Heiko Mell

Lösungen für das Altersproblem bei Managern

Sie haben mit Ihrer Leserfrage 1.416 ein Thema angesprochen, das Sie künftig m. E. noch viel stärker darlegen sollten.

Der Einsender von 1.416 muß m. E. auf beiden Augen völlig blind gewesen sein. Ich selbst wurde mit 56 Jahren vom für mich zuständigen Vorstandsmitglied meines (sehr großen deutschen) Konzerns angesprochen, ob ich mir eine vorzeitige Pensionierung mit Abfindung (mein Vertrag ging bis zum 63. Lebensjahr!) vorstellen könnte. Ich verneinte dies, sagte aber, ich sei für alle passenden Managementaufgaben – auch außerhalb meiner „Kaminkarriere“ (vom Sachbearbeiter 1967 bis zum Hauptabteilungsleiter mit 250 Mitarbeitern) – offen.

Die Folge war, daß ich für TQM, Reengineering, Qualitätsprojekte, Südafrika-Pro-jekte, Projekte bei unserer GB-Tochter usw. herangezogen wurde, die mich zunächst verblüfft und dann zur Hochform haben auflaufen lassen. Mir hatten gerade diese neuen Managementprojekte bisher gefehlt. Ich war zwar in D bekannt wie ein „bunter Hund“, aber in meinem ureigensten Metier fast schon ein Auslaufmodell.Bei meiner Verabschiedung vier Jahre später (alle oberen Führungskräfte im Konzern werden mit 60 verabschiedet) hat mein Vorstandsmitglied ausdrücklich diese Jahre organisatorischer Managementaufgaben besonders hervorgehoben.

Und nun? Mit dem Background dieser zusätzlichen Erfahrungen bin ich (nach der Karenzzeit) ein kleiner Unternehmensberater mit einem Minimumumsatz von ca. 20.000 DM p. a. – und habe einen riesigen Spaß daran.

Antwort:

In Ihrer Schilderung stecken mehrere hochinteressante Schlüsselinformationen, auf die ich gern die Aufmerksamkeit der Leser lenke:

1. Ansprache des 56jährigen Managers durch den Vorstand: „Es ist genug, wollen Sie nicht aufhören?“ Das darf man dann nicht einfach ignorieren! So bitter das ist, hier muß man einfach den Tatsachen ins Auge sehen: Die „andere“ Seite will nicht mehr. Eine grundsätzliche Weigerung wäre nur der Beginn einer entsetzlichen Quälerei, an deren Ende Herzinfarkt oder Magengeschwür stehen. Der Kunde entscheidet, wie lange ihm ein Produkt gefällt – und „zahlender Kunde“ ist diesem Geschäft ist der Arbeitgeber.

2. Ihre flexible Reaktion (aufhören will ich nicht, aber ich mache auch Jobs ganz anderer Art) war hervorragend und vernünftig. Sie haben das Recht des „Kunden“ akzeptiert, mit seinem gekauften Produkt nicht mehr zufrieden zu sein – und boten anderweitigen Ersatz.

3. Die wiederum flexible Reaktion des Konzerns darauf zeigt, wie man Fähigkeiten und Erfahrungen des älteren Managers sinnvoll nutzen kann. Dabei war es natürlich schön, daß dieses große Unternehmen so viele Möglichkeiten hatte – wenn es nur wollte.

4. Sie können es sich vermutlich leisten: Aber der genannte Beratungsumsatz (von dem die Betriebskosten des Büros abzuziehen sind!) entspricht etwa einem Jahres(!)ge-halt von 5 – 10.000 DM! Man stelle sich die Selbständigkeit also auch nicht zu einfach vor. Erfolg in der Selbständigkeit bedeutet – leider – vor allem Talent zur Auftragsbeschaffung, dann erst die Fähigkeit zur Durchführung. Verkäufertypen sind grundsätzlich im Vorteil.

5. Sie haben das Ende Ihrer Laufbahn hervorragend „verarbeitet“, das ist absolut vorbildlich, ich gratuliere Ihnen dazu.

Frage-Nr.: 1432
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 40
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-10-15

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