Heiko Mell

Wir tun, was unseren Chef erfreut

Ich verfolge Ihre Serie seit vielleicht fünfzehn Jahren (gibt es sie überhaupt schon so lange?) mit oft zwiespältigen Gefühlen. Sie betonen immer wieder, dass Sie die Spielregeln lediglich beschreiben (das tun Sie trefflich), nicht jedoch beeinflussen.

Das wage ich zu bezweifeln! Da Ihre Beiträge in einer renommierten Zeitung erscheinen und Sie sich jeden wertenden Kommentars enthalten, sehe ich die Gefahr, dass beim Leser der Eindruck entstehen kann, dass Sie die Dinge wie sie sind gutheißen. Wenn Sie offensichtliche Missstände beschreiben und diese nicht als Missstände bezeichnen, sondern es mit der bloßen Beschreibung bewenden lassen, ist dies meines Erachtens bereits eine (positive) Bewertung. Hier sehe ich Sie in einer Verantwortung, der Sie aus meiner Sicht nicht gerecht werden.

Sie sind durch diese Beitragsreihe an der inhaltlichen Definition von „Führung“ nicht unerheblich beteiligt, vernachlässigen aber die kritische Auseinandersetzung damit. Ich sehe die Gefahr, dass diejenigen, die bereits Führungsverantwortung haben, sich zu sehr bestätigt fühlen könnten, und dass diejenigen, die solche Verantwortung anstreben, ein falsches Bild vermittelt bekommen könnten.

Meine Kritik richtet sich inhaltlich in besonderem Maße an die von Ihnen häufig verbreitete Maxime: Ein guter Mitarbeiter ist der, der von seinem Chef als solcher beurteilt wird. Diese obrigkeitsabhängige Auffassung hat in unserem Land schon viel Unheil angerichtet und häufig ist auch in unseren Betrieben Unheilvolles als Resultat dieser Geisteshaltung zu beobachten. Für mich hat eine Führungskraft eben nicht nur die Aufgabe, das Wohl des nächsthöheren Chefs bis hin zum Shareholder zu sehen, sondern auch den ihm anvertrauten Mitarbeitern menschenwürdig zu begegnen. Hier liegt vieles im Argen und das wird, wenn überhaupt, mit der oben erwähnten Maxime begründet: Wir tun das, was unseren Chef erfreut.

Antwort:

Also angefangen habe ich mit dieser Serie im Frühjahr 1984. Ihre Einwände und Bedenken kann ich grundsätzlich nachvollziehen. Natürlich kommt dann ein „aber“ – und das will ich begründen:

Ich bin Gast in oder bei dieser Zeitung, mehr nicht. Meine Arbeit hier erfolgt im Rahmen einer abgestimmten Zielsetzung. Und diese lautet: Aufklärung/Information der Leser über die Spielregeln dieses Systems. Das, der Hinweis ist mir wichtig, hatte es bis dahin in dieser Form nach bestem Wissen aller Beteiligten noch nicht gegeben.

Die Informationen, die ich den Lesern in diesen Jahren geben konnte, waren für viele von ihnen so neu, so weit ab von ihrem bisherigen „Wissen“ über die Zusammenhänge, dass sie mir schlicht nicht glauben mochten. Sie hielten das für eine Art wöchentlicher Glosse. Typisch für die Anfangszeit war, dass die zustimmenden Briefe überwiegend von älteren Lesern mit fundierter Berufserfahrung kamen – die ziemlich genau wussten, wie es in den Betrieben zuging und die einen Teil früherer Illusionen bereits verloren hatten. Charakteristisch dafür war der Ausspruch meiner Sekretärin, die unsere Leser-Einsendungen vor mir las: „Ihr Fan-Club droht zu überaltern.“ Ebenso typisch war der Stoßseufzer in vielen Zuschriften: „Hätte es diese Aufklärung doch bloß schon gegeben als ich noch jung genug war, um diese Informationen bei meinen Planungen berücksichtigen zu können!“

Diesen informativen Kern meiner Zielsetzung muss man sehen, wenn man sich mit dem Grundkonzept auseinandersetzt. Was jetzt folgt, wird Sie vielleicht überraschen:

Ich halte den Verzicht dieses Autors in dieser Konstellation auf ständige Kritik am bestehenden System für sehr vernünftig, ja unter den gegebenen Verhältnissen für die einzig mögliche Form einer solchen Serie. Kritik ist Meinung, Systemkritik ist das in besonderem Maße, objektive Maßstäbe gibt es nicht. Meinung aber muss man sehr sorgfältig und deutlich von Information und Aufklärung trennen. Und diese Zeitung könnte es niemals verantworten, die Leser über so viele Jahre hinweg den Meinungsäußerungen eines einzelnen Menschen auszusetzen.

