Heiko Mell

Homosexuell

Ihre Einstellung zum Tragen von diversen Moden, wie z. B. Piercing (Frage 1.603), finde ich sehr interessant und nachvollziehbar. Mich würde jedoch interessieren, wie Sie über Eigenschaften denken, die nicht zu beeinflussen sind, aber deren allgemeine Ablehnung bei konservativen Menschen ich einmal unterstellen möchte.

Es geht um das Thema Homosexualität. Es versteht sich von selbst, dass im Geschäftsleben ein den Anforderungen entsprechendes Verhalten inklusive Kleidung sein muss, darum geht es nicht.

Es geht um den sensiblen Umgang mit der Frage nach dem Familienstand. Wenn nicht schon im Vorstellungsgespräch, so kommt irgendwann im Arbeitsalltag die Frage nach den persönlichen Verhältnissen. Nun kann es in der heutigen Zeit noch so „normal“ sein, so oder so geneigt zu sein, es ist und bleibt doch für die Mitmenschen ein entscheidender Unterschied.

Da gerade im Umgang mit Vorgesetzten immer wieder ein ehrlicher Umgang propagiert wird, würde mich interessieren, mit welchen Reaktionen zu rechnen ist. Wie denken Sie selbst?
Leider kann man diese Reaktionen nicht antesten, weil hinterher die Information nicht wieder in den Köpfen gelöscht werden kann. Auf der anderen Seite kostet das Versteckspiel unnötige Energie.

Antwort:

Nur einmal am Rande: Es gibt doch jetzt die offiziell eingetragenen Lebensgemeinschaften homosexueller Paare. Was geben die Betroffenen eigentlich für einen Familienstand an? Was steht auf Lohnsteuerkarten, Steuerbescheiden? Ich weiß es nicht. Vielleicht gibt es fachkundige Leser, die – am besten unter Bezug auf die Stelle im Gesetz – weiterhelfen können. Dürfte ein Betroffener, der also eine solche Lebensgemeinschaft hat eintragen lassen, noch „ledig“ in die Bewerbung schreiben? Oder umgekehrt: Könnte man in einem solchen Fall (einer konkreten Angabe zum Familienstand) aus der korrekten Bezeichnung (die ja nicht „verheiratet“ lautet) auf die Homosexualität schließen? Ist damit ein Damm gebrochen? Bisher fehlen mir damit Erfahrungen.

Generell zu Ihrer Frage, die ja diesen Spezialfall der „Eintragung“ nicht betrifft:
In der schriftlichen Bewerbung hat der Hinweis auf irgendwelche sexuellen Vorlieben oder Gewohnheiten nichts zu suchen, damit ist diese Phase abgehakt. Auf einem anderen Blatt steht, was der Leser denkt, wenn in einem höheren Lebensalter „ledig“ steht („geschieden“ wäre etwas anderes). Aber was immer er denken sollte, ihm fehlt jegliche weitere Information zu diesem Thema, so dass er vielleicht aufmerksam wird (falls er dem überhaupt Bedeutung beimisst), aber kaum jemals deshalb die Bewerbung ablehnt.

Lediglich bei gehobenen Führungspositionen gibt es die durchaus verbreitete Auffassung, ein solcher Manager hätte idealerweise auch im Privatleben Verantwortung übernehmen und statt „ewiger Junggeselle“ lieber verheiratet sein sollen. Das geht dann aber eher gegen den – vermuteten – ledigen Heterosexuellen als gegen eine etwa unterstellte Homosexualität.

Im Vorstellungsgespräch hat das Thema „sexuelle Vorlieben“ ebenfalls grundsätzlich nichts zu suchen, weder in den Fragen des potenziellen Arbeitgebers, noch in den Eigendarstellungen des Bewerbers. Hier fällt es jedem Bewerber verhältnismäßig leicht, die üblichen Fragen konsequent freundlich, aber nichtssagend so zu beantworten, dass keine ungewollten Informationen über ihn an die Oberfläche kommen.

