Heiko Mell

Schwersterkrankung

Frage: In Kürze werde ich mein offizielles Arbeitsverhältnis mit meinem Arbeitgeber beenden. Ich war dort sechs Jahre beschäftigt. Nach 2,5 Jahren krankheitsbedingter Abwesenheit vom Betrieb erhalte ich nun eine unbefristete Erwerbsunfähigkeitsrente wegen einer Multiplen Sklerose (MS), einer bisher unheilbaren neurologischen Erkrankung.
Davor hatte ich zwei weitere Arbeitsverhältnisse seit Studienabschluß vor ca. zehn Jahren. Ich wußte schon während der Tätigkeit beim ersten Arbeitgeber, daß ich erkrankt war. Dort gab es aber noch keine wesentlichen Beeinträchtigungen meiner Leistungsfähigkeit. Beim zweiten Unternehmen war das anders, ich schied im gegenseitigen Einvernehmen aus, nachdem die Belastung zu groß geworden war. Die beiden ersten Arbeitgeber habe ich jedoch nicht über meine Krankheit informiert (beim dritten war das wegen der langen Krankschreibungsdauer und der Erwerbsunfähigkeitsrente anders).

Ich habe in der jüngsten Zeit versucht, mich durch autodidaktisches Lernen am PC fit zu halten, was sich zusätzlich sehr positiv auf die geistige Leistungsfähigkeit auswirkt – ein sehr großes Problem gerade bei MS. Desweiteren nütze ich die Zeit, nach Heilungsmöglichkeiten zu suchen und diese umzusetzen. Ich bin zu 80 % schwerbehindert.

Da mein Beschäftigungsverhältnis nun wegen der Erwerbsunfähigkeitsrente beendet wird, steht mir ein Zeugnis zu. Was kann/ muß/sollte darin stehen? Meine Leistungen waren nicht mit denen zu vergleichen, die ich als gesunder Mensch gezeigt hätte und die auch von mir erwartet wurden. Der psychische Druck war zu groß.

Wofür ich überhaupt noch ein Zeugnis brauche? Vielleicht kann ich eine Tätigkeit von zu Hause aus aufnehmen, vielleicht bekomme ich die Möglichkeit, einer für mich akzeptablen Tätigkeit trotz MS nachzugehen, vielleicht ist irgendwann eine Heilung/wesentliche Besserung doch möglich.

Ich frage Sie deshalb, weil Arbeitgeber bzw. viele außenstehende Menschen sich wohl doch sehr schwer mit kranken/behinderten Menschen tun. Wenn ich nun Vorschläge für das, was als große Richtung in dem Zeugnis stehen sollte, liefern kann, so wird dies von meinen Vorgesetzten mit Sicherheit dankbar aufgenommen.

Antwort:

Sie haben gegen Ihre Krankheit gekämpft und tun das weiterhin. Sie denken an die Zukunft, bereiten sich darauf vor und planen Eventualitäten ein, geben die Hoffnung nicht auf. Ich finde das in jedem Fall anerkennenswert.Warum habe ich diese Frage überhaupt aufgenommen? Nicht, weil sie typisch wäre für die Probleme der meisten Leser. Sondern weil meine erste instinktive Reaktion war, mich vor der Thematik zu drücken und andere, vermutlich mehr Leser direkt betreffende Anliegen in den Wochenbeitrag aufzunehmen. Aber dann fand ich, das wäre feige gewesen.

Ich weiß nicht, ob ich Ihnen auch nur ansatzweise helfen kann und schon gar nicht, auf welchem Wege das geschehen sollte. Aber ich weiß, daß ein Darüberhinweggehen auch dann nicht anständig wäre, wenn ich die besten Ausreden der Welt hätte. Aber bitte erwarten Sie nicht zu viel von mir, wir alle stehen gelegentlich vor unseren Grenzen.

Die Lebenserfahrung lehrt, daß all unsere bis ins letzte Detail gehenden arbeitsrechtlichen und sozialversicherungstechnischen Regelungen trotz aller Bemühungen um Perfektion ihre Schwächen haben: Es gibt Situationen, da greifen Gepflogenheiten so wenig wie Gesetze und Vorschriften, zumindest sind sie nicht hilfreich. Und dann muß man den Mut haben, sich darüber hinwegzusetzen und zu tun, was im Interesse des Betroffenen vernünftig zu sein scheint. Und so gebe ich die folgende Empfehlung mit der ausdrücklichen Warnung, daß sie vermutlich arbeitsrechtlich nicht haltbar ist. Also rate ich hier vorsichtshalber, sich ggf. zusätzlich durch kompetente Fachberatung (eines Rechtsanwalts) abzusichern.

