weiß grundsätzlich wenig über Regeln und Mechanismen des Systems, in und von dem er lebt. Der immer wieder neu „nachwachsende“ Student weiß generell fast nichts. Da konnte und kann ich doch eine ganze Menge bewirken.

Schließlich bin ich auch noch zutiefst überzeugt, dass ich mit meiner Aufklärung über bestehende Verhältnisse insgesamt mehr bewegt habe als ich mit – überwiegend zwangsläufig verpuffenden – Veränderungsvorschlägen hätte bewegen können. Auch hätte der Leser, der ja mitunter nur recht flüchtig liest, ständig unterscheiden müssen zwischen „Das hier beschreibt, wie es ist“ und „Jenes sind nur Ideen und Vorstellungen des Autors, danach darf ich mich derzeit aber in der Praxis noch nicht richten.“

So bleiben wir hier denn besser bei der inzwischen bewährten Arbeitsteilung: Ich sage, wie es ist und im Bedarfsfall sagt jeder für sich, dies sei aber traurig und da müsste man doch …

In der deutschen Presselandschaft gibt es jede Woche zahlreiche Beiträge, in denen Veränderungen des beruflich relevanten Systems gefordert werden, es gibt neue Führungsmodelle, neue Motivationstheorien etc. Diese Artikel sind alle wichtig und informativ. Aber es gab – und soweit ich weiß, gilt das grundsätzlich noch heute – keine Serie wie diese. Ich erlaube mir, darauf trotz allem ein bisschen stolz zu sein. Sehen Sie sich die nachfolgend abgedruckte Frage Nr. 1.778 (Bewerbung) an. Ein Mann mit Top-Ausbildung im mittleren Alter. Und der hat das alles nicht gewusst!

Frage-Nr.: 1777
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 32
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-08-07

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