Heiko Mell

Ich kann so viel – was soll ich tun?

Frage: Deutsch ist meine Muttersprache, Französisch spreche ich fast ebenso gut. Englisch bereitet mir keine Probleme. Und Spanisch spreche ich fließend.
Damit ist mein Problem auch schon umrissen. Denn Sprachenlernen zählt zu meinen Freizeitbeschäftigungen.
„Hauptberuflich“ bin ich Studentin des Maschinenbaus mit Schwerpunkten in metallischen und nichtmetallischen Werkstoffen. Zum Abschluß meines Studiums fehlen mir noch die Beendigung meiner zweiten Studienarbeit, hier in Spanien, und die Diplomarbeit.

Seit etwa einem Jahr denke ich intensiv über das „Danach“ nach, lese die VDI nachrichten und diverse Bücher zur Orientierung und frage mich dabei, was mir denn so gefallen könnte. Vertrieb, Einkauf, Kundenbetreuung – klassische Möglichkeiten, Sprache und Technik sowohl im Mittelstand als auch im Großkonzern miteinander zu verbinden. Richtig anfreunden kann ich mich damit (noch) nicht, sicher auch aufgrund mangelnder Kenntnisse der Arbeitsweise in diesen Bereichen.

Persönlich ist mir der nicht nur einmalige Umgang mit Menschen wichtig, so daß ich mir auch eine Lehrtätigkeit oder Arbeit im Team vorstellen kann. Bis vor einigen Jahren habe ich im Sportverein Erfahrungen sammeln und daran Gefallen finden können.Fachlich reizt mich die Grundlagenforschung im Werkstoffbereich, vor allem die der Nichtmetalle. Ich habe es anläßlich meiner Studienarbeit als große Herausforderung empfunden, neben einigen anderen Wissenschaftlern auf der Welt unbekannte Lösungen zu suchen.

Zur Zeit tendiere ich zur Promotion. Aber dadurch würde ich erst mit etwa 31 Jahren in die Wirtschaft eintreten. Gerade als Frau ist das schon sehr spät, um so mehr, wenn ich die Möglichkeit, einmal eine Familie zu gründen, nicht ausschließen will.
Langfristig kann ich mir eine Anstellung sowohl in einem Großkonzern als auch im Mittelstand, jedoch auch eine Selbständigkeit mit oder ohne Mitarbeiter, aber auch eine Universitätslaufbahn vorstellen.

Was denken Sie, Herr Mell, was ich mit vier Sprachen und meinem Maschinenbaustudium machen sollte?

Antwort:

Können Sie eigentlich anständig kochen?Gemach, gemach, liebe Leser, das ist überhaupt nicht herabsetzend gemeint (außerdem ist das grundsätzlich für alle potentiellen Familiengründer als Fähigkeit nicht zu verachten). Es ist nur die absolut einzige offenbleibende Frage im Hinblick auf ein Qualifikationsdetail bei dieser jungen Dame! Denn mir liegt der Lebenslauf vor und daraus ergeben sich diverse weitere Fähigkeiten in erstaunlicher Kombination:

1. Mit den vier Sprachen ist es nicht getan! Hinzu kommt noch Russisch, aber nur ?gerade eben ausreichend für technische Übersetzungen?, also fast nicht erwähnenswert.

2. Es gibt nicht nur diverse Industriepraktika, sondern auch Erfahrungen in einem Instandsetzungsbataillon der Bundeswehr!

3. Natürlich finden sich Reisebegleitungen in ferne Länder ebenso wie diverse Übersetzungstätigkeiten.

4. Es gibt neun verschiedene Kenntnisbereiche im IT/Software-Bereich.

5. Im Fußball war sie Libero in der Verbandsliga, beim Meister natürlich. Und sie ist lizensierte Fußballtrainerin für Mädchen.

6. Sind Liberos gute Tänzer? Diese junge Dame ist es selbstverständlich auch noch. Genannt werden Gesellschaftstanz, Rock’n Roll und Flamenco.

Noch Fragen? Ich hatte dann nur noch die nach dem Kochen, andere fielen mir absolut nicht ein. Ach, das große Latinum habe ich aufzuzählen vergessen, was soll’s.

Sehr geehrte Einsenderin, damit kein falscher Eindruck entsteht: Das finde ich alles toll, das imponiert mir außerordentlich. Und daß sich bei Ihnen auch noch sehr gute Studiennoten finden werden, unterstelle ich gern.Einseitig Hochbegabte haben es schon schwer genug, es gibt hinreichend Beispiele dafür. Aber universell Begabte haben es noch viel schwerer – wenn man (fast) alles kann, findet sich einfach kein Schwerpunkt des Interesses mehr. Ich bin mit solchen Problemstellungen schon öfter konfrontiert worden – und weiß, daß ein Außenstehender nur wenig zur Lösung beitragen kann. Mit drei Aussagen will ich Denkanstöße geben:

a) Einen Beruf, den man ausübt, soll man nicht nur „können“, man soll die Tätigkeit auch „lieben“. Letzteres aber kann nicht von außen vorgegeben werden. Ich kann Ihnen weder sagen, welchen Job noch welchen Mann Sie lieben sollen.

b) Übergroße Sprachbegabung geht nach meinen Beobachtungen sehr oft mit fehlender Managementbegabung einher. Manager müssen ständig entscheiden – Sie können das nicht. Das ist „normal“, nehmen Sie es als Preis für die Sprachen hin (an irgend etwas müssen ja wir Nicht-Sprachbegabten uns festhalten). Wenn ich damit richtig liege, spricht das gegen eine Managementkarriere in der Industrie.

c) Jeder muß in diesen Fragen Prioritäten setzen, Sie auch. Niemand kann alle seine Talente im Hauptberuf „austoben“. Suchen Sie sich ein Gebiet aus. Erklären Sie die anderen zu Sekundärinteressen – und warten Sie ab. Irgendwann lassen sich auch Randbegabungen im Hauptberuf unterbringen – Talent bricht sich Bahn. Sonst landen Sie noch in der Normenkommission für Werkstofffragen bei der EU in Brüssel, wenn Sie alles unter einen Hut bringen wollen. Außerdem lassen sich aus Sekundärbegabungen wunderschöne Hobbys oder erfüllende Freizeitaktivitäten gestalten. In meinen Augen sind Ihre Sprachen Sekundärbegabungen. Mir wäre eine Übersetzertätigkeit zu sehr Handwerk und zu wenig Flamenco.

So, nun will ich aber dennoch eine konkrete Empfehlung geben: Promovieren Sie, suchen Sie sich ein sehr anspruchsvolles Thema und ziehen Sie das in möglichst kurzer Zeit mit brillantem Ergebnis durch. Konkret: Lassen Sie sich zu 130 % fordern. Und dann verfolgen Sie interessiert die Schiene Universitätslaufbahn. So können Sie eines Tages als Professorin internationale Fachkongresse leiten und die Delegiertenfragen in allen Weltsprachen fließend beantworten (warum bloß komme ich mir in diesem Moment so unvollkommen vor? Ich habe es in jungen Jahren ja nicht einmal geschafft, Trainer einer Mädchenfußballmannschaft zu sein …).

PS: Daß viele Männer nicht selbstbewußt genug sind, um so viele Begabungen bei einer Frau ertragen zu können, haben Sie sicher schon gemerkt. Und schreiben Sie mir ruhig einmal, wie Ihnen meine Antwort gefallen hat. Aber schlafen Sie eine Nacht darüber – Rock’n Roll tanzende Liberos dürften ziemlich temperamentvoll sein.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1360
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-01-21

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