Das qualifizierte Arbeitszeugnis darf nichts enthalten, was das weitere berufliche Fortkommen des beurteilten Arbeitnehmers beeinträchtigen könnte. Und es wird vom späteren Leser (Bewerbungsempfänger) daraufhin abgeklopft, was über Leistungen gesagt wird und über die Zufriedenheit des Arbeitgebers. Damit sitzen die Beteiligten im vorliegenden Beispiel in der Falle: Alles geht nicht, die Forderungen widersprechen sich schlicht. Dabei würde Ihr dritter Arbeitgeber sicher gern helfen, er kennt ja Ihr schweres Schicksal und hat sich inzwischen mit den Problemen, die ja auch er mit Ihrer Krankheit hatte, abgefunden.

Nach dem jetzt anstehenden Zeugnis kommt die Erwerbsunfähigkeit, die ja in einem Lebenslauf auch dann erkennbar bliebe, wenn später eine Besserung oder Genesung einsetzte. Also geht es ohnehin nicht darum, etwas zu verbergen. Aber es geht darum, als extrem kritisch geltende Floskeln wie „scheidet im gegenseitigen Einvernehmen aus“ ebenso zu vermeiden wie fehlende Aussagen zur Leistung.Mein pragmatisch ausgerichteter Vorschlag: Ihr jetzt anstehendes „Zeugnis“ sollte gar keines sein, schon im Titel nicht. Das Unternehmen schreibt einfach auf üblichem Firmenbogen, nennt das Schriftstück im Betreff z. B. „Statt eines Zeugnisses“. Und geht dann wie in einem Zeugnis vor. Beschreibt also Ihre Tätigkeit mit Aufgaben und Zuständigkeiten wie gewohnt.Dann werden einzelne Ihrer Eigenschaften und Fähigkeiten gelobt und hervorgehoben, auch wie üblich. Aber über Leistungen, Erfolge und Arbeitgeberzufriedenheit wird nichts gesagt. Dafür folgt etwa ein Passus wie:“Nach den ersten Jahren der Tätigkeit trat die Krankheit, von der Herr … betroffen war, so stark in Erscheinung, daß er seine Tätigkeit nach ärztlichem Urteil nicht mehr ausüben konnte. Im Zusammenhang mit der Zuerkennung einer Erwerbsunfähigkeitsrente scheidet Herr … zum … aus dem Arbeitsverhältnis aus.

Mit großer Betroffenheit haben wir diese Entwicklung verfolgt und dabei stets anerkannt, mit welcher besonderen Energie Herr … gegen die Beeinträchtigungen vorging, die seine Krankheit zwangsläufig mit sich brachte. Wir sind überzeugt, daß Herr … uns ohne diese enorme gesundheitliche Belastung jederzeit mit seinen Leistungen uneingeschränkt zufriedengestellt hätte. Dafür stehen seine individuellen Eigenschaften und Fähigkeiten ebenso wie sein stets dokumentierter Erfolgswille.

Wir bedauern es außerordentlich, in diesem Zusammenhang einen Mitarbeiter zu verlieren, den wir unter anderen Umständen gern bei uns behalten hätten. Für seine Zukunft und insbesondere für die Wiederherstellung seiner Gesundheit begleiten Herrn … unsere besten Wünsche.“

Sie könnten dem Unternehmen dann noch eine schriftliche Bestätigung geben, daß Sie mit einem solchen Dokument anstelle eines üblichen Zeugnisses ausdrücklich einverstanden sein und auf jegliche Art von Einreden dagegen verzichten würden. Dann wäre vermutlich beiden Seiten so weit geholfen, wie das im Rahmen der Umstände überhaupt möglich ist.

Sollte jemand unter den Lesern eine bessere Variante einfallen, leite ich die Zuschriften gern an den Einsender weiter. Eine öffentliche Diskussion über dieses Thema möchte ich aber nach Möglichkeit nicht führen. Jedem Leser wird auch so vor Augen geführt, wie dünn das Eis ist, auf dem wir uns täglich bewegen – und wie relativ der Begriff „Problem“ zu sehen ist.

Kurzantwort:

Ohne Vorschriften aller Art geht es nicht. Aber in Extremfällen wird das Wohl eines Betroffenen ggf. dann besser gefördert, wenn man Regeln umgeht, die im Normalfall seinem Schutz dienen sollen.

Frage-Nr.: 1282
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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