Noch mehr als 15 Jahre dasselbe tun?

Frage: Ich bin Dipl.-Ing., Ende 40 und in meinem bisherigen Berufsleben recht erfolgreich gewesen. Heute bin ich Executive Vice President eines …-Unternehmens, gehöre aber nicht der Geschäftsführung an.
Zur Zeit ist für mich alles in Ordnung. Mein Chef und meine Kollegen schätzen mich und vertrauen mir, mein Verantwortungsbereich wurde immer wieder erweitert. Meine Arbeit macht mir Spaß, es gibt genügend attraktive Aufgaben, mit denen ich meine Fähigkeiten auslasten kann.
Also, wo liegt eigentlich das Problem? Kurz- bis mittelfristig ist keines in Sicht (natürlich weiß ich aus Erfahrung, dass jederzeit, sozusagen über Nacht, eines auftauchen kann). Wenn alles glatt geht, werde ich hier gern noch eine Reihe von Jahren arbeiten. Aber mit der Vorstellung, für den Rest meines Berufslebens (mehr als fünfzehn Jahre) hier zu bleiben, kann ich mich noch nicht so recht anfreunden.

Dabei geht es mir nicht darum, noch weiter „Karriere zu machen“, Vorstandsvorsitzer ist nicht mein Traumjob. Bisher habe ich jeweils nach vier bis acht Jahren den Wechsel in ein neues Unternehmen / eine andere Branche als sehr anregend, herausfordernd und spannend erlebt. Kurz gesagt, ich fürchte, dass es mir während dieser noch anstehenden vielen Jahre langweilig werden könnte. Bis es möglicherweise so weit ist, bin ich aber in einem Alter, das auf dem Arbeitsmarkt keine Abenteuer mehr zulässt.

Welche Alternativen sehen Sie in meiner Situation, was empfehlen Sie?

Antwort:

Viele Leser werden Sie verstehen, ich schließe mich denen vorbehaltlos an.Zunächst möchte ich aber unseren gemeinsamen Blick lenken auf die – zahlreichen – Menschen, die beim Lesen Ihrer Zeilen ein bitteres Aufstoßen überkommt. Die Anfang 50 sind, in gravierenden beruflichen Problemen stecken, vielleicht arbeitslos sind oder jeden Tag mit dem Eintritt dieser Katastrophe rechnen müssen. Die alle würden herzlich gern mit Ihnen tauschen. Auch das müssen Sie mit in eine Lagebeurteilung einbeziehen.

Ich stelle diese Überlegung bewusst an den Anfang, um Maßstäbe zu schaffen, an denen Sie sich orientieren können. Und dazu gehört auch: Im Grunde ist das Leben Kampf, ist man nahezu ständig mit irgendwelchen Schwierigkeiten konfrontiert, von immer wieder neuen Problemen bedroht. Dazwischen gibt es unterschiedlich lange glückliche Phasen, bis dann irgendwann der nächste Schlag kommt oder der nächste Berg am Horizont auftaucht, der überwunden werden muss. Bei Ihnen hat die „glückliche Phase“ erfreulich lange gedauert – und sie kann anhalten, wird aber nicht ewig währen.

Hinzu kommt noch, dass tatsächlich „alles relativ“ ist: Drohte Ihre Frau morgen mit Scheidung und würde Ihr Kind plötzlich lebensgefährlich erkranken, wäre Ihre derzeitige berufliche Situation nicht nur kein Problem mehr, sondern im Gegenteil ein reiner Segen. Bedenken Sie auch das. Sich in Zufriedenheit ein bisschen zu langweilen ist das kleinere von vielen denkbaren Übeln.

Zur Sache selbst: Sie werden älter. Das ist ebenso banal wie allgemein bekannt, dennoch kann es nicht schaden, sich dieser Erkenntnis zu stellen. Und mit steigendem Alter verlieren wir so nach und nach verschiedene Chancen und Fähigkeiten, bleiben uns Alternativen verschlossen, die wir gestern noch hatten. Was meinen Sie, wie viele Männer Ihres Alters spätestens jetzt mit der Erkenntnis hadern, dass es nun beispielsweise mit der Rolle des „jugendlichen Liebhabers“ endgültig vorbei ist. Das betrifft Amateure ebenso wie Profis – die beispielsweise Schauspieler sind und ihre künftige „Rolle“ neu definieren müssen.

