Heiko Mell

Das Maß aller Dinge?

Mit großem Vergnügen lese ich wöchentlich Ihre pragmatischen Karrieretipps. Trotzdem habe ich manchmal gezögert, einige Ratschläge meinem noch studierenden Sohn weiterzugeben. Der Grund lag vor allem in der unter „Notizen aus der Praxis“ unter Folge 045 angeschnittenen Thematik „Alles nur Kriecher?“

Sicher ist es richtig, Regeln in der Kommunikation einzuhalten. Aber Regeln sind nicht alles, und der Vorgesetzte ist nicht das Maß aller Dinge. Wir sollten gerade jungen Mitarbeitern und Vorgesetzten Mut machen, für eigene Konzepte und Ideen zu kämpfen und sich bei aller Beachtung menschlicher Schwächen (und der deshalb nötigen Regeln) mit den Vorgesetzten loyal fachlich auseinander zu setzen.

Antwort:

Mein damaliger Beitrag erschien unter „Persönlichkeitsfragen“ und war übrigens betitelt „Alles Kriecher?“, also ohne „nur“.

Ich kann den Artikel hier nicht wiederholen, obwohl ich das jetzt, wo ich ihn noch einmal lese, sehr gern täte. Es ging um Regeln für das berufliche Miteinander. Hier einige Kernsätze:“Je komplexer die Arbeitswelt wird, desto wichtiger ist es, dass sich alle Beteiligten an Regeln halten. … Wer außer der Beachtung von Regeln nichts vorweisen kann, ist für Bewerbungsempfänger wertlos. … … Und was nützte uns der beste Fußballkünstler der Welt, wenn er sich weigerte, die Handspielregel anzuerkennen.“ Weiterhin hieß es, wer Top-Leistung innerhalb gesetzter Rahmen vorweisen könne, sei hochbegehrt. Das kann ich auch heute noch unterschreiben.

Aus Ihren Anmerkungen greife ich einen Zentralpunkt heraus: „Der Vorgesetzte ist nicht das Maß aller Dinge.“Richtig ist: Für die Zeit der Beschäftigung bei einem Arbeitgeber ist der jeweilige Vorgesetzte schon das Maß (lassen wir „aller Dinge“ einmal beiseite). Der Mitarbeiter ist austauschbarer abhängig Beschäftigter in einer Institution, in der alle wesentlichen Entscheidungen durch die Kapitaleigner getroffen bzw. veranlasst werden. „Verlängerter Arm“ der nahezu unbegrenzt handlungsfähigen Eigner sind die Manager, vom Geschäftsführer / Vorstand über mehrere Ebenen hinunter bis zum Vorgesetzten des Mitarbeiters. Dieser Vorgesetzte übt – in einem recht engen „Korsett“, aber immerhin – Macht aus. Er gibt Ziele vor, vergibt Zuständigkeiten, definiert Erfolg oder Misserfolg, beurteilt Person und Leistung, ist zentraler Entscheider bei Beförderung oder Entlassung, bestimmt den Tenor des Zeugnisses.

Er ist in einer bestimmten Phase des Berufslebens des Mitarbeiters schon das Maß. „Aller Dinge“ deshalb nicht, weil er selbst haargenau denselben Regeln unterliegt; für ihn ist sein Chef, was er für seine Mitarbeiter ist. Und man kann ihm entkommen – durch interne Versetzung, durch Kündigung.Vor allem aber: Er braucht seine Mitarbeiter, unbedingt und oft händeringend. Ohne sie ist er nichts, erfüllt er seine Ziele nicht einmal andeutungsweise. Zwischen Chef und Mitarbeiter ist ein Geben und Nehmen. Beide sind aufeinander angewiesen. Aber der Mitarbeiter ist durch den Chef austauschbar, umgekehrt muss ersterer einen kompletten, höchst schwierigen und folgenschweren (z. B. mit Umzug verbundenen) Arbeitgeberwechsel vollziehen, um seinen Chef „auszutauschen“.

Nun kommt’s: Ein halbwegs vernünftiger, seinerseits gut geführter und optimal geforderter Chef braucht fachlich engagierte, um Lösungen ringende und für ihre Ideen kämpfende, kreative und mutige (auch mit dem Mut vor „Fürstenthronen“) Mitarbeiter. Nur müssen diese mit ihm und für ihn kämpfen, nie gegen ihn. Und loyal sein, so dass er auf sie bauen kann.Ich bin sicher, dass Ihr Sohn als künftiger Angestellter jetzt schon mit jenem Wissen würde leben können. Meine spezielle Bosheit aber liegt hier: Nachdem diese Serie seit sechzehn Jahren hier wöchentlich läuft, hätte sich die auch ohne Umweg über Sie bis zu Ihrem Sohn herumgesprochen haben müssen – und er sollte von sich aus diese Beiträge lesen wollen. Nicht weil er sie schön findet, aber weil sie ihm zeigen, wie das funktioniert, wo er hinwill. Jeder Junge, der vom Fußballprofi-Status in der Nationalmannschaft träumt, sieht sich deren Spiele im Fernsehen an. Auch wenn einzelne davon verdammt traurig stimmen.

Von daher verstehe ich jeden Studenten einschlägiger Fachrichtungen, der mir nicht zujubelt (die Überbringer schlechter Nachrichten wurden früher sogar geköpft). Aber ich verstünde keinen, der meinte, seine zarte Seele schützen zu müssen vor dem – vermutlich stimmenden – Bild des Umfeldes, in und von dem er zukünftig leben will.

Kurzantwort:

Der Vorgesetzte ist temporär das Maß. Aber nicht das „aller Dinge“.

Frage-Nr.: 1549
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 49
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-12-08

Top Stellenangebote

Howden Turbowerke GmbH-Firmenlogo
Howden Turbowerke GmbH Einkäufer (m/w/d) Coswig
Infraserv GmbH & Co. Höchst KG-Firmenlogo
Infraserv GmbH & Co. Höchst KG Ingenieure (m/w/d) Fachrichtung Bau und Architektur Elektrotechnik Versorgungstechnik Frankfurt am Main
Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen-Firmenlogo
Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen Projektleiter (m/w/d) für den Bereich Bundesbau Wiesbaden
MULTIVAC Sepp Haggenmüller SE & Co. KG-Firmenlogo
MULTIVAC Sepp Haggenmüller SE & Co. KG Patentingenieur (m/w/d) Wolfertschwenden
Howden Turbowerke GmbH-Firmenlogo
Howden Turbowerke GmbH Projektingenieur (m/w/d) Coswig
INDUREST Planungsgesellschaft für Industrieanlagenbau mbH-Firmenlogo
INDUREST Planungsgesellschaft für Industrieanlagenbau mbH Bauingenieur / Statiker (m/w/d) Wesseling
Karlsruher Institut für Technologie-Firmenlogo
Karlsruher Institut für Technologie Projektbevollmächtigte (w/m/d) Fachrichtung Maschinenbau, Elektrotechnik, Wirtschaftsingenieurwesen oder Wirtschaftsinformatik Eggenstein-Leopoldshafen
FICHTNER GmbH & Co. KG-Firmenlogo
FICHTNER GmbH & Co. KG Mechanical Engineer Öl & Gas (m/w/d) Hamburg
Ingenieurgesellschaft Heidt + Peters mbH-Firmenlogo
Ingenieurgesellschaft Heidt + Peters mbH Straßenbau-Ingenieur (m/w/d) Celle, Bad Bevensen
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH-Firmenlogo
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH QC-Fachkraft – für die SW-Programmierung der Automotive-Teststände (m/w/d) Lüneburg

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…