Heiko Mell

Warum sind deutsche Manager so schlecht?

Frage: Ich habe eine anspruchsvolle deutsche und USA-Ausbildung einschließlich einer Promotion und bin – nach Tätigkeiten in deutschen Firmen – jetzt seit einer Reihe von Jahren selbstständig.
Im Rahmen meiner Tätigkeit sehe ich viele Firmen von innen, vielfach die Geschäftsführer, oft auch die Managementebene darunter. Als völlig außenstehender Person stellt sich mir dabei immer mehr die Frage, warum die Führungsriege in Deutschland so „grottenschlecht“ sein kann/muss!

Es gibt Ausnahmen, aber in denen hat der Geschäftsführer auch immer Anteile an der Firma. Ansonsten geht es niemandem mehr um die Sache, nur um die Selbstdarstellung. Und dabei kennen sie keine Scham: Gestandene Sekretärinnen von Mitte 50 müssen plötzlich eng anliegende Röcke tragen; Frauen von Mitarbeitern werden „angegrabscht“; das letzte Bier wird auf Spesen abgerechnet, damit sich hinterher die Firma das Maul zerreißen kann darüber, wie viel wann wo getrunken wurde (als ob das Gehalt nicht für das Bier reichen würde); alle müssen sparen, was soweit geht, dass die Bleistifte rationiert werden, aber die „Herren“ fahren beständig neue große Autos nobler Top-Marken; sie fliegen selbst dann, wenn der Zug erwiesenermaßen schneller wäre. Gleichzeitig beschaffen sie keine Aufträge (dazu reicht die Zeit bei all der Selbstdarstellung nicht); die Verantwortung wird auf die zweite Riege abgeschoben (diese Leute müssen jene Verträge unterschreiben, die von vornherein „Himmelfahrtskommandos“ sind, aber wer nicht unterschreibt, fliegt sofort – sonst erst dann, wenn alles in Verlusten versunken ist).

Das mittlere Management zieht den Kopf ein und resigniert oder man kündigt und geht woanders hin. Wo es entweder auch so ist wie in der alten Firma – oder wo man nun selbst Chef ist und genau so wird, wie die eigenen früheren Vorgesetzten (dass Macht korrumpiert, hat ja bereits der selige Erich Honecker gezeigt).

Vielleicht könnten Sie ja mal eine Kolumne über „Benimm für Geschäftsführer – oder wie verhindere ich, dass die ganze Firma über mich lacht“ schreiben.

Antwort:

Es gibt, sehr geehrte Einsenderin, sie also doch, die spezifisch weiblich gefärbte Sicht der Dinge. Nicht dass ich je daran gezweifelt hätte, aber jetzt und hier kann ich es beweisen.Zunächst zum Kern der Dinge: Alles, was Sie schreiben, gibt es in der Praxis. Keineswegs etwa in hundert Prozent der Fälle, schon gar nicht alles bei einer Person, aber was Sie beobachten, ist – auch – Realität. Ich will und kann das nicht entschuldigen, aber doch, meinem Auftrag entsprechend, erklären.

Nur: Sie sagen, die Führungsriege in Deutschland sei „grottenschlecht“ (ob die Riegen in anderen Ländern besser sind, weiß ich nicht). Was ist der Maßstab für diese Einstufung? Was ist denn eigentlich die zentrale Aufgabe dieser Top-Manager? Dann gilt es zu prüfen: Lösen sie diese eher gut oder vielmehr schlecht? Es hat schließlich keinen Sinn, einem Fußballprofi vorzuwerfen, dass er nicht singen kann.Unser Wirtschaftssystem sagt ganz klar: Ziel eines Top-Managers ist es, das eingesetzte Kapital der Unternehmenseigner möglichst effizient zu mehren, es langfristig zu schützen und zu bewahren. Als Instrument dazu bedient sich z. B. der Vorstand des ihm anvertrauten Unternehmens – das er entsprechend dieser Zielsetzung zu steuern hat. Erreicht er seine Vorgaben nicht bzw. wird er den Erwartungen seiner Gesellschafter nicht gerecht, wird er gefeuert.

