Heiko Mell

Frust in der „Fachkarriere“

Frage: Ich bin seit etwa fünf Jahren bei meinem ersten Arbeitgeber nach dem Studium als Sachbearbeiter im technischen Bereich tätig. Als Anfänger erlebte ich durch Versetzung meines Chefs nach gut einem Jahr den ersten Vorgesetztenwechsel. Unter dem neuen Chef (ehemaliger Kollege) im alten Team habe ich dann einige Jahre teilweise mehr, teilweise weniger interessante Tätigkeiten durchgeführt.

Die Möglichkeit, über harte Arbeit in die Managementlaufbahn vorzustoßen, habe ich für mich bereits nach dem ersten Berufsjahr abgeschrieben. Persönliche und familiäre Opfer erscheinen mir zu hoch gegenüber dem Nutzen; außerdem habe ich mehrfach mitbekommen, wie auf oberen Ebenen taktiert und „abgeschossen“ wird. Ich ziehe es heute vor, auf anderen Wegen meine Selbstwertdefizite abzuarbeiten und ein „erfülltes Leben“ zu erreichen. Daher habe ich den Entschluss getroffen, bei einer „Fachkarriere“ zu bleiben und hier einer der Besten zu werden.

Seit mehr als einem Jahr habe ich intern in ein anderes Team mit der Perspektive interessanter Aufgabenstellungen gewechselt. Ich verstehe mich sehr gut mit meinem Chef. Wir reden offen über geschäftliche und öfter auch private Angelegenheiten. Außerdem genieße ich seine volle Rückendeckung und weiß, dass er große Stücke auf mich hält.
Bis vor einem Jahr war ich in einer unteren Tarifgruppe mit über 100 % Leistungsbeurteilung eingestuft (Nachwirkungen meines Eintritts per Blindbewerbung in einer Zeit des Einstellstopps).
Ich forderte eine höhere Tarifgruppe oder ich würde mich nach etwas anderem umschauen. Schließlich wurde ich höhergruppiert, bekam aber erst einmal eine sehr niedrige Leistungsstufe, was mit den höheren Erwartungen an einen Mitarbeiter in dieser Gruppe begründet wurde. Kurz nach dem Sprung fand ich das auch o. k.Kürzlich ging ich in die jüngste Leistungsbeurteilung. Mein Chef beurteilte mich einerseits höher als im Jahr davor, gab mir aber immer noch keine 100 %.
Begründung: die höheren Erwartungen, siehe oben. Andererseits bezeichnete er von sich aus meine Leistung in einem wichtigen Projekt mehrfach und wohl überzeugt als „toll“.
Wir haben sehr ausführlich darüber diskutiert. Er sieht meine Leistung deutlich über der von einigen Kollegen; ich forderte eine bessere Beurteilung, während er nicht bereit war, auch nur in einem Punkt nachzugeben. Ich wollte wegen der Beurteilung unter 100 % seine Kritik erfahren – er sagte, er hätte keine. Schließlich habe ich, um ihn nicht zu nerven (tut man nicht – Zitat Mell) seine Darstellung unterschrieben. Immerhin gab er mir auf Wunsch ein Zwischenzeugnis.
Ich bin jedoch enttäuscht, beurteilungsmäßig und finanziell mit einigen Anfängern auf eine Stufe gestellt zu werden – und das nach den erfolgreichen Bemühungen der letzten Zeit. Kollegen, mit denen ich gesprochen habe, können dies auch nicht nachvollziehen. Ich habe schon mit „Anpassung meiner Leistung an die Leistungsbeurteilung“ gedroht.
Mein Chef meinte, dieses negative Ergebnis habe er nicht gewollt, und er hat mich gefragt, ob ich die Projektleitung für ein neues Vorhaben übernehmen wolle.

Nun meine Fragen … …

Antwort:

Ich habe die Einsendung gekürzt, die Fragen, welche allein einen Artikel gefüllt hätten, weggelassen und die Darstellung anonymisiert (der Chef liest lt. Einsender diese Zeitung auch); nun mag er ahnen, wer hier anfragt, aber er kann es nicht beweisen).