Ich glaube daher, dass es anders – mit ständiger Kritik also – gar nicht gegangen wäre.Ob ich die Verhältnisse so wie sie sind, gutheiße, ist eine ganz andere Frage. Ich sehe das gesamte Arbeits- und Berufssystem nicht als eigenständige Lösung mit dummerweise und zufällig „so“ gestalteten Strukturen, die man aber jederzeit anders – besser – ordnen könnte, wenn nur jemand sagte, wie und in welchen Details. Im Gegenteil, ich sehe das derzeitige System als zwangsläufigen Ausfluss zweier Gegebenheiten:

a) die Menschen sind zutiefst unvollkommen – in allen Bereichen, auf allen Ebenen,

b) das dem beruflichen übergeordnete Wirtschaftssystem setzt Prioritäten eindeutig beim Kapital und kaum beim Menschen.Wegen a wage ich die Prognose, dass selbst unter Erzbischöfen x % Intriganten, y % Opportunisten und z % menschenverachtende Minidiktatoren zu finden sind und immer zu finden sein werden – die Quote bei Managern in Wirtschaftsunternehmen dürfte dann ruhig etwas höher angesetzt werden.

Und b? Für die Beschäftigung von 100 zusätzlichen oder bereits zum Stammpersonal gehörenden Mitarbeitern bekommt die Unternehmensleitung keinen Bonus, keinen Orden, keine Steuererleichterung. Im Gegenteil: Gerade bei noch kleineren wachsenden Unternehmen gilt der Grundsatz, bestimmte Größenordnungen bei der Beschäftigung möglichst nicht zu überschreiten, weil das statt Belohnungen für diese eigentlich aus volkswirtschaftlicher Sicht höchst wünschenswerte „Tat“ nur Ärger mit sich brächte: man fällt unter Kündigungsschutzgesetze, erstickt an Sozialkosten, bekommt freigestellte Betriebsräte, unterliegt der Mitbestimmung etc. Aber wer als Unternehmensleitung statt der Einstellung neuer Mitarbeiter zusätzliche Gewinne ausweist, tut rundum Gutes, seine Gesellschafter/Aktionäre sind glücklich (und sein Vertrag wird verlängert).

Zementiere ich abzulehnende Verhaltensweisen durch meine kritikarme Darstellung? Zu beweisen ist das nicht. Aber auch mein Gegenargument ist nicht zu widerlegen: Durch meine Aufklärung erkennen viele Menschen Schwächen des Systems und werden aufgerufen, das Ihre zur Optimierung zu tun. Sie können ihre Chefs besser beurteilen und einschätzen – und gegebenenfalls eine „Abstimmung mit den Füßen“ vornehmen und woanders hingehen. Und so mancher junge Mensch, der hier Vorgestelltes verabscheuungswürdig findet, mag hingehen und beschließen, es besser zu machen, falls er befördert wird. Ist das etwa nichts?

Bleibt die Geschichte mit der Definition von „gut“ im speziellen Zusammenhang: „Ein guter Mitarbeiter/Manager ist jemand, den sein Chef dafür hält“ (Mell im Original). Das ist, Sie erkennen es, tatsächlich meine Kernaussage. Sie umreißt, wie es ist.

So aber läuft es überall in der Marktwirtschaft: Ein gutes Produkt ist eines, das der Käufer dafür hält. Und kauft. Und wieder kauft. Und weiterempfiehlt. Aus, Ende der volkswirtschaftlichen Vorlesung.Die Unternehmen nun kaufen Leistungspotenzial am Arbeitsmarkt ein, treten als Käufer auf. Der jeweilige Chef vertritt das Unternehmen gegenüber dem jeweiligen Verkäufer des „Produktes“ Leistungspotenzial, also dem Mitarbeiter. Und ein gutes Produkt ist eines, das der Käufer dafür hält. Der Kreis schließt sich. Ich habe zwanzig Berufsjahre gebraucht, um diese Definition zu finden. Dabei lag sie auf der Hand – ich hätte sie nach sechs Wochen haben müssen. Aber sie steht nun, aus meiner Sicht, wie ein Fels in der Brandung.

„Menschenwürdig“ behandelt werden müssen Mitarbeiter durchaus. Aber das ist nicht chefspezifisch: So müssen auch Eheleute den Partnern, Eltern ihren Kindern, Lehrer den Schülern, Linksextreme einzelnen Polizisten und Deutsche ihren Gast-Ausländern gegenübertreten. Manche tun es, andere wieder nicht. Ich glaube, die Beschäftigung damit sprengt unser Thema, hier geht es nicht mehr speziell um „Spielregeln für Beruf und Karriere“, mehr um „Menschen unter sich“.

Als Ausklang dazu: Falls diese Serie so wirkt als werde sie mit leichter Hand im Vorübergehen geschrieben und vor allem auf Unterhaltungswert hin gezüchtet, nehme ich das als Kompliment. Aber der Wahrheit käme das nicht viel näher als andere Komplimente auch.

Frage-Nr.: 1559
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 4
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-02-02

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