Eine überzeugende Begründung für ein kritisches Urteil über das Management muss also lauten: Sie mehren und sichern das Kapital ihrer Gesellschafter höchst unzureichend. Alles andere sind „Nebenkriegsschauplätze 3. Ordnung“. Von all Ihren Beispielen kommt nur eines in die Nähe dieses einzig relevanten Hauptvorwurfs. Und selbst da gibt es Gegenargumente.

Vergessen wir nicht: Firmen sagen in ihrer Selbstdarstellung oft, bei ihnen stehe der Mitarbeiter, der Mensch, im Mittelpunkt. In der durch das System geprägten Realität ist die Beschäftigung von Mitarbeitern eher lästiges Übel als etwa Hauptzweck: Die Unternehmen würden, wüssten sie nur einen Weg dorthin, liebend gern den zehnfachen Umsatz mit einem Zehntel der heutigen Belegschaft machen.

Natürlich lässt sich trefflich argumentieren: Mit einer zufriedenen, hochmotivierten Belegschaft erreichen wir anspruchsvolle Unternehmensziele besser. Aber das ist schwer dauerhaft sicherzustellen, kaum zwingend zu beweisen, kostet sehr viel Geld – und wird als Einzelziel von den Gesellschaftern überhaupt nicht honoriert („Wir haben leider hohe Verluste hinnehmen müssen – aber ich habe eine gute Nachricht für Sie, liebe Aktionäre: Unsere Belegschaft ist glücklich“).

Nun zu Ihren Beispielen: Ein Mensch beginnt eine Aufzählung im Regelfall mit den Dingen, die ihm am wichtigsten sind (bezogen auf das Thema). Sie beginnen mit den engen Röcken von Sekretärinnen. Beim Teutates! Ich sehe schon die Schlagzeilen in der britischen Boulevardpresse: „Deutsche Manager zwingen ihre Sekretärinnen in enge Röcke!“ Was für ein Abgrund von … Von was eigentlich? Es ist nach den geltenden Regeln unbestrittenes Recht eines hochrangigen Managers, eine Sekretärin zu haben, die nicht nur tüchtig ist, sondern ihm auch als Gesamtpersönlichkeit zusagt. Dazu kann im Einzelfall auch schon einmal ein Detail des äußeren Erscheinungsbildes gehören – wie z. B. die Kleidung. Und da ist es denkbar und keinesfalls gänzlich unüblich, dass der Chef, den die Sekretärin ja repräsentiert, bestimmte Einzelheiten mehr schätzt als andere. Und beispielsweise – selbst Hosenträger – die „ewigen Hosen“ weniger mag als Röcke. Und das auch sagt. Daraus ein pauschales „Sekretärinnen von Mitte50 müssen plötzlich enganliegende Röcke tragen“ zu machen, ist sicher übertrieben.

Was nicht heißen soll, ein Chef dürfe nun alles. Das „Angrabschen“ von Frauen, die das nicht wollen, ist eine grobe Ungehörigkeit, das gilt stets und überall im Leben. Bei den Frauen von unterstellten Mitarbeitern kommt das Ausnutzen der Abhängigkeit des Mannes hinzu – eine völlig unakzeptable Geschichte. Aber: Wie viele Chefs „grabschen“ denn tatsächlich Frauen ihrer Mitarbeiter an? Ich bin 39 Jahre im Beruf und habe keinen einzigen Fall erlebt.Die Sache mit den Spesen, dem Dienstwagen, dem Fliegen: Für den Manager sind das Teile des erreichten Status, er sieht diese wie ein Uniformträger seine Streifen und Sterne. Er verzichtet ebenso ungern auf den ihm zustehenden Wagen wie der „kleine“ Angestellte auf 50 EUR im Monat, nur weil es der Firma schlecht geht. Außerdem spielt bei Top-Managern die Außenwirkung eine sehr große Rolle: „Müller von der Konkurrenz fährt neuerdings Bahn statt zu fliegen. Und er hat statt einer E-Klasse jetzt nur noch einen kleinen Japaner. Der Mann ist wohl weg vom Fenster.“ Diese Rituale gibt es, sie sind Teil des – sorgfältig gepflegten – Motivationssystems für Manager, das System will es so.Die Beschaffung von Aufträgen ist entweder Teil der Ressortverantwortung eines Managers – oder nicht. Der säumige Verkaufsleiter würde gefeuert, der darum bemühte Produktionsleiter jedoch müsste mit Ablehnung rechnen (ist nicht seine Zuständigkeit).

