Heiko Mell

Kritisch und streitbar?

Frage: Ich lese Ihre Karriereberatung seit fast sieben Jahren regelmäßig. Hier möchte ich Ihnen mitteilen, daß die Beurteilungen und Tips über das Berufsleben zu 95 % mit der Realität übereinstimmen.
Jedoch vermisse ich gelegentlich, daß Sie den Leserinnen und Lesern nicht mehr konstruktive Kritik zu wirtschaftlichen Gesamtabläufen mit auf den Lebensweg geben und statt dessen eher den strömungsgünstigen Mitarbeiter anpreisen.
Aus meiner Sicht ist der konstruktiv kritische Weg nicht unbedingt schlechter (auch wenn er etwas länger dauert), weil er eine eher kritische und streitbare Führungskraft/Persönlichkeit heranreifen läßt.

Antwort:

Verweilen wir doch ein wenig bei den 95 % Übereinstimmung meiner Aussagen mit der Realität. Als ich noch jünger war, hätte ich empört nach den restlichen, so pauschal als „falsch“ angeprangerten 5 % gefragt. Aber mit zunehmender Reife lernt man, mit einer gewissen „Verlustquote“ zu leben. Oder man definiert „Ideal“ ohnehin als „unerreichbar“.

Und da es „die Industrie, die Wirtschaft“ so ja auch gar nicht gibt, sondern nur eine große Menge individuell handelnder Einzelpersonen in denselben, wäre eine hundertprozentige Übereinstimmung meiner Aussagen mit der Realität höchst verwunderlich (weil es auch „die Realität“ so nicht gibt, sondern bloß eine Vielzahl diverser Realitäten).

Kommen wir zum zweiten Teil Ihrer Aussage (bei dem die Wörter „vermisse“ und „nicht“ schlecht zueinander passen):Natürlich hat diese Frage in den vielen bisherigen Folgen der Serie schon des öfteren eine Rolle gespielt. Ich will hier nur einmal einen Aspekt herausgreifen:

Nehmen wir einmal an, es gäbe vor allem die zwei Extreme, den kritisch-streitbaren und den strömungsgünstigen Mitarbeiter (in Wahrheit gibt es viele Mischformen, so wie das Leben nicht schwarz oder weiß ist, sondern aus verschiedenen Grauschattierungen besteht). Beide wären dann im Leserkreis vertreten. Denn auch „den Leser“ gibt es ja gar nicht, er ist eine reine Kunstfigur, eine unzulässig im Durchschnittsverfahren aus lauter Individuen „gemittelte“ statistische Größe.

Nun zwei Fragen an Sie:

1. Glauben Sie, zwei oder drei gelungene Artikel von mir machten aus einem kritisch-streitbaren Menschen einen strömungsgünstigen? Sicher nicht! Sein streitbarer Geist richtet sich höchstens gegen mich als vermeintlichen Repräsentanten des Systems, seine kritische Art sucht und findet reichlich Betätigungsfeld in meinen Aussagen. Sollte er jedoch einmal wirklich wissen wollen, wo seine diversen beruflichen Probleme ihre Ursachen haben, bieten ihm meine Beiträge immerhin Lebenshilfe. Aber seine Seele verbiegen, schaden – da sind wir uns wohl einig – kann ich ihm mit meinen bescheidenen Mitteln nicht. Wenn es denn ein Schaden wäre, ein bißchen weniger kritisch-streitbar zu sein als Angestellter (siehe auch die nachfolgende Frage in dieser Ausgabe).

2. Nun nehmen wir das andere Extrem, den eher strömungsgünstig (ich verzichte bewußt einmal auf ständige Anführungszeichen) orientierten Mitarbeiter. Stellen Sie sich vor, ich würde den mit dem ständigen Kampfruf aufstacheln: „Lassen Sie sich bloß nichts gefallen.“ Solange er das nur kopfschüttelnd liest, passiert ja nichts. Aber wenn er dann entsprechend „motiviert“ loszieht, um seinem Chef endlich einmal zu sagen, daß jetzt Schluß sei, jage ich ihn in Gefechte, für die er nicht gerüstet ist.Nein, einer kleinen Elite sage ich gern: „Kämpfen Sie.“ Nun, viel bringt das nicht, sie weiß es nämlich schon. Weil man nicht ohne Kampf in die Spitzengruppe kommt – wie beim Tennis oder Fußball.