Um Letzteres geht es: Der älter werdende „jugendliche Liebhaber“ wird ins Charakterfach wechseln. Und der auf die 50 zugehende Manager muss sich der Erkenntnis stellen, dass die Möglichkeit, den Werdegang durch Arbeitgeberwechsel „spannend“ zu gestalten, in Zukunft entfällt. Gleichzeitig hat das auch Konsequenzen für die Ausübung des vorhandenen Jobs: Bisher konnte man die Tages- und Langfristaufgaben recht offen, sachorientiert und damit stets auch risikobereit angehen (nur wer etwas riskiert, kann etwas gewinnen). Als „Sicherheit“ diente der Arbeitsmarkt – geht etwas schief, schaut man nach draußen. Dieses „Netz“ unter dem täglichen Drahtseilakt wird mit Ende 40, Anfang 50 sehr, sehr brüchig. Also ist der langsam älter werdende Manager gehalten, nicht mehr so offen für Risiken zu sein wie früher noch. Nur am Rande: Das wiederum wissen Unternehmen auch. Sie wollen dynamische, risikofreudige Manager, wissen aber, dass Menschen um 50 schon wegen schwindender Chancen am Markt darin nicht mehr ideal sein können – und stellen lieber jüngere ein. Es ist ein klassischer „Teufelskreis“.

Nicht weil ich es so will, sondern nahezu zwangsläufig wird sich Ihr beruflicher Blick also in Zukunft vor allem auf Ihr heutiges Unternehmen richten müssen – dessen Aufgaben, Herausforderungen, Chancen und Grenzen bestimmen weitgehend Ihr Denken und Handeln. Gibt es intern noch Karrieremöglichkeiten oder auch nur neue interessante Aufgaben, nehmen Sie sie mit – gibt es sie nicht, machen Sie halt Ihren Job weiter.

Als kleiner Trost für Sie: Es gibt ungeheuer dynamische, tatendurstige, etwas bewegende Manager von 60 und mehr Jahren, keine Frage. Aber selbst die waren in jüngeren Jahren noch dynamischer, tatendurstiger etc. als heute. Man wird parallel zu dieser Entwicklung auch in seinen Ansprüchen an die täglich neuen Herausforderungen des beruflichen Umfelds im Laufe der Jahre etwas „ruhiger“.

Konkret: Sie brauchen keine Angst zu haben, Sie müssten jetzt mehr als fünfzehn Jahre lang als derselbe Mensch ständig dasselbe tun – Sie werden schlicht nicht derselbe Mensch bleiben. Der Standard-Alterungsprozess zwischen 50 und 65 ist – nur geistig gesehen – sicher größer als der zwischen 30 und 45, in jedem Fall aber anders. Wertmaßstäbe verschieben sich, Kinder wachsen heran und erfordern oft mehr an Aufmerksamkeit oder Engagement als früher, die Absicht, die (berufliche) Welt in jedem Falle zu verändern, wird weniger energisch vertreten als zuvor. Die Bedeutung eines harmonischen Arbeitsumfelds steigt gegenüber der Bereitschaft, in jedem Fall zu kämpfen und siegen zu wollen. Und es ist absolut nicht so, dass die Jüngeren mit ihrem Streben richtig, die Älteren hingegen falsch liegen – die Lösung dürfte im Mittel zwischen den Extremen zu suchen sein (also auch in einem altersmäßig ausgewogen zusammengesetzten Management).

Das alles bedeutet letztlich: Was Ihnen heute noch schrecklich zu sein scheint – alles im Griff zu haben, nicht jeden Tag die „spannende“ neue Herausforderung bestehen zu dürfen – wird von Ihnen zunehmend als angenehm empfunden werden. Erst gelegentlich, dann immer öfter darf der Tag ruhig auch einmal „entspannende“ Seiten zeigen.

Und ein bisschen aufregend bleibt ein Job wie Ihrer ja immer, dafür sorgt schon das sich ständig verändernde Umfeld. Kaum haben alle Ihre Kunden zwei Handys, arbeiten Sie schon an Plänen für drei pro Kopf, und haben Sie den Markt in Indien erobert, dann können Sie immer noch den in China aufreißen. Das ist das Vorteilhafte an einer Managementposition: Selbst wenn es auf dem Papier stets dieselbe Funktion bleibt, ist irgendwo jeder Tag doch wieder neu fordernd – so man das will. Und Sie wollen.

Als zusätzliche Empfehlung: Wenn Sie denn tatsächlich meinen, da blieben Energiereserven ungenutzt, dann engagieren Sie sich ruhig mehr außerhalb des engen beruflichen Umfelds. „Gern genommen“ wird der private Bereich, vom Einstieg in das Golfspiel bis zum Bau eines neuen Mietshauses. Empfehlenswert ist schließlich uneingeschränkt auch der soziale Bereich, dort findet man auf jeder Ebene hinreichend fordernde Betätigungsfelder.

Kurzantwort:

Ab Ende 40 ist eine Karrierestrategie, die auf gelegentliche Firmenwechsel setzt, nicht mehr durchzuhalten – der Blick richtet sich zwangsläufig nur noch auf den derzeitigen Arbeitgeber. Aber die Angst, jetzt etwa fünfzehn Jahre als derselbe Mensch denselben Job machen zu müssen, ist unbegründet – mit fortschreitendem Alter bleibt man nicht derselbe Mensch.

Frage-Nr.: 1645
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 6
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-02-08

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