Heiko Mell

Ortswechsel aus privaten Gründen

Frage: Ich arbeite als Gruppenleiter in einer Entwicklungsabteilung in einem großen Elektrokonzern und bin mit meiner Aufgabe und Stelle recht zufrieden.

Kürzlich hat meine Frau ihr Studium (Dipl.-Ing.) abgeschlossen und eine sehr gute Stelle gefunden – bei dem von ihr gewählten etwas exotischen Studienschwerpunkt keine Selbstverständlichkeit. Einziger Haken: Ihr Beschäftigungsort liegt so ziemlich am anderen Ende der Republik. Daher spiele ich mit dem Gedanken, zu einem anderen Arbeitgeber in diese Region zu wechseln.
Potenzielle Arbeitgeber für mich gibt es dort mehrere, allerdings schrieben diese bisher keine Entwicklungs-Gruppen- oder -Abteilungsleiterstellen aus.

Wäre in diesem Fall nicht eine Initiativbewerbung sinnvoll? Und: Ist die regionale Präferenz in diesem Fall ein „statthaftes“ Motiv für einen Wechsel, das ich im Anschreiben oder auf Anfrage im Gespräch nennen darf? Immerhin profitiert mein neuer Arbeitgeber auch von der Situation: Haben meine Frau und ich erst einmal am gleichen Ort eine Beschäftigung gefunden, so werden wir diesen Idealzustand zumindest in den nächsten Jahren ja bestimmt nicht gefährden oder gar aufgeben.

Oder gilt der Wunsch, mit meiner Frau mehr als eine Wochenendehe zu führen, als „unprofessionell“ und sollte besser unerwähnt bleiben?

Antwort:

Die Frage berührt zwei Themenkreise, die auf völlig verschiedenen Ebenen liegen und auch getrennt behandelt werden müssen: Da ist zunächst der berufsphilosophische Aspekt im Sinne von „soll ich es überhaupt tun – oder wie regele ich mein Verhältnis Beruf: Privatleben so, dass ein Optimum dabei herauskommt?“ Dann bleibt die viel weniger brisante Frage übrig, wie im Detail vorzugehen ist.Beginnen wir mit dem ersten Aspekt. Es gibt auch hier wieder viele „Mosaiksteinchen“, aus denen sich jeder sein persönliches „Bild“ zusammensetzen muss.

1. Ein ehernes Gesetz der Karriereplanung lautet: Keine Arbeitgeberwechsel aus privaten Gründen. Wobei bitte nicht wichtig ist, ob irgend jemand von den Gründen erfährt – man soll es schlicht nicht tun! Hintergrund ist, dass … Ach lassen wir das, ich habe oft genug darüber geschrieben. Mir fällt etwas Besseres ein:

Man soll seinen Ehepartner nicht aus rein beruflichen Gründen wechseln, etwa weil er nicht mehr optimal zum neuen Job passt. Klar? Klar. Na gut, nun beachten Sie das auch umgekehrt und suchen Sie sich keinen neuen Job, bloß weil der alte nicht mehr zum Partner passt.

Denn was für die eine „Säule“ des Daseins gilt, muss auch für die andere gelten. Es sei denn, man räumt einer Säule absolute Priorität gegenüber der anderen ein.

Ich bin sehr gut gefahren mit zwei Säulen, die sorgfältig aufeinander abgestimmt sind und die beide gemeinsam mein „Haus“ tragen: Der Job soll mir nicht vorschreiben, wen ich heirate und meine Partnerin darf keine berufliche Entscheidung blockieren oder auslösen, die mein Berufsleben maßgeblich beeinflussen würde. Sehr viele Manager übrigens arbeiten und leben nach einem ähnlichen Modell.

2. Jeder Mensch hat das Recht auf einen möglichst „exotischen“ Studienschwerpunkt. Aber jeder vorausschauende Mensch muss auch bei der Auswahl seines Studienschwerpunktes überlegen, wer die so entstehende Qualifikation später „kaufen“ soll. Wenn also ein heranwachsender Mensch

a) einen Studienschwerpunkt wählt, bei dem klar ist, dass es dafür nur ein paar Arbeitsplätze an „exotischen“ Orten gibt und sie/er aber

b) eines Tages mit festem Partner leben möchte – wären Sie mir böse, wenn ich das dann als ein „geplantes“ oder doch „hausgemachtes“ Problem bezeichnete?