Und die Geschichte mit der auf die zweite Ebene abgeschobenen Verantwortung: Das ist menschlich nicht sehr schön – aber Teil der Überlebensstrategie für Top-Manager. Im Falle von Katastrophen muss ein Schuldiger präsentiert – und notfalls geopfert werden können („Bauernopfer“). Siehe Politik: Bevor es ihn den Kopf kostet, opfert ein Kanzler lieber einen Minister oder Staatssekretär.

Sie nähern sich der Lösung am Schluss Ihrer Aufzählung: Macht korrumpiert – diese Erkenntnis ist von ganz zentraler Bedeutung (uneingeschränkte Macht haben übrigens die von Ihnen erwähnten Inhaber/Anteilseigner – und so mancher bei denen angestellte Manager ist mindestens ebenso unglücklich wie Angestellte in Konzernen).

Kernaussage ist: Manager leiden unter ihren Chefs – bis sie selbst an deren Stelle treten und ebenso werden wie diese. Denn: Dieses System ist von Menschen für Menschen geschaffen worden. Und seine Schöpfer haben es so gestaltet, dass es zu den darin operierenden Managern passt. Menschen sind generell unzulänglich und unvollkommen. Je höher sie aufsteigen, desto mehr fällt das auf. Geben Sie mir eine Generation besserer Menschen – und ich gebe Ihnen ein besseres System.

Tja und was die „ganze Firma“ angeht, die – heimlich natürlich – über den Geschäftsführer lacht: Angestellte der unteren und mittleren Ebenen haben nicht immer alle Informationen, verstehen nicht alles und haben schon vor vielen Generationen über ihre Chefs geflucht, gelacht oder verächtlich gesprochen. Da das System nun einmal so ist, gilt: Besser die Angestellten lachen über den Top-Manager und die Gesellschafter sind mit ihm zufrieden als die Gesellschafter lachen und feuern ihn, aber die Angestellten sind voller Hochachtung. Die Eigner sind für den Spitzenmanager alles. Und über deren Kritik berichten Sie nichts – nur über die Sicht einer Zuschauerin „von draußen“.

Und noch etwas ist in dem Zusammenhang von Bedeutung: Wir haben keine systematische, keine einheitliche, eigentlich haben wir gar keine Ausbildung für (Top-)Manager. Das Studium, das gute Sachbearbeiter ausbildet, ist oft die einzige Basis, die auch der Geschäftsführer hat. Manche Firmen bieten intern zusätzliche Kurse an, andere nicht, manche Manager besuchen externe Seminare, andere kaum oder gar nicht.

(Fast) alle deutschen CAD-Konstrukteure, alle Betriebsingenieure, alle Controller und alle Pharma-Laborleiter haben eine ziemlich identische, definierte Ausbildung, sind fachlich weitgehend vergleichbar für ihren Job gerüstet. Wie Friseurmeister und Mopedfahrer auch. Aber Geschäftsführer und Vorstandsmitglieder wachsen demgegenüber fast auf „freier Wildbahn“ heran. Und, vergessen Sie das nicht, die sie ernennenden Unternehmenseigner brauchen überhaupt keine per Ausbildung erworbene Qualifikation mehr: Erbschein oder Kontoauszug reicht. Ich kritisiere das nicht, ich stelle das nur fest – und warne vor zu hohen Erwartungen bei diesen Grundlagen.

Aber was immer Deutschland endgültig in den Abgrund reißen wird: Die (engen) Röcke für ältere Sekretärinnen werden es nicht sein. Dann doch eher die zu geringen Profite unserer Unternehmen. Aber die hatten Sie nicht beanstandet.

Kurzantwort:

Das real existierende Wirtschafts- und Führungssystem wurde und wird von Menschen für Menschen gemacht. Es ist höchst unvollkommen – eben wie diese Menschen (ausgenommen sind Berater und Serienautoren).

Frage-Nr.: 1765
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 25
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-06-19

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