Heiko Mell

Wellensittich, Format u. a.

Frage: Mir geht es noch einmal um die Sache mit dem Wellensittich (der frei im Zimmer herumflog, zu entfleuchen drohte und Anlaß für einen Bewerber war, sein Telefongespräch mit dem Personalberater abzubrechen und erst den Vogel wieder einzufangen; d. Autor). Da ich vom Grundprinzip her derselben Ansicht bin wie Sie, aber es bei mir nun doch so ist, daß da – ein Taxi war, bei dem plötzlich das Benzin alle war. Als ich vom vereinbarten Flughafen plötzlich zu einem anderen sollte. Ich hatte es zwar noch geschafft, aber der Streß. Bestimmt hätte ich ein anderes nehmen können, aber ich wollte den Fahrer (Student?) nicht vor seinen Kollegen blamieren; auch schien er froh zu sein, endlich einen Fahrgast nach langer Warterei zu haben, und so schoben wir beide das Auto zur nächsten Tankstelle. Rein schiebetechnisch war es durchführbar, aber als Fahrgast von Format?
– Kinder sind, die zur vereinbarten Abfahrtszeit auf Grund der Verwendung „billiger“ Windeln noch gebadet werden müssen. Weil die Mutter meiner Kinder, eben weil es so günstig ist, in der Stadt abgesetzt werden will.
Stellt sich mir die Lösung von Format so dar:
– ein neues Taxi zu verlangen,
– soll doch die Mutti mit dem Bus in die Stadt fahren oder hat ein solcher Mensch einfach keine Kinder, generell oder zumindest nicht solche, die gewickelt werden müssen?

Ein Mensch von Format, sagen Sie, kommt nicht in diese Situation. Ich meine ja auch, bei der Menge Taxis ist es doch ausgeschlossen, daß ein solcher Mensch genau das nimmt, mit welchem er nur bis zur übernächsten Kreuzung kommt, wenn er es eilig hat.

Meine Fragen: Wie wird man ein Mensch von Format? Ist man das? Kann man das werden?

Antwort:

Ich nehme wegen meiner Erfahrung mit akademisch gebildeten Menschen im Zusammenhang mit „Beruf, Bewerbung, Aufstieg“ das Thema außerordentlich ernst. Auch wenn ich natürlich Ihren Wunsch sehe, es etwas außerhalb der allerernstesten „Denkschiene“ zu betrachten.

Zunächst zu Ihren Beispielen: Hier war nie davon die Rede, daß Ihnen (und anderen) keine Vögel entfliegen, keine Taxis versagen und keine Kleinkinder Terminpläne ruinieren dürfen. Jedem passiert gelegentlich etwas in der Art. Aber:

1. Sollte jemandem das häufig geschehen, so daß er beispielsweise Chefs und Kollegen damit auffällt, wäre es äußerst ratsam, durch Nachdenken und Vorbeugen Abhilfe zu schaffen. Durch eine andere Arbeitsorganisation, durch bessere Terminplanung etc. Was man tun kann, wenn das mit dem Taxi dreimal wöchentlich geschieht? Im Fernsehen auftreten als Medium oder als der Mann, der außerhalb der Wahrscheinlichkeiten in der Welt umherirrt.

2. Allein angesprochen war hier die extrem wichtige Ausnahmesituation, wie sie beispielsweise bei Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen besteht. Und dafür gilt:

– Ohne jegliches Zögern ist der Taxifahrer zu bitten, über Funk dringend einen Kollegen zu rufen, mit dem man die Fahrt fortsetzt. Auf „Blamage“ des Fahrers vor Kollegen ist in eine derartigen Situation keinerlei Rücksicht zu nehmen. Hier geht es um die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden zu können (was auch einmal ein Reizthema dieser Serie war).

– Die Autofahrt zum Vorstellungsgespräch ist so zu planen, daß Komplikationen der geschilderten Art (Windeln) ausgeschlossen sind. Verlangen Sie jetzt hier von mir bloß keine Gebrauchsanweisung.Selbstverständlich kann es immer und jederzeit dennoch geschehen, daß Ihnen ein wichtiges Einzelereignis „verhagelt“. Dann verliert man eben – man gewinnt ohnehin nicht jedesmal.

Als vielleicht extremes Beispiel: Napoleon hat die Schlacht bei Waterloo verloren. Aber er war immerhin anwesend. Nun stellen Sie sich einmal vor, er hätte diese seine letzte große Chance verschlafen oder seinem Fahrer wäre das Benzin ausgegangen (symbolisch gemeint, ich weiß ja, daß er zwangsläufig eher mit Pferden fuhr). Die Welt hätte über ihn gelacht – und er hätte das für jenen undenkbaren Fall auch akzeptiert. Weil einem Menschen mit Format „so etwas“ nicht passieren darf!

Nun kommt Ihre Frage: Wie wird man ein Mensch mit Format? Und das ist schon sehr viel schwieriger zu beantworten. Mit „keine Wellensittiche im Zimmer“ allein kommt man da nicht hin.Versuchen wir den Einstieg über die Definition: „Format“, interpretiert der Große Brockhaus als „ein stark ausgeprägtes Persönlichkeitsbild“. Das ist doch schon etwas. Nun füge ich noch hinzu, daß dies in unserem Sinne positiv gemeint sein soll (damit keine Mißverständnisse aufkommen).