Ich sehe zwei wesentliche Ansätze für eine Antwort:

1. Sie haben ein gutes Verhältnis zu Ihrem Chef. Das ist sehr schön. Dieser Mann weiß alles, was Sie wissen wollen – Kern Ihrer Frage ist schließlich ein riesiges WARUM?! Nun fragen Sie ihn doch einfach einmal. Bisher haben Sie ihm immer nur gedroht, haben ihn mit Forderungen bedrängt, haben den Enttäuschten gegeben – und ihm das Leben ziemlich schwer gemacht. In der Bewertung Ihrer fachlichen Leistungen sind Sie so empfindlich wie eine Primadonna, der Umgang mit Ihnen ist sicher auch nicht nur einfach.

Holen Sie in einer ruhigen Minute seine Meinung, seine offene Beurteilung Ihrer gesamten Situation ein. Dabei ist es äußerst wichtig, dass Sie ihm

a) versprechen und Sie das

b) auch uneingeschränkt halten, nicht mit ihm zu diskutieren.

Beispiel: Er sagt: „Nehmen wir das A-Projekt. Da haben Sie zu spät …“ Auch wenn es Sie schier zerreißt, dürfen Sie dann nicht rufen: „Moment, das sehen Sie falsch. Nicht ich war zu spät, sondern …“ Nein, Ihnen ist allenfalls erlaubt ein: „Ach, so sehen Sie das. Interessant.“ Mehr nicht!Wenn er merkt, dass Sie tatsächlich nur zuhören, nicht diskutieren, nicht fordern, nichts durchsetzen wollen, nicht beleidigt sind – dann öffnet er sich. Und wird Ihnen hochinteressante Informationen über Sie liefern. Seine Aussagen müssen Sie nicht „glauben“, aber Sie lernen daraus.Ich bin ganz sicher, dass dieses Vorgehen Ihnen wertvolle Aufschlüsse über Sie liefert.

2. Wenn Sie auf einen Golfplatz gehen, können Sie dort

a) Golf spielen. Dabei strengen Sie sich an, so hoch wie möglich in der internen Rangskala aufzusteigen etc. Damit erfüllen Sie alle Erwartungen.

b) Kein Golf spielen. Sie sind Mitglied, nutzen die Bar, genießen die Geselligkeit. Das geht auch.

Sie jedoch gehen auf den Golfplatz, verweigern sich dem dort angesagten Tun und versuchen, auf dem Grün Fußball zu spielen. Das führt zu Problemen.Wie fast alle Beispiele ist auch dieses etwas überspitzt, hat aber einen „stimmenden“ Kern. Und den muss ich erläutern:Unsere Unternehmen streben unverdrossen. „Größer, besser, schöner, mehr“ ist ihre Devise. Wer seine Branche in Europa dominiert, will das nunmehr weltweit; wer 3. Marktführer ist, will 2. werden; wer 200 Mio. DM Umsatz macht, will 300; wer 4,5 % Kapitalrendite erwirtschaftet, will 6 %. Das ist die zentrale Triebkraft allen unternehmerischen Tuns, darauf basiert das ganze System, so denkt auch Ihr Arbeitgeber. Wie auch ein Bundesligaklub, der an 8. Stelle der Tabelle steht, „weiter nach oben“ oder eine Partei mit heute 7 % demnächst deren 18 will.

Wenn das so ist – und ich sehe keine Möglichkeit, daran zu zweifeln -, welche Mitarbeiter passen dann am besten in diese Unternehmen? Richtig, die ihrerseits nach vorn, nach oben streben. Wer Sachbearbeiter ist, will Projekt-/Teamleiter werden; wer Gruppenleiter ist, will Abteilungsleiter werden; wer Bereichsleiter ist, will gern Geschäftsführer werden. Wer 100.000,- DM im Jahr hat, will 150.000 und so weiter und so weiter.

Nun kann man als Akademiker zwar „Mitglied im Klub“ werden, aber dieses Streben nach oben nicht mitmachen. Da letztlich auch gar nicht alle Mitarbeiter ständig befördert werden könnten, ist das System auf solche Mitarbeiter sogar angewiesen und hat nichts gegen sie.

Wer aber als „Klubmitglied“ nicht „mitspielt“, darf auch nicht jammern, dass er keine Siegerpokale erringt. Oder er darf sich nicht wundern, dass der Klub ihm keine materiellen Vergünstigungen aller Art einräumt.Aber genau das tun Sie, was zwangsläufig zu Reibereien führen muss. Jetzt oder später – wenn Sie mich fragen, sogar jetzt und später.

Der Kern des Problems ist Ihre Berufsphilosophie. Was Sie da in kurzen Worten über die Ablehnung von Karriere schreiben, ist die Basis – aus der sich alles andere entwickelt hat.

Wenn Sie jetzt konsequent wären und nicht nahezu fanatisch „mehr Geld, höhere Tarifgruppen, bessere Leistungsbewertungen“ fordern würden, wäre alles in Ordnung. So aber verschleißen Sie sich in dem Bestreben, auf den unteren Ebenen etwas mehr herauszuquetschen – und das in einem System, das darauf aufgebaut ist, Ihnen gern und freigiebig sehr viel mehr Geld zu geben. Aber dazu müssen Sie „mitspielen“ und eben Ihre Vorbehalte gegen Karriere aufgeben.

Ich gestehe ja ein, dass Ihnen ein Gegenargument bliebe: „Ich verstehe nicht, warum ich nicht eine mir gerechterweise zustehende Tarifgruppe und eine mir gerechterweise zustehende Leistungseinstufung bekommen soll. Mit der eventuellen späteren Karriere hat das doch zunächst einmal gar nichts zu tun.“ Das wäre formal nicht falsch, aber der Denkansatz führte nicht weit genug.

Kümmern Sie sich nicht um X % in Ty, sehen Sie zu, dass Sie AT werden und aufsteigen. Dann haben Sie auf dem Gebiet, das Ihnen heute so wichtig ist, ungleich mehr erreicht.

Sie wollen den „Preis“ dafür nicht zahlen. Das Argument hört man oft. Aber es ist doch nicht so, dass man weiter unten im Nirwana lebt und weiter oben reines Hauen und Zähneklappern angesagt ist. Welchen Ärger Sie „unten“ auch haben können, sehen Sie ja derzeit. Dazu kommen mit steigendem Alter immer öfter Chefs, die jünger sind und weit weniger Fachwissen haben als Sie. Und die Entscheidungen fallen stets dort, wo Sie keinen Zutritt haben. Nein, auf seinem Gebiet sehr gut zu sein und „mit Gewalt“ (siehe das nachfolgende Thema Projektleitung) entgegen dem eigenen Talent „unten“ bleiben und das „Spiel“ des ganzen Unternehmens nicht mitspielen zu wollen, das bringt mindestens so viele Probleme wie der Aufstieg. Je besser Sie sind und je mehr Aufstiegstalent Sie eigentlich haben, desto schwieriger wird es für Sie als Verweigerer.

Natürlich muss man sich auf dem Weg nach oben einsetzen, auch zeitlich. Aber es gilt auch: Mancher lässt sich fressen, viele aber finden auch einen vernünftigen Ausgleich mit dem Privatbereich. Fußballspieler müssen sogar sonntags ran – und leben auch irgendwie. Dieser Aspekt wird von Außenseitern meist überbewertet, die Führungskräfte selbst fangen damit so gut wie nie an, wenn sie drückende Probleme aufzählen sollen.

Und was Taktik und „Abschießen“ angeht: Diese Fragen kommen nicht vom Aufstieg, sie ergeben sich aus dem Geschäft heraus, das in und von den Unternehmen betrieben wird: Wer heute mehr Autos verkaufen will, muss anderen Herstellern Marktanteile abjagen. Und: Auch kleine Angestellte werden „abgeschossen“.

In welcher Welt leben Sie denn: Firmenübernahme-Schlachten sind an der Tagesordnung, täglich liest man davon. Dabei gibt es Sieger und Besiegte – auch im Fußball kann man ein Endspiel nur gewinnen, wenn der Gegner verliert.

Sie können letztlich nicht wirklich in einem Unternehmen beschäftigt sein, das täglich versucht, andere an die Wand zu drücken (wenn die sich bloß drücken ließen), dort Ihre „Brötchen“ verdienen sowie die überwiegende Zeit des Tages verbringen, das Haus als Ihre berufliche Heimat ansehen – und ständig vor sich hinmurmeln: Ich bin klein, mein Herz ist rein …Das Leben ist Kampf, das Berufsleben sowieso. Deshalb muss nun nicht jeder gleich gegen jeden kämpfen. Aber es nützt nichts, nicht hinsehen zu wollen. Dann müssen Sie konsequent sein und auch „von solchen Leuten nicht geführt werden und bei solchen Leuten kein Geld verdienen wollen“.

Ihr Chef gehört zur Gruppe derer, die tun und sind, was Sie bisher nicht tun und nicht sein wollten. Also besteht die Gefahr, dass Sie ihn und seinen Status so ablehnen, dass er das merkt. Vielleicht glaubt er sogar, Sie verachten ihn ein bisschen?Nein, wer in und von einem System lebt, muss es bejahen, sonst ist mit Reibungsverlusten zu rechnen. Die bekommen Sie auch dann, wenn Sie jetzt Ihre 100 % in Ty hätten. Dreißig weitere Berufsjahre in Ty sind ja auch noch nicht so furchtbar toll – wenn man Ansprüche hat.

In einigen Großbetrieben – in Ihrem Hause nicht – gibt es extra eine Fachlaufbahn mit Aufstiegsmöglichkeiten, die zwar ein höheres, mit manchen Führungspositionen durchaus vergleichbares Einkommen bringen kann, aber auch andere Probleme einschließt (z. B. den gefürchteten „goldenen Käfig“, wenn eines Tages die Firma gewechselt werden soll).

Um bei diesem heißen Thema keine Fehlinterpretationen aufkommen zu lassen: Natürlich bin ich für Karriere, diese Serie heißt ja direkt danach. Aber auch ich rate davon entschieden ab, wenn das Talent fehlt. Besonders jedoch rate ich von einer bewussten Verweigerung der Karriere in Kombination mit hohen Ansprüchen in Sachen Anerkennung und Geld ab. Dafür eignet sich das „System“ nicht.

Weiter zu Ihrem Fall: Ihr Chef bietet Ihnen eine Projektleitung an. Machen Sie das, machen Sie das gut und Sie steigen auf. Ihr Ärger mit den albernen Leistungsprozentchen in den Tarifgruppen ist bald vergessen, Ihr Einkommen steigt, die Wertschätzung des Unternehmens lesen Sie dann an Ihrem Rang ab. Was aber tun Sie, statt Ihrem Chef ob der Chance um den Hals zu fallen? Sie fragen mich an anderer Stelle Ihres Briefes: „Welchen Vorteil sehen Sie für einen “Vollbluttechniker“, wenn er eine Projektleitung übernimmt, gegenüber dem Nachteil einer eher mühsamen, zähen und langweiligen Aufgabe?

„Die Antwort lautet: „Wer eine Projektleitung übernimmt, hat eine sehr gute Profilierungschance. Er erarbeitet sich mit der erfolgreichen Erledigung der Aufgabe eine solide Basis für den weiteren Aufstieg.“ Letzterer wird allgemein als Ziel unterstellt. Vor allem in einer „Karriereberatung“.

Wenn Sie bei Ihrer Haltung bleiben, sind Sie vielleicht im falschen „Spiel“. Ein eher rein fachlich ausgerichtetes Hochschulinstitut, eine Hochschullaufbahn o. ä. wären beispielsweise Entscheidungsalternativen gewesen.

Kurzantwort:

Das Regelsystem in Unternehmen der freien Wirtschaft ist darauf aufgebaut, dass alle Beteiligten, die Firmen ebenso wie ihre Mitarbeiter, maximalen Erfolg im Rahmen ihrer Möglichkeiten anstreben. Für den hochqualifizierten, akademisch gebildeten Mitarbeiter heißt das Aufstieg, soweit Begabung und Chancen das zulassen. Wer sich dem bewusst verweigert, nimmt zwar ein Grundrecht in Anspruch, muss aber mit Reibungsverlusten rechnen.

Frage-Nr.: 1577
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 16
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-04-20

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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