3. Zur Beruhigung: Wer im Studium kurz vor dem Examen steht, möge sich einmal zurückerinnern an die Diskussionen, die er früher in der Schule geführt hat. Über Fächerabwahl, ausgewählte Leistungskurse und deren Kombination. Haben diese oft nach heißen Diskussionen getroffenen Entscheidungen heute noch irgendeine Bedeutung? Nein, sie werden auch von den Betroffenen schon nach wenigen Jahren belächelt.

Ähnlich sieht es mit Studienspezialisierungen aus. Mitunter spielen sie eine Rolle beim Berufseinstieg. Aber fünf oder zehn oder zwanzig Jahre danach? Fragen Sie einfach einen gestandenen Manager, welche Bedeutung er heute noch seiner entsprechenden Studienfächerwahl beimisst oder ob er sich vorstellen könnte, dass er auch auf anderem Wege … Meist könnte er. Schauen Sie einmal, was Vorstandsmitglieder oder Geschäftsführer alles so studiert haben – bei vergleichbarem Karriereerfolg.

Womit gesagt sein soll: Es ist nicht das Ende der Welt, wenn man sich ein Studium zusammenstellt, in dem nicht nur eine „exotische“ Neigung gepflegt, sondern bei dem auch ein wenig auf „Verkaufbarkeit“ geachtet wird.

4. Zur Beunruhigung: Selbst wenn man den Sonderfall „exotische“ Studienrichtung ausklammert, droht bei zwei Akademikern mit beruflichen Ambitionen (manchmal sogar bei solchen ohne) irgendwann der Regionalkonflikt. Dann soll „er“ an einen anderen Standort versetzt werden, „sie“ hat aber gerade erst gewechselt und kann es nicht schon wieder tun – und schon ist der Konflikt da.Wir haben in unseren fein ausgetüftelten Regelwerken keine generelle Lösung für dieses Problem. Also muss jedes Paar individuell nach seinem Ausweg aus der Konfliktsituation suchen. Bewährt haben sich drei Modelle:

a) Beide Partner richten sich im beruflichen Bereich wechselseitig nach dem jeweils anderen. Mal steckt der eine zurück, mal verzichtet der andere auf eine Beförderung. Vorteil: Niemand wird auf Dauer beruflich gegenüber dem Partner benachteiligt. Beide erreichen ein eher „mittleres“ Karriereniveau, aber das Familieneinkommen liegt insgesamt schön hoch. Nachteil: Keiner von beiden kann sein Potenzial voll ausschöpfen, nicht jedem liegt das Zurückstecken bei vorhandenen beruflichen Ambitionen.

b) Beide Partner (am besten kinderlos) setzen auf maximal erreichbare Karriere, verzichten aber bewusst auf räumliche Gemeinsamkeiten innerhalb der Woche. Man sieht sich am Wochenende, z. T. an wechselnden Orten.

c) Beide Partner einigen sich von Anfang an: Einer dominiert mit seinem Beruf, der andere richtet sich nach ihm, vor allem räumlich. Dann muss dem letztgenannten natürlich die Berufsausübung als solche reichen, besondere Karriereambitionen sind für ihn kaum durchsetzbar.Diese Variante wird erleichtert, wenn ein Partner ohnehin in seiner Lebensplanung mehr- oder langjährige Berufspausen vorgesehen hat. Damit dieser Partner kein Verzichtssyndrom entwickelt, wäre es empfehlenswert, er hätte von Anfang an keine besonderen Karriereambitionen gehabt (deutlich mehr als 80 % der Bevölkerung und, schaut man sie sich so an, immer noch viel mehr als die Hälfte unserer Akademiker).

5. Firmen, die eigentlich einen bestimmten Abteilungsleiter gut gebrauchen können, mit der Suche danach aber nicht anfangen, sondern so lange abwarten, bis sich jemand „initiativ“ bewirbt, der ohnehin in die Gegend will, sind verhältnismäßig selten. Erwarten Sie also schon aus Gründen der Logik und Wahrscheinlichkeit nicht die Lösung durch diesen Schritt. Firmen, die eine Führungskraft brauchen, begeben sich auf eine aktive Suche nach einer solchen.

