Heiko Mell

Zu Frage 1.360 (w.): „Ich kann so viel – was soll ich tun?“

(Anmerkung des Autors: Es ging um eine extrem vielseitig begabte Maschinenbau-Studentin, die mehrere Sprachen beherrschte, in einem Bundeswehrbataillon gearbeitet hatte, Fußball-Libero gewesen war, Flamenco tanzte u. a.)

Leser A (Prof. Dr. X von der FH in Y) : Mir fällt, wie sicher anderen Lesern in gleicher Weise, eigentlich nur noch die Frage ein, ob die Dame eventuell auch noch über ein angenehmes Äußeres verfügt …

Leser B (Leiter Vertrieb Ausland eines der führenden global operierenden Unternehmen in der Präzisionsmeßtechnik) : Ich fand einfach Ihre Art der Aufbereitung der Problematik amüsant. Auf eine Idee sind Sie jedoch nicht gekommen – oder Sie haben sie zumindest nicht empfohlen: ein Praktikum im Vertrieb!Denn gerade im Vertrieb sind Allround-Talente sehr gesucht (und selten gefunden). Und wie die Leserin schon erwähnt hatte: „Richtig anfreunden kann ich mich damit (noch) nicht, sicher auch aufgrund mangelnder Kenntnisse der Arbeitsweise in diesen Bereichen …“

Offensichtlich hatte die Leserin zwar viele Industriepraktika absolviert, aber eben keines im Vertrieb – in vielen Unternehmen sicherlich einer der spannendsten Bereiche. Daher biete ich heute der Leserin zur weiteren Entscheidungsfindung an, ein mindestens vierwöchiges Praktikum in meiner Abteilung „Vertrieb Ausland“ zu absolvieren.

Leser C (Maschinenbau-Ingenieur, mehrsprachig, sportlich, Tänzer, will Kochen lernen) : Bei so vielen Ähnlichkeiten wäre ich sehr daran interessiert, die Einsenderin näher kennenzulernen. Daher wäre ich Ihnen überaus dankbar, wenn ich in diesem Falle Sie nicht als Berater, sondern sozusagen als Vermittler beanspruchen könnte. Ich würde gern mit ihr auf diesem – sicherlich etwas ungewöhnlichen – Weg in Kontakt treten. Darf ich auf Ihre Hilfe zählen?

Leser D (w., Dipl.-Ing., Dipl.-Übersetzerin) : Nach dem TH-Studium begann ich ein zweites, das der Übersetzungswissenschaft an der Universität Mainz. Nach der Diplomprüfung begann ich mit meiner freiberuflichen Tätigkeit als technische Übersetzerin und Dolmetscherin. Der Anfang war mühsam, aber nach und nach wurde ich bekannt und erwarb mir einen Kundenstamm.

Das Geschäft ist nicht einfach, die Konkurrenz ist hart und scheut auch nicht vor unlauteren Mitteln zurück. Preisdumping ist an der Tagesordnung. Aber ich habe meine Kunden und arbeite daran, diese zu halten und neue zu finden. 1994 wurde ich Mutter und seitdem vereinbare ich Beruf und Familie miteinander.Ich erlebe meinen Beruf als kreativ, immer wieder neu und herausfordernd.

PS. Zum Berufsbild gibt es bei unserem Berufsverband, in dem ich u. a. die Beratung von Existenzgründern betreue, Informationsmaterial, das wir an Interessenten gerne kostenlos verschicken.

Leser E (ohne Tätigkeitsangabe, aber mit dem Angebot, telefonisch weitere Auskünfte zu geben) : Insbesondere für sprachbegabte Universitätsabsolventen technischer Studienrichtungen (insbesondere Dipl.-Ing. oder -Chemiker) möchte ich Sie auf die Möglichkeiten bei internationalen Organisationen wie z. B. dem Europäischen Patentamt hinweisen. So sind beim Europäischen Patentamt einige hundert Stellen allein in 1999 zu besetzen.Siehe auch die Homepage des Europäischen Patentamts http://www.european-patent-office.org/epo/jobs.htm

Antwort:

Diese Zuschriften sind sozusagen die „Eckpfeiler“ der entsprechenden Leserreaktionen. Irgendwie hat die junge Dame es geschafft, das Herz zahlreicher – durchaus nicht nur männlicher – Leser zu rühren. Das ist eine Gabe, die hat man oder man hat sie nicht.Man sollte übrigens, ständige Empfehlung von mir, seine „vorberufliche Jugend“ (bis zum Studienexamen) auch nutzen, um Talente dieser Art herauszufinden. Die Reaktionen der Umwelt sind ein gutes Indiz. Bei der Festlegung der beruflichen Ausrichtung kann man das als extrem wertvolle Erkenntnis mit einbeziehen. Das Prinzip ist klar: Wenn man tut, wozu man Talent hat, sind Spitzenleistungen erreichbar, im umgekehrten Fall praktisch niemals.

Dabei ist meine feste Überzeugung: Jeder hat irgendein besonderes Talent! Nur gehen viele in Pension, ohne es herausgefunden zu haben. Weil sie auf die Signale aus ihrer Umwelt nicht hören wollten.

Und für den Beruf ist es doch so ungeheuer wichtig, was man „kann“.Was man hingegen nur „will“, ist ziemlich belanglos. „Ich will etwas mit Umwelt und Menschen“, schwadronierte fast eine ganze Generation. „Verstehe ich etwas von Umwelt und kann ich es mit Menschen?“, das wäre die Kernfrage gewesen. Natürlich muß der Beruf auch Spaß machen. Aber Spaß daran ohne Talent dazu ist grauenhaft. Vor allem für die anderen. Und auf dem „Umweg“ dann auch für den Betroffenen selbst.

PS: Ich habe die wichtigsten dieser Leserreaktionen inzwischen an die Einsenderin der Frage 1360 weitergeleitet und überlasse ihr die Reaktion darauf. Leer ausgehen wird z. B. Leser A, sein Originalbrief war nicht dabei (das hatte er aber wohl auch nicht erwartet).

Kurzantwort:

Bis gegen Ende des Studiums sollte der künftige Akademiker möglichst herausgefunden haben, wo seine besonderen Talente liegen – Maßstab sind die anderen. Was man gut kann, ist noch wichtiger als das, was man gern tun würde.

Frage-Nr.: 1370
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-03-12

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