Heiko Mell

Keine Skepsis gegenüber Neuem!

Frage: Seit rund 20 Jahren begleitet mich Ihre Serie durch mein Berufsleben. Die weitgehende Verinnerlichung und Befolgung Ihrer Karriereberatung hat mich mit 44 Jahren zwar nicht ganz an die Spitze gebracht, aber immerhin in die erste Führungsebene hinter dem Vorstand eines international tätigen …-Maschinenherstellers, bei dem ich etwa die Hälfte des Umsatzes von ca. 150 Mio. DM verantworte.
In 18 Berufsjahren war ich in drei Großkonzernen und bin jetzt bei einem „Mittelständler“ tätig. Warum bin ich nicht an die Spitze (z. B. Konzernvorstand) gekommen?

Meine Analyse ist ganz klar: Ich war oft gegenüber Neuerungen und technologischen Umwälzungen zu skeptisch und verziehe mich auch heute manchmal ohne Not zu früh ins „Bremserhäuschen“! Sicher habe ich damit so manchen „Großschaden“ verhindert, aber auch nicht alle Möglichkeiten genutzt.

Ich kann damit gut leben und bin auch in meiner aktuellen Position zufrieden, möchte aber einen Rat geben, damit andere Leser ihr Potential besser ausschöpfen. Mir fällt Ihre ständige Kritik an der E-Mail-Korrespondenz auf, was meinen (falschen) Verhaltensweisen ähnelt. Wir stehen jetzt mit dem Internet und allen seinen Begleiterscheinungen mitten in einer der großen technologischen und gesellschaftlichen Umwälzungen. Ich halte es für dringend angebracht, die Leser zur Nutzung und zur Vertrautheit mit dieser Technik anzuregen, auch wenn noch alles nicht so richtig funktioniert.

Also, Ingenieure und Studenten: Nutzt E-Mail und Internet, auch wenn es teilweise noch etwas holperig läuft. Macht nicht den gleichen Fehler wie ich und bremst zu früh an der falschen Stelle!

Antwort:

Eine grundsätzlich sehr wichtige Aussage – insbesondere in dieser Zeitung bei diesem Leserkreis. Was die Diagnose (Gründe für die nicht erreichte Konzernspitze) angeht, muß ich vor Vereinfachungen warnen: Gerade der Betroffene könnte dazu neigen, alles auf einen einzigen Aspekt zu schieben – und andere zu vernachlässigen. Sicher sind – nicht für Sie zutreffend – schon diverse „Bremser“ gescheitert, aber ebenso auch schon viele, die allzu euphorisch auf neue „Züge“ aufgesprungen sind, die dann nirgendwo ankamen.

Ich bin sehr für neue Technologien und habe nichts Grundsätzliches gegen Internet und E-Mail, fühle mich auch nicht zu einem „Ober-gutachter“ darüber berufen. Nur für diesen einen Teil meiner Arbeit, der „Gestaltung einer Zeitungsserie in einer Wochenzeitung“ heißt, mag ich keine Arbeitsgrundlagen (Einsendungen), die unvollständig, schwer lesbar oder gar nicht zu entziffern sind – gleichgültig, ob sie altmodisch oder modern aussehen. Wenn die Industrie an dieser neuen Technologie verdient und die Käufer eine Menge Spaß damit haben – alles gut. Aber ich muß doch nicht der arme Tropf sein, auf dessen Rücken das ausgetragen wird, weil ich jetzt die doppelte Zeit gegenüber früher brauche, um eine Einsendung zu verstehen – und sie für die geneigten Leser in eine druckfähige Form zu übertragen.

Auch sind viele Großkonzerne voll von Anhängern moderner IT-Instrumentarien, die dennoch nicht Vorstand werden. Aber Ihr Grundtenor, geehrter Einsender, ist richtig: Das Medium ist neu, das Medium hat Zukunft, das Medium ist noch unvollkommen – also übt, Leute. Sage ich auch – aber bitte: Nicht der Weg ist das Ziel – das Resultat muß überzeugen. Gute Kommunikationsbeiträge braucht das Land. Nicht: „Egal, wie schlecht, Hauptsache per E-Mail“; sondern: „Egal, auf welchem Weg, Hauptsache gut (und richtig).“

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1398
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 23
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-06-18

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