Eine ganz andere Frage ist das Vorgehen für jemanden, der mit seiner Veranlagung schon beim ersten Kontakt unbedingt offensiv umgehen will. Ich würde zwar niemanden dazu überreden, müsste das aber akzeptieren. Dafür lautete mein Tipp: Nichts dazu in die schriftliche Bewerbung, sondern beiläufige Information während des Vorstellungsgesprächs. Es kann aber allein nur wegen des offensiven Umgangs mit dem Thema zu Ablehnungen kommen, die nicht in der Veranlagung selbst liegen!

Im Standardfall aber kommt nichts davon zur Sprache, der Betroffene steigt in sein neues Arbeitsverhältnis ein, weder Chef noch Kollegen wissen etwas. Nun wird es tatsächlich schwierig.Ich bin nicht sicher, vorsichtig gesagt, ob z. B. der Chef überhaupt etwas wissen will. Zumindest ist es ihm sicher nicht unlieb, offiziell nichts wissen zu müssen, z. B. auch seinen eigenen Vorgesetzten gegenüber. Das könnte ihm Probleme ersparen (die es vielleicht gar nicht gibt, mit denen er aber vorsichtshalber rechnen muss). Also neige ich zu dem Rat, in einem üblichen Verhältnis zum Chef eher gar nichts zu sagen und in einem sehr engen, fast freundschaftlichen (und sich nur bei längerer Dienstzeit ergebenden) Verhältnis nur so viel anzudeuten, dass der Vorgesetzte halbwegs informiert ist, aber stets die Freiheit hat, offiziell nichts gewusst zu haben.

Die Kollegen sind stets sehr schnell „misstrauisch“, das gilt nicht nur für dieses Thema. Da wird leicht in Abwesenheit des Betroffenen über ihn diskutiert, werden Fragen aufgeworfen, die schließlich auch dem Betroffenen gestellt werden. Dem fällt das ständige ausweichende Antworten auf die Dauer lästig, es kostet ihn – siehe oben – „unnötige Energie“.

Aber kann ich zur totalen Offenheit im Kollegenkreis und damit in der gesamten betrieblichen Umgebung raten? Ich hätte Verständnis, wenn jemand aus eigenem Entschluss dazu neigte, aber von mir aus raten? In jedem Fall nicht, ohne auf denkbare Nachteile für den Betroffenen hinzuweisen. Die Kollegen selbst würden damit zumeist noch am unbefangensten umgehen, nachdem sie sich damit beschäftigt haben. Auch wäre keinesfalls eine spontane Entlassung zu befürchten.

Aber garantieren, dass es auf Dauer nicht doch zu subtilen Nachteilen kommt, möchte ich keinesfalls. Das betrifft dann Beförderungen, Kundenkontakte, Leitung wichtiger Projekte, Präsentationen beim Konzernvorstand (der vielleicht gar nichts gegen Homosexuelle hat, den man sich aber nicht vorher zu fragen getraut und bei dem man dann also „vorsichtshalber“ vorsichtig ist).

Trotz aller öffentlichen Paraden und fortschrittlichen Gesetze stecken in weiten Teilen der Bevölkerung noch immer dumpfe Vorurteile gegen homosexuelle Menschen. So mutig Betroffene sind, die sich offen zu ihrer Veranlagung bekennen, so sehr müssen sie dann doch damit rechnen, sich Nachteile einzuhandeln.

Und daher kenne ich Menschen in z. T. ranghohen Führungspositionen, über die ihre engste Umgebung im vertraulichen Gespräch „munkelt“, der solle ja … Aber persönlich kenne ich keinen Betroffenen, der offen dazu steht. Jedenfalls nicht so offen, dass ich es gehört hätte. Diese Menschen werden ihre Gründe haben. Noch – wie zu hoffen ist.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1626
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 45
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-09-11

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