Heiko Mell

„Beschränkter Horizont“

Frage: Ich studiere an der … So gut es geht, bemühe ich mich um Vorbereitung auf die spätere Praxis. Dabei stoße ich des öfteren auf die Formulierung/ Eigenschaftsbeschreibung „strategisches Denken“. Ich kann mir natürlich vorstellen, was das sein kann. Aber ein Beispiel aus der Praxis wäre aus bestimmtem Grunde hilfreich.

Antwort:

Ein Student studiert. Beispielsweise Sie. Ziel: Examen gut bestehen, Diplom bekommen. Natürlich auch: viel lernen. Aber das Diplom ist nahezu „alles“. Oder: Ohne Examenszeugnis ist alles nichts. Richtig? Richtig. Und? Konsequenz? Nun seien Sie einmal verblüfft:Was glauben Sie, wieviele Studenten kennen vorher im Detail das Formblatt, das sie da zu erwerben trachten? Dem fast alle ihre Energie über fünf oder mehr Jahre gilt?

Warum das wichtig sein sollte? Nun, weil in unserem Kulturkreis das Ziel dominiert, weniger der Weg dorthin. Wir setzen Mauersteine aufeinander, weil ein Haus dabei entstehen soll, nicht weil wir im Mauern einen Lebenszweck sehen. Auf Ihrem späteren Diplomzeugnis nämlich können so „böse“ Dinge stehen, daß praktisch der ganze Weg dorthin nicht gerade vergeblich war, aber doch fast. Und? Wissen Sie, was an Ihrer Hochschule auf Ihr späteres Dokument geschrieben wird? Nein? Sollten Sie aber.

Wissen Sie also, daß es Diplomzeugnisse gibt, die zwar einen „guten“ Gesamtabschluß bescheinigen, bei denen dann aber die ersten vier oder fünf Einzelnoten „ausreichend“ lauten? Aus Fächern früherer Semester, die Sie längst „vergessen“ hatten? Oder daß manche Hochschulen Sie lebenslang mit der miserablen Vordiplomnote ganz dick auf der Vorderseite des Hauptdiploms belasten, wo sie beim flüchtigen Lesen leicht mit dem Hauptdiplom verwechselt werden kann – während in anderen Fällen das Vordiplom später nie wieder auftaucht? Und wenn man sich vorher informiert, was hinterher (auf dem „Ziel“ des ganzen Tuns!) draufsteht, kann man auch rechtzeitig etwas dagegen tun. Wer aber ein Studium beginnt, ohne das zu wissen, der müßte damit rechnen, dem Vorwurf zu begegnen, er könne nicht strategisch, also in großen Zusammenhängen, denken. Wobei das nur ein Beispiel von vielen möglichen ist.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1369
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-03-05

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