Heiko Mell

Heimat, deine Träume

Als langjähriger Leser Ihrer Karriereberatung erspare ich mir den Lobgesang auf Ihre Fähigkeiten, ich denke, Sie wissen, daß Sie wirklich gut sind. Das bedeutet jedoch nicht, daß ich all Ihre Meinungen und Aussagen teile.Insbesondere über Ihre Ausführungen bezüglich der Mobilität bin ich gestolpert.

Sie sind vor einiger Zeit auf die Problematik einer regional beschränkten Arbeitsplatzsuche eingegangen. Wie nicht anders zu erwarten, kann jemand von Ihnen hierfür kein Verständnis erhoffen. Bis zu einem bestimmten Punkt kann ich Ihnen hier auch folgen.

Aber irgendwo haben wir doch alle räumliche Bindungen, die nicht zuletzt aus unserer Kindheit herrühren. Insbesondere Mitmenschen aus ländlichen Gebieten haben nach meiner Erfahrung diese starken Bindungen. Ich selbst stamme aus einem solchen Gebiet und habe diese Erfahrung auch bei Akademikern im meinem Umfeld gemacht.

Unglücklicherweise gibt es gerade in diesen Gebieten wenig qualifizierte Arbeitsplätze und deshalb sind hier Ortswechsel an der Tagesordnung. Was tut also jemand, der in der Fremde seine ersten beruflichen Meriten gesammelt hat und nun in seine Heimat zurückkehren möchte? Er bewirbt sich regional begrenzt. Natürlich wird aufgrund der regionalen Einschränkung die Zahl der potentiellen Arbeitgeber geringer. Aber kann man jemand solche Bestrebungen verübeln?

Was hätten wir von Arbeitnehmern, die „fern der Heimat“ nur um einer Beschäftigung willen, unglücklich wären? Woher sollten sie ihre Motivation nehmen?

Antwort:

„Ich gehe Mammuts jagen“, sagt mein jüngerer, studierender und ab und zu noch zu Hause hereinschauender Sohn nicht ohne Stolz – wenn er loszieht, um sich seinen umfangreichen geldbringenden Nebentätigkeiten zu widmen. Wobei ich Ihnen den Ausspruch zweifelsfrei erklären muß, was ich aber natürlich nur zu gern tue.

Seit vielen Jahren bin ich fasziniert von der Erkenntnis, daß sich – je nach Betrachtungsstandpunkt – eigentlich nur wenig verändert hat seit „früher“. Natürlich, Cäsar hatte noch kein Handy, aber sonst? Beschäftigt man sich mit Zusammenhängen, Hintergründen, mit den Grundlagen von Existenzsicherung, Machtstreben und persönlicher Zufriedenheit der Menschen, erkennt man stets eine verblüffende konstante Linie in der Geschichte. Jedenfalls kommt es mir so vor.

Und dann treibe ich diese Theorie ins Extrem und fange „ganz vorne“ an: In der Steinzeit lebte der Mensch in Höhlen und von der Jagd, z. B. der auf Mammuts. Dieser Teil der Geschichte führte zur eingangs beschriebenen, in unserer Familie inzwischen eingeführten Umschreibung des Erwerbsprozesses mit „Ich gehe Mammuts jagen“.

So weit, so gut – die Mammutjagd ernährte ihren Mann und seine Sippe, erlaubte den Verbleib in der vertrauten heimischen Höhle, und alle waren glücklich (bis auