Heiko Mell

Rückgrat, Mut & Co

Frage: Aus meiner Sicht kommt in Ihrer Serie u. a. dieser Aspekt zu kurz:

Für eine Karriere sind Konsequenz, Rückgrat und Mut absolut notwendig. Anpassung an unakzeptable Gegebenheiten und das Hinnehmen von Unverschämtheiten machen langfristig krank.
Gegenüber Vorgesetzten und Mitarbeitern gilt aus meiner Sicht (Abteilungsleiter, Mitte 40): Wehret den Anfängen.

Antwort:

Haken wir ein Detail ab, in dem wir einer Meinung sind: Als Vorgesetzter gegenüber Mitarbeiter gilt „Wehret den Anfängen“ unbedingt. Lassen Sie nichts einreißen, was Ihnen nicht gefällt, schlucken Sie kein Fehlverhalten. Kritisieren Sie sofort, zeigen Sie besseres Verhalten auf, konkretisieren Sie Ihre Erwartungen.

Ein Mensch, der geführt wird, braucht, ja er sucht Grenzen. Wenn man ihm in aller Ruhe und unter vier Augen sagt: „Das und das hat mir nicht gefallen, ich erwarte hingegen dieses und jenes Verhalten“, dabei nicht ausfällig wird und ebenso ruhig wie sachlich bleibt, hilft man als Chef sich ebenso wie dem Mitarbeiter.

Bei der Gelegenheit insbesondere für Führungsanfänger und solche Vorgesetzte, die ahnen, dass sie schwach sind: Versuchen Sie nie, bei Ihren Mitarbeitern beliebt zu sein. Schön, wenn es sich ergibt, aber ein Ziel ist das nicht. Geachtet, respektiert zu sein, reicht völlig. Wer aber beliebt sein wollte, müsste ständig seine Entscheidungen daran ausrichten – und wäre bald verloren.Nun zum schwierigen Rest Ihrer Frage. Mehrere Antworten von mir:

1. Der Mensch, der hier eine Karriere anstrebt, ist Angestellter, also abhängig Beschäftigter. Er existiert (und oft seine Familie mit ihm) von dem Einkommen aus dieser Tätigkeit.“Karriere“ in diesem Sinne ist nur machbar, wenn Arbeitgeber diesen Menschen „lassen“, ihn befördern, ihm Entscheidungsgewalt über ihr(!) Eigentum zugestehen. Karriere geht nicht auf dem Rechtsweg, ist nicht einklagbar.

Der Mensch, der Karriere machen will, ist vom Wohlwollen derer, die ihm Arbeit geben, abhängig. Sonst muss er selbständig werden – dann hat er Kunden und ist von denen abhängig. Er könnte Politiker werden, dann wären es die Wähler, von deren Gunst er ganz besonders … Bleiben wir lieber bei Arbeitgebern und -nehmern.

Dieser Mensch hat sich also dafür entschieden, seine Existenz auf einer derartigen Abhängigkeit aufzubauen. Nun berate ich hier solche Angestellten. Soll ich denen tatsächlich vorrangig das hohe Lied von Rückgrat und Mut, möglichst wenig Anpassung und keinerlei Hinnahme von Unangenehmem predigen? Könnte ich das verantworten?

Ja, wenn ich freie Künstler beriete oder unkündbare Mitarbeiter mit festgelegter Laufbahnbeförderung. Aber so bin ich doch lieber vorsichtig.

2. Die fraglichen Begriffe, diese Auflistung edler Eigenschaften, sind stets auch Definitionssache. Man kann konsequent sein – und auch schon wieder stur, man kann Rückgrat zeigen – und schon als „Betonkopf“ gelten oder als uneinsichtig. Und was als Mut noch durchgehen könnte, gilt anderen schon wieder als tollkühn oder leichtsinnig. Eine genauere Umschreibung der Begriffe müsste her – und wäre äußerst schwierig

3. Genau diese Begriffe sind oft harter Kern von Ausreden vor anderen oder vor sich selbst. „Ich kann mich nicht verbiegen, ich lasse mir das nicht gefallen, mit mir können die das nicht machen“ – gut gesagt und doch oft nur selbst geglaubte Scheinerklärung für Erfolglosigkeit. „Ich habe Rückgrat gezeigt, das hat meinem Chef nicht gepasst“, klingt halt am Stammtisch irgendwie besser als: „Ich habe Fehler gemacht, vielleicht reichten auch meine Fähigkeiten nicht aus.“

4. Ich könnte Ihre Aussage durchaus auch unterschreiben. Den ersten Teil sogar uneingeschränkt – allenfalls streiten wir uns über die Definition. Aber Konsequenz, Rückgrat und Mut werden von Arbeitgebern ausdrücklich gesucht, von Chefs ausdrücklich gewünscht. Fast jeder Vorgesetzte unterschreibt sofort ein Anforderungsprofil mit diesen Kriterien für eine ihm unterstellte Position. Und erwartet, dass der Mitarbeiter dann konsequent die vom Chef kommenden Vorgaben umsetzt sowie Rückgrat gegenüber fremden Abteilungen und unterstellten Mitarbeitern zeigt, damit er sich von beiden Gruppen nicht „unterbuttern“ lässt.“Unakzeptables“, sagt jeder Chef, „brauchen Sie nicht hinzunehmen. Sie werden auch gar nicht in die Versuchung kommen, schließlich bestimme ich in diesem Laden und das allein garantiert, dass hier nichts Unakzeptables verlangt wird. Und Unverschämtheiten? Die dulde ich nicht, niemals. Wenn Sie so etwas sehen, kommen Sie zu mir, dann heize ich dem Schuldigen gehörig ein. Das wäre ja noch schöner!“ Spricht’s und glaubt ganz fest daran!

5. Nun zu mir: Ich bin seit 1964 im Beruf. Vorher hatte ich Schulsysteme in der damaligen DDR und im Westen zu überstehen, längere Praktika und ein Studium zu absolvieren. Nun will ich mir hier nicht öffentlich Eigenschaften wie Rückgrat etc. zusprechen, würde das aber auch noch riskieren.

Aber hätte ich mich je an Unakzeptables angepasst und je Unverschämtheiten hinnehmen müssen? In der gesamten Schulzeit nicht, später nicht, im Konzern nicht und als Berater nicht. Jedenfalls ist mir nichts im Gedächtnis geblieben.

Nun bin ich weder ein Glückskind gewesen noch sonst eine Ausnahmeerscheinung. Aber ich habe mich immer um zwei Aspekte bemüht: Ich habe stets versucht, durch Leistung zu überzeugen (weder Lehrer, noch Dozenten, noch Vorgesetzte ärgern ohne Not solche Leute). Und ich habe immer Anstrengungen unternommen, mich in die Person meines potenziellen Verursachers von Unverschämtheiten hineinzuversetzen. Beides hat mir sehr geholfen.

Ich war schon in der Schule skeptisch, wenn es hieß: „Dieser Lehrer hat es auf mich abgesehen, der drückt mich absichtlich.“ Man hätte dem Schüler sehr genau sagen können, warum – und wer angefangen hat. Und so ist es meist auch in der betrieblichen Praxis.

Wobei es stets Fälle gibt, die außerhalb der Norm liegen. Selbstverständlich gibt es auch Unverschämtheiten. Auch von Kunden gegenüber Beratern. Aber ich kann darüber nicht klagen.

Eines steht fest: Wer abhängig ist, verkauft einen Teil seiner Seele. Aber das ist systembedingt. „Reich von Geburt an“ wäre etwas, das dagegen schützt.

Kurzantwort:

In einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis geht es nicht ohne Anpassung, Kompromissbereitschaft und gelegentlichen Verzicht auf völlig offene Meinungsäußerung. Wenn man sich aber die Mühe macht, sich in seine Vorgesetzten hineinzuversetzen, versteht man sie besser – und hat weniger Grund, sich „krank“ zu ärgern.

Frage-Nr.: 1574
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 14
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-04-06

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