Grundsätzlich kann man „Format“ nicht lernen, nicht gezielt erwerben, auch nicht auf den so beliebten Weiterbildungsseminaren. Man hat es oder man hat es nicht. Es ist auch gleichgültig, ob man etwas dafür kann oder nicht, ob das nun ungerecht ist oder nicht – damit muß man zunächst einmal leben.“Zunächst einmal“ verheißt Hoffnung – und die gibt es in Grenzen durchaus. Versuchen wir einmal, die Menschen vom Format her in drei Gruppen zu teilen:

a) die mit eindeutigem Format, an dem kein Zweifel besteht;

b) die „neutralen“, denen man zwar nicht das Prädikat „Format“ spontan zugestehen möchte, die aber in diesem Zusammenhang auch nicht unangenehm auffallen;

c) die „ohne Format“, denen man das auffällige Fehlen dieses Persönlichkeitsaspektes vorwirft (nach dem Lesen einer Bewerbung schreibt man auf dieselbe: „Zweifel am Format“, Fachleute kennen das).

Die Leute der a-Kategorie können nichts tun und brauchen auch nichts zu tun – außer daß es vielleicht in bestimmten Situationen aus taktischen Gründen ratsam sein könnte, sich selbst ein wenig zurückzunehmen. Was ebenso schwierig zu realisieren ist wie die folgenden Empfehlungen.Die b-Kategorie („Durchschnittsmanager“) muß eigentlich nichts tun, kann es aber: In gewissen, besonderen Situationen könnte man sich bewußt die Frage stellen: „Und wie würde an meiner Stelle jetzt ein Mensch der a-Kategorie handeln?“ Dann soll man dessen unterstelltes Verhalten bitte keinesfalls blindlings nachahmen, hätte aber doch Orientierungshilfen. Die nicht das „Produkt“ verbessern, jedoch die „Verpackung“ – das ist in der Marktwirtschaft schon eine Menge. Meist hebt es den „Verkaufserfolg“ deutlich an.Und die c-Kategorie wird es nie zum wirklichen Format bringen. Aber: Sie kann sich Mühe geben, nicht mit negativen Beispielen aufzufallen, dann wird auch die Einordnung in diese – von mir „erfundene“, in der Praxis aber ähnlich gesehene – Kategorie nicht so leicht.

Jetzt wollen Sie natürlich Beispiele – und da wird es schwierig. Weil diese vorsichtshalber sehr langatmig beschrieben werden müßten, weil hier auch unterschiedliche Maßstäbe von Autor und manchen Lesern mitspielen und weil ich niemand in eine Schublade stecken und die Schuld daran tragen möchte, daß er sich beleidigt fühlt. Fest steht nur, daß die c-Kategorie offenbar größte Schwierigkeiten hat, sich selbst dort zu orten, während die a-Kategorie insgeheim weiß, daß sie dazugehört, aber auch weiß, daß man das von sich selbst nicht sagen darf.

Braucht der Mensch überhaupt Format in diesem Sinne? Für eine Durchschnittslaufbahn nicht. Aber für besondere Ansprüche an den Erfolg schon – vor allem, wenn es dabei gilt, andere zu führen, sich denen gegenüber durchzusetzen, eigene Visionen zu realisieren. Solche Leute kämen merkwürdigerweise nicht zu spät, weil dem Taxifahrer das Benzin ausgegangen war und sie brechen keinen Geschäftskontakt ab, weil sie erst Wellensittiche einfangen müssen. Leider ist hier kein Umkehrschluß möglich: Wenn Ihrem Taxifahrer noch nie …, dann ist das noch kein Beweis für Format.Letztlich sind wir hier wieder bei dem das gesamte Karrierethema dominierenden Begriff „Persönlichkeitsfaktoren“.

Kurzantwort:

„Format“ als wichtigen Persönlichkeitsfaktor kann man nicht erlernen oder in Seminaren erwerben. Aber man kann durch intensives Nachdenken und Bemühen erreichen, daß man von der für die Karriere wichtigen Umwelt nicht spontan mit dem Prädikat „kein Format“ belegt wird.

Frage-Nr.: 1443
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-11-26

Top Stellenangebote

Hays AG-Firmenlogo
Hays AG Embedded Software Entwickler (m/w/d) Berlin
Hays AG-Firmenlogo
Hays AG Senior Project Engineer (m/w/d) München
Fakultät für Maschinenbau Leibniz Universität Hannover-Firmenlogo
Fakultät für Maschinenbau Leibniz Universität Hannover Universitätsprofessur (m/w/d) W3 für Sensorsysteme der Produktionstechnik Garbsen
Technische Hochschule Bingen-Firmenlogo
Technische Hochschule Bingen Professur (W2) Immissionsschutz (w/m/d) Schwerpunkt Luftreinhaltung Bingen am Rhein
Technischen Hochschule Bingen-Firmenlogo
Technischen Hochschule Bingen Professur Immissionsschutz (m/w/d) Schwerpunkt Luftreinhaltung Bingen am Rhein
Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm-Firmenlogo
Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm Professur (W2) für das Lehrgebiet Elektrische Energiespeicher für Intelligente Netze und Elektromobilität Nürnberg
Honda R&D Europe (Deutschland) GmbH-Firmenlogo
Honda R&D Europe (Deutschland) GmbH Entwicklungsingenieur (m/w/d) im Bereich Fahrerassistenzsysteme Offenbach
Technische Hochschule Rosenheim-Firmenlogo
Technische Hochschule Rosenheim Professur (W2) Lehrgebiet: Verfahrenstechnische Simulation Burghausen
Technische Hochschule Rosenheim-Firmenlogo
Technische Hochschule Rosenheim Professur (W2) Lehrgebiet: Informatik mit Schwerpunkt Datenanalyse Burghausen
Universität Stuttgart-Firmenlogo
Universität Stuttgart W3-Professur "Fahrzeugkonzepte" als Direktor/-in des Instituts für Fahrzeugkonzepte Stuttgart
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…