Aber bei Aussagen für eine breitere Öffentlichkeit glaube ich, meiner Verantwortung besser gerecht zu werden, wenn ich vor den Folgen allzu streitbaren Verhaltens im Verhältnis zum Arbeitgeber warne. Folgen, die ich zur Genüge kenne – nicht zuletzt aus Beratungsgesprächen mit Managern in Schwierigkeiten oder aus Outplacementaufträgen.

Bliebe mir noch ein besonderes Argument, das ich ganz ernsthaft vertrete. Es ist nicht logisch und nicht konsequent, beim Eintritt in das Berufsleben folgende zwei Grundsätze aufzustellen:

A) Ich werde mir niemals etwas gefallen lassen, ich werde niemals einen Schritt zur Seite weichen, ich werde niemals zurückstecken, wenn ich mich „im Recht“ fühle, ich werde niemals rein „taktisch geschickt“ vorgehen.

B) Ich strebe nach einer Tätigkeit als abhängig(!) Beschäftigter (das ist der Angestellte laut offizieller Definition).Die beiden Grundsätze passen nämlich nicht zueinander, ja sie schließen sich in wesentlichen Teilen gegenseitig aus. Diese Erkenntnis zu vermitteln, ist ein wesentlicher Teil meines Anliegens, das ich hier verfolge (und das keineswegs etwa durch Zuwendungen des Arbeitgeberverbandes gefördert wird). Meine Motivation war und ist recht einfach: Ich sah die Leute reihenweise scheitern und sagte mir, es muß ihnen zumindest jemand sagen, woran das liegt. Und man muß es öffentlich tun, damit andere daraus lernen und ähnliche Probleme vermeiden können.

Wenn „andere“ das denn wollen – damit haben wir wohl das Schlüsselproblem überhaupt.

Und bei der Gelegenheit: Wenn ich aus tiefer Überzeugung und in aller Offenheit Anpassungsbereitschaft als unverzichtbare Eigenschaft für den erfolgreichen Mitarbeiter auf allen hierarchischen Ebenen nenne – dann beziehe ich mich ausdrücklich vorrangig auf den „persönlichen“ Bereich. Gemeint sind damit die besonderen Belange des Arbeitgeber-/Arbeitnehmer- bzw. Chef-/Mitarbeiterverhältnisses.

Im rein fachlichen Bereich sieht das durchaus anders aus: Gefragt ist der Mitarbeiter, der eine Meinung, ein Konzept vertritt, es verteidigt, dafür kämpft. Und wenn er die besseren Argumente hat, auch dann dabei bleibt, wenn der Chef die Stirn runzelt. Nur so sind die komplexen Sachaufgaben unserer Tage zu lösen. Chefs sind aufgefordert, ein Klima zu schaffen, in dem diese freie Sachdiskussion jederzeit möglich ist und in der es – fast – kein Tabu gibt.

Aber: Jede Sachdiskussion hat ihren Punkt, an dem sie ins „Persönliche“ umzukippen droht. Beispiel: Es muß nur der Vorgesetzte des Chefs zur Tür hereinkommen und an der Diskussion teilnehmen. Schon kämpft der Chef an zwei Fronten: Stehen rein sachlich alle „seine Leute“ gegen ihn und ist vielleicht seine Stellung im Hause ohnehin angeschlagen, wird die Situation schnell „politisch“ – und plötzlich kann von den Mitarbeitern wieder mehr Anpassungsbereitschaft gefordert sein.

Der erfolgreiche Angestellte vermag auf beiden Klavieren zu spielen – oder auf einem in zwei verschiedenen Tonarten zu glänzen. Das alles ist, bemüht man sich ein bißchen, auch gar nicht so schwer. Schließlich reden wir ja auch mit Stammtisch- und Kegelbrüdern, Freunden, Ehepartnern, Kindern, Nachbarn und Kollegen jeweils stets „zielgruppenorientiert“. Oder etwa nicht?

Ach ja (und bevor ich ggf. daran ersticke): Wenn ein einzelner Arbeitnehmer mit seiner zwangsläufig begrenzten Kenntnis der „Wirtschaft“ den Aussagen in dieser Serie pauschal und absolut einen bestimmten Prozentsatz an Übereinstimmung mit „der Realität“ zuspricht – dann läuft er durchaus Gefahr, mich im Bereich der mir gelegentlich ungerechterweise nachgesagten Arroganz zu übertreffen. Oder kürzer: Nicht einmal loben darf man diesen Autor ungestraft.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1237
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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