6. Jedes Bemühen um eine neue Position hat, machen wir uns nichts vor, ein Primärziel, dem dann Sekundärziele nachgeordnet sind. Versuchen Sie gar nicht erst so zu tun als suchten Sie in einem solchen Fall völlig gleichberechtigt den „perfekt zu meiner Karriere passenden, tollen Job“ und „eine Beschäftigung an jenem Ort“. Eines wird Priorität haben – und das wird der Standort sein, ich kenne doch meine Pappenheimer (nach Schiller, „Wallensteins Tod“). Und also wird die Position zum Sekundärziel und also wird sie zweitklassig; ein Kompromiss, mehr nicht. Und das werden Sie merken (bald), und das werden Bewerbungsleser merken (später). Vielleicht müssen Sie es tun, aber machen Sie sich zumindest nichts vor dabei (siehe meine drei Modelle unter 4.).

7. Es wäre reiner Zufall, würde der Zeitpunkt für einen Wechsel bei Ihnen gerade passen. Sonst aber verspielten Sie Kredit, den Sie später mit hoher Sicherheit brauchen werden.

8. Mit dem Profitieren des Arbeitgebers von der „Situation“ (Sie ziehen dorthin um) ist das auch so eine Sache. Nehmen wir an, Sie sagten die Wahrheit über Ihre Motive: Sie sind also wegen des zufällig dort angesiedelten Jobs Ihrer Frau bei dieser neuen Firma. Nun verliert Ihre Frau ihre Anstellung (warum auch immer), dann entfällt die „Geschäftsgrundlage“ für Ihr Verbleiben dort. Oder Ihrer Frau gefällt die Gegend nicht (gibt es!). Oder sie soll befördert und versetzt werden – nein, Ihr neuer Arbeitgeber säße eher auf einem „Pulverfass“, was Sie angeht.

Ein Abteilungsleiter (gilt etwas abgeschwächt auch für die Ebenen darunter) soll nur wegen der Position und wegen des Unternehmens irgendwo beschäftigt sein, aber nicht wegen des zufällig in seine privaten Pläne passenden Standortes.

9. Da ich immer mit allem rechnen muss: Was ist, wenn Sie wechseln und den neuen Job in der Probezeit wieder verlieren?

10. „Ja was soll denn der Einsender nach Meinung des Herrn Mell machen – jetzt, in der Situation?“ Ich weiß schon, dass die Frage auf der Hand liegt. Aber ich gehe bestimmt nicht in diese Falle. Meine Empfehlung lautet: Die Regeln sind bekannt, dieser Konflikt sollte daher ebenfalls bekannt sein. Also gilt es, durch etwas bessere Vorfeldplanung diese Situation gar nicht erst entstehen zu lassen.

Auch wer sorgfältig plant, hat im Leben noch genügend Konflikte zu überwinden und Katastrophen durchzustehen. Dann vermeiden Sie wenigstens die vorhersehbaren (ich bin – auch – Vater zweier dem Alter nach erwachsener Kinder und bitte daher, dies als engagierten Stoßseufzer zu betrachten).

Und nun zum zweiten, dem praktischen Aspekt des Themas: Wer unbedingt in einer bestimmten Gegend einen Job sucht, darf nicht auf „Wunder“ hoffen. Es wird ihm letztlich nichts anderes übrigbleiben als sich per Initiativbewerbung auch ungefragt anzubieten. Wobei er nicht weiß, ob dort überhaupt Bedarf besteht – und in welchen Bereichen.

Mein Vorschlag: Bewerben Sie sich erst einmal „neutral“ auf der Basis der üblichen Sachargumente (z. B. „neue Herausforderung“). Falls Sie zum Gespräch geladen werden und dort auf Skepsis stoßen („Was wollen Sie ausgerechnet hier in dieser für Sie fernen Gegend?“) schieben Sie behutsam nach, auch Ihre Frau habe sich dort beruflich engagiert. Es ist nicht sicher, dass die das Argument mögen, aber verstehen werden sie es (nur „schriftlich“ sieht es etwas schwach aus).

Kurzantwort:

Für viele engagierte Akademiker sind Beruf und Privatleben zwei wichtige Säulen ihrer Existenz. Wenn man nun aber nicht jemanden nur aus beruflichen Gründen heiraten soll – dann sollte man auch keinen Arbeitgeber nur aus privaten Gründen wählen oder verlassen.

Frage-Nr.: 1469
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-03-10

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