Heiko Mell

… und freitags nach Hause

Als 35jähriger TU-Ingenieur bin ich seit einigen Jahren bei einem kleinen Unternehmen im Bundesland … als … tätig, inzwischen als Gruppenleiter. Die Tätigkeit und das Tätigkeitsfeld liegen mir sehr, allerdings gibt es ein Problem:
In den ganzen Jahren habe ich mich mit der Stadt, in der mein Arbeitgeber angesiedelt ist, überhaupt nicht anfreunden können. Jeden Freitag sitze ich geradezu auf Kohlen in der Erwartung, endlich in meine ca. 200 Kilometer entfernt gelegene Heimatstadt aufbrechen zu können. Meinem Vorgesetzten ist dieses Problem bekannt, er ist übrigens ebenfalls Wochenendfahrer, wie auch der Geschäftsführer, letzterer bereits seit sehr vielen Jahren.Mir ist klar, dass das auf Dauer für mich keine Lösung sein kann. Folgende Varianten bieten sich an:

1. Wechsel in ein heimatnahes Unternehmen, dabei wäre ein Branchenwechsel zwingend notwendig.

2. Ich mache meinem Arbeitgeber den Vorschlag, meine Arbeitszeit auf vier Wochentage zu verdichten. Dies mit der Option, zu einem späteren Zeitpunkt, wenn Haus und / oder Familie anstehen, auf drei Wochentage zu reduzieren. Finanziell wäre das für mich kein Problem (eine 4 Tage-Woche hatte ich zwischenzeitlich schon einmal über einen Zeitraum von zwei Jahren durch Zeitausgleich mit leichter Missbilligung meines damaligen Vorgesetzten realisieren können).

Wozu raten Sie mir?

Antwort:

Am 17.11.00 schreibt Prof. Hubert Markl, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, im Rahmen eines „Leitkultur“-Beitrages in der „Welt“: „So wie heute schon für Sportler, Künstler, Wissenschaftler, Global Players multinationale Lebensstile normal sind, könnte das in wenigen Jahrzehnten im vereinten Europa Lebensalltag für viele sein.“ Dabei spricht er insbesondere über hochmobile Leistungsträger. Ich beneide Herrn Professor Markl um seine Vision, deren Realisierung ich ihm von Herzen gönne. In der Praxis jedoch schlagen wir uns in diesem Land weniger mit der Vermittlung multinationaler Lebensstile durch Auslandsaufenthalte herum – als mit dem verzweifelten Versuch, den deutschen Akademiker wenigstens zu einem Umzug von A (Deutschland) nach B (Deutschland) zu bewegen.

Eine große Gruppe von Akademikern will – im Zeitalter der Globalisierung ebenso wie in den Jahrzehnten davor – nicht etwa aus komplexen Gründen irgendwo nicht hin, sie will ganz schlicht da, wo sie wohnt, nicht weg. Jeder, der sich in diesem Land mit der Besetzung offener (Führungs-)Positionen beschäftigt, kennt das Problem. Oder was glauben Sie, warum in den vielen Berater-Stellenanzeigen kaum je ein Dienstsitz genannt wird, ja meist noch nicht einmal das Bundesland? Weil dann sofort beim ersten Lesen Schluss wäre mit dem Interesse an der Position. Da selbst viele Arbeitslose, das Phänomen ist bekannt, lieber in diesem Stadium bleiben als anderswo hinzuziehen (auf Kosten des neuen Arbeitgebers!), darf man dem Problem sicher eine volkswirtschaftliche Bedeutung zuerkennen.

Mir bleibt die Mahnung: Das hat keine Zukunft! Zur geforderten geistigen Flexibilität kommt unbedingt auch die regionale. Wer sich der verweigert, koppelt sich ab von der Entwicklung der Erfolgreichen.

Oder kürzer: Wer die durch das Studium erschlossenen beruflichen Möglichkeiten halbwegs ausnutzen will, muss umzugsbereit sein – beim Start ebenso wie später immer wieder einmal.

Und seien wir einmal ehrlich: Wo in Deutschland schon zwanzig- oder fünfzigtausend (oder gar noch mehr) Menschen auf einem Haufen leben, da muss sich ein Zugereister doch irgendwie auch einordnen können. So er will. Und genau das ist das Problem (wobei ich aus über dreißigjähriger Beraterpraxis auch alle echten und vermeintlichen Sachgründe kenne, die in Einzelfällen gegen einen Umzug sprechen können). Damit ich nicht missverstanden werde: Niemand verlangt, dass jeder vorbehaltlos jederzeit an jeden Ort wechselt. Und es ist das selbstverständliche Recht jedes Menschen, manche Gegenden mehr zu mögen als andere. Aber der neue Lebensraum sollte einfach nur als ein Faktor unter vielen mit einbezogen werden in die Gesamtrechnung. Die anderen sind: Position, Unternehmen, Aufgabenstellung, Perspektiven, Person des Chefs, Gehalt, Sonstiges.

Nun, geehrter Einsender, zu Ihrem konkreten Fall:Es gibt einen „eisernen“ Grundsatz, der da lautet: Keine beruflichen Veränderungen aus privaten Gründen. Er ist bewährt, seine Missachtung verspricht „Ärger pur“.

Ihre Variante 1 wäre das Musterbeispiel eines solchen Verstoßes. Daher rate ich davon ganz entschieden ab.

Variante 2 ist gefährlich: eine typische „Mauschellösung aus privaten Gründen“. Da braucht nur ein neuer Chef zu kommen (z. B. ein neuer GF), schon fiele Ihre Lebensplanung wie ein Kartenhaus zusammen. Oder die Firma wird verkauft, und der neue Eigentümer verlangt – warum auch immer – volle Präsenz.

Besonders unangenehm wäre es, wenn Sie später einmal (freiwillig oder gezwungenermaßen) den Arbeitgeber wechseln wollten: Die potenziellen neuen Chefs würden befürchten, Sie seien der 40 Stunden-Woche (einschließlich einiger Überstunden) längst entwöhnt. Nicht einmal ein anständiges Gehalt könnten Sie als Ist-Einkommen nennen, stets müssten Sie Erklärungen abgeben, wären „Ausnahme“ statt „normal“.

 

Mein Rat lautet: Nach dieser relativ langen Dienstzeit (für die Anfangsstelle) könnte ein Arbeitgeberwechsel – mit dem ja auch Sie durchaus liebäugeln – ohnehin nützlich sein. Bleiben Sie dabei fachlich in der Nähe Ihrer bisherigen Linie – und seien Sie zunächst einmal für ganz Deutschland offen.

Wenn Sie sich jetzt nicht von Ihrem Heimatstädtchen lösen, dann tun Sie es nie. Und dann werden Sie, ich verspreche es Ihnen, eines Tages enorme berufliche Probleme bekommen. Auf der positiven Seite eines Umzugs stehen neue Eindrücke, neue Kontakte und neue Impulse für die Persönlichkeitsentwicklung.

Kurzantwort:

Die Aufnahme eines Studiums sollte mit – späterer – Umzugsbereitschaft einhergehen, sonst lohnt sich der Aufwand nicht. In einer Phase der Globalisierung ist kompromissloses Verharren am – zufälligen – Geburts- oder Wohnort nicht mehr zeitgemäß und wird langfristig zu Nachteilen führen.

Frage-Nr.: 1548
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 49
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-12-08

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