Heiko Mell

Mobbing gibt es gar nicht!?

Frage: Am Verlust meines Arbeitsplatzes bin ich unschuldig, da ich ein Opfer von Mobbing geworden bin.

Antwort:

Man stößt in Bewerbungen und in Gesprächen aller Art zunehmend auf Aussagen dieser Art. Es gibt auch kaum noch eine populäre Publikation (Illustrierte, Magazine u. ä.), in denen dazu nichts gesagt wird. In der mir eigenen Art will ich versuchen, eine praxisorientierte Hilfestellung für Betroffene und Bedrohte zu geben. Meine zentrale These lautet dabei:

Es gibt überhaupt kein Mobbing, vergessen Sie das!

Lassen Sie mich zunächst erklären, warum ich zu diesem radikalen , aus wissenschaftlicher Sicht vermutlich kaum haltbaren „Paukenschlag“ greife. Mir geht es dabei vor allem um die innere Einstellung der Betroffenen, die es heute auf allen hierarchischen Ebenen gibt und die ihre jeweiligen beruflichen Probleme mit einem kurzen Satz erklären: „Ich wurde gemobbt.“ Das allein wäre ja schon schlimm genug. Aber das wird mit dem Brustton der Überzeugung vorgebracht und in der erkennbaren Gewißheit: „Damit ist klar, daß ich nichts dafür kann, ich bin unschuldig, mir geschah Unrecht, mir ist kein Vorwurf zu machen.“Und das ist aus der Sicht einer „Karriereberatung“ absolut und ohne Zweifel falsch gedacht. Und es löst beide Probleme nicht: Weder das, wie der Betroffene es anstellt, in Zukunft nicht mehr „gemobbt“ zu werden, noch wie er überhaupt an einen halbwegs zufriedenstellenden neuen Job kommt.

Nun gibt es in der Praxis natürlich das Bestreben von Gruppen, einen Arbeitskollegen loszuwerden oder die intensiven Bemühungen von Chefs, einen bestimmten Mitarbeiter zum Gehen zu bewegen. Aber das ist doch keine neue Geschichte! Das hat es schon in Cäsars Legionen gegeben und davor und danach in jeder Gemeinschaft von Menschen. Ich möchte nicht einmal Nonnenklöster davon ausnehmen und schon gar nicht politische Gremien.

Immer war das fatal für die Betroffenen, das ist keine Frage. Daß man es jetzt Mobbing nennt, macht die Sache absolut nicht besser – und hilft dem Betroffenen überhaupt nicht. Aber: Es klingt – und ist – englisch, damit hat es einen modernen Touch, es riecht nach Zeitgeist. Am schlimmsten ist die Einstellung vieler Betroffener: „Es ist wie Schnupfen, was kann man dagegen schon tun?“ Resignation aber ist stets der Anfang einer sicheren Niederlage. Und „Getretene und Geschlagene“ kauft eben niemand auf einem Arbeitsmarkt.

Wenn ich schon die Empfehlung formuliere, es gebe überhaupt kein Mobbing (jedenfalls nicht in der Art, daß dieser Begriff etwa entlastend wirkt), dann kann ich auch noch einen Schritt weitergehen: Wer sich gemobbt (ein schönes Wort) fühlt, sollte vor allem nach den Ursachen suchen – und dabei unbedingt vorrangig die eigene Person sehen. Es geht dabei, wie immer in dieser Serie, nicht um „Schuld“ im juristischen Sinne, sondern um ein Überlebensprinzip:

– Wenn eine starke Gruppe (meine Kollegen und / oder meine Chefs) gegen mich sind und entweder mir ein anderes Verhalten aufnötigen oder mich loswerden wollen, dann belastet die Situation vor allem mich. Also habe ich ein Problem, und ich bin aufgerufen, es zu lösen. Denn wenn es durch mein Hausdach regnet, kann ich vermutlich auch nichts dafür. Aber es betrifft mich, schadet mir – und ist mein Problem.

– Vor jeder Art von Maßnahmen zur Lösung ist die Analyse angesagt: Warum habe ich das Problem? Womit habe ich diese Aktion ausgelöst? Welche taktische Gesamtsituation ist in diesem Zusammenhang zu sehen? Aus welchen Gründen heraus handeln die anderen?

– Schließlich bleibt die entscheidende Frage übrig: Was kann ich tun, um das Problem zu lösen? Von Menschen, die stark genug sind, um eine Karriere anzustreben und erfolgreich zu gestalten, die andere führen und Verantwortung für Geldmittel in erheblichem Umfang übernehmen wollen, kann, ja muß eine auf dieser Basis herbeizuführende Lösung erwartet werden. Eben weil das Eingeständnis „Ich werde gemobbt“ gleichzeitig auch fast das Ende ihrer Karrierebemühungen einläuten würde.

Wenn ich auf mein eigenes Berufsleben schaue, dann gibt es viele „Kämpfe“ aller Art in diesen bisher 35 Jahren: Da waren einzelne Menschen meine Gegner, da waren auch einmal Gruppen gegen mich, da gab es Ärger mit Leuten auf meiner Ebene und auch mit solchen über mir. Und allein im Zusammenhang mit dieser Serie bin ich ganz sicher nicht überall von Freunden umgeben. Aber „gemobbt“ gefühlt habe ich mich nie.

Also bleibe ich dabei: Im Zusammenhang mit dieser Serie gibt es gar kein Mobbing – weil es das karriereschädliche Eingeständnis wäre, nicht mehr zu wissen, was um Sie herum vorgeht, die Motive Ihrer Gegner nicht mehr zu verstehen, keine angemessenen Reaktionen mehr ausarbeiten zu können. Und das wäre das „Ende“.

Nun ist dies aber ein „heißes“ Thema. Es gibt wissenschaftliche Analysen und andere Ausarbeitungen dazu, es gibt „Anti-Mobbing-Arbeitskreise“ und ähnliches mehr. Die Brockhaus Enzyklopädie von 1998 in 24 Bänden widmet dem Thema eine ganze Seite. Daher mein wiederholter Hinweis auf den speziellen Zusammenhang, in dem ich das hier sehe.

Kurzantwort:

Zumindest für Interessenten an der Thematik einer „Karriereberatung“ gilt: Es gibt gar kein Mobbing, schon gar nicht als Erklärung für persönliche Probleme und / oder berufliche Niederlagen. Die angemessene Reaktion auf entsprechenden „Druck“ wäre vor allem die Frage: „Was mache ich falsch?“

Frage-Nr.: 1459
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 4
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-01-28

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