Heiko Mell

Heimat, deine Sterne …

Frage: Vor vier Jahren schloss ich mein Studium recht zügig und erfolgreich ab. In der damaligen Arbeitsmarktsituation fand ich jedoch keine dem Studienschwerpunkt entsprechende Stelle und arbeite seither in Vertrieb und Kundenbetreuung in einem ganz anderen Bereich.
Meine Tätigkeit hat zwar auch angenehme Aspekte (Kontakte, Beratung, Schulung), doch leider gibt es weder in meiner Niederlassung noch im Hauptwerk Aufstiegsmöglichkeiten für mich. Ich sehe auch nicht die Erfüllung für mein restliches Leben in derart häufigen und fernen Geschäftsreisen (Anmerkung: nicht Reisen sind fern, es sei denn, sie sind Fernreisen; aber Ziele von Reisen können fern sein, d. Autor).
Nun bietet sich mir die Möglichkeit einer heimatnahen (worauf ich im Gegensatz zu Karrieregesichtspunkten viel Wert lege) Beschäftigung. Das Projekt befindet sich jedoch noch in der Aufbauphase und meine Einstellung wäre erst in etwa zwei Jahren möglich.
Ich fürchte jedoch, dass nach dann sechs Jahren (falls das Projekt scheitert) eine Prägung meines Lebenslaufes auf die Kundendienstschiene eingetreten und eine Umorientierung wesentlich schwieriger wäre.Halten Sie meine Situation in zwei Jahren (mit dann sechs Jahren Kundendienst) ebenfalls für schwieriger? Oder sind schon meine derzeitigen vier Jahre zu viel für den ersten Job, der nicht mein Traum ist? Oder ist meine „Torschlusspanik“ überflüssig? Oder macht es Sinn, mir kurzfristig in Richtung Traumtätigkeit eine Beschäftigung zu suchen, um dann nach vielleicht nur zwei Jahren in dieses Projekt zu wechseln (falls es dann schon realisiert wird)? Oder soll ich durchhalten und mich erst nach sechs Jahren heutiger Tätigkeit bewerben?

Antwort:

Man kann sagen, was man will – aber die Alternativen haben Sie am Schluss erschöpfend aufgezählt. Nun hat jedes Problem seine Ursachen, Ihres auch. Und Sie kennen die Spielregeln dieser Serie: Zum Nutzen der anderen Leser reden wir darüber, auch wenn das dem Einsender mitunter entbehrlich erscheint. Also Dreh- und Angelpunkt des ganzen Problems ist die Tatsache, dass Sie

a) irgendwohin ziehen wollen (ob das Ihre Heimat- oder Ihre Wunschstadt ist, spielt in dem Zusammenhang keine Rolle) und

b) sogar zwei Dinge wollen, nämlich sehr wohl den Aufstieg (siehe 2. Absatz Ihres Briefes) und jenen einen bestimmten Standort.

Damit haben Sie schon zwei Regeln gegen sich:

1. Standortpräferenzen sind äußerst(!) karriereschädlich.

2. Zwei Primärziele gleichzeitig zu verfolgen, das klappt nicht.Aber Sie wollen die Quadratur des Kreises natürlich dennoch. Kernproblem ist die Ortsfrage. Diese kollidiert immer und unausweichlich mit dem Ziel „Erfolg im Beruf“. Ich habe das hier schon oft ausführlich erklärt und begründet. Auch mit dem Zukunftsaspekt „Globalisierung“: Unsere Unternehmen gehen mit Produktions- und Vertriebsgesellschaften hinaus in die Welt – und unser akademischer Nachwuchs will unbedingt in Wiesweiler-West wohnen bleiben oder will unbedingt dorthin. Das passt nicht zusammen, diese Einstellung hat keine Zukunft (mehr).

Und denken Sie bitte auch daran, dass Sie als Angestellter eine „Lebensversicherung“ brauchen: Sie müssen bei der jederzeit möglichen(!) Gefährdung Ihres jeweiligen Angestelltenverhältnisses schnell und problemlos ein neues finden. Und genau das dürfte unmöglich sein, wenn Sie erst am geliebten Zielort sind. Was dann kommt, sieht man gelegentlich in Lebensläufen: arbeitslos am Wunschort.Mein Vorschlag: Nutzen Sie die hervorragende Situation für Bewerber auf dem Arbeitsmarkt (die wird niemals besser) und betreiben Sie jetzt den Umstieg in das, was Sie „Traumtätigkeit“ nennen. Und dann arbeiten Sie in dieser Position und toben sich so richtig in dem geliebten Metier aus.

Meine Hoffnung: Sie bleiben dabei. Falls eines Tages Ihr „Projekt“ am geliebten Ort tatsächlich kommt, können Sie immer noch entscheiden. Ich rate zur Zurückhaltung: Wenn das später schief geht – und neue Geschichten gehen besonders gern schief – müssen Sie ja doch wieder wegziehen.

Ich an Ihrer Stelle würde die beiden zentralen Begriffe in Ihrer Darstellung vertauschen: Das, was Sie gern täten, sollte Ihr Wunsch-Job sein. Wünsche können erfüllt werden. Ihre geliebte Wohnregion sollte Traum-Standort sein. Träume haben es an sich, solche zu bleiben. Meiner war einmal Marilyn Monroe. Was ist daraus geworden? Sie soll John F. Kennedy statt meiner erhört haben. Bloß weil der Präsident der Vereinigten Staaten war. Aus der Traum …

Kurzantwort:

Als goldene Regel mit tausendfacher Bestätigung in der Praxis: Die Realisierung eines bestimmten Wohnortes gefährdet den beruflichen Erfolg zumeist nachhaltig. Schon die Neandertaler mussten dahingehen, wo die Mammuts waren – Grundprinzipien dieser Art ändern sich nie.

Frage-Nr.: 1507
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 28
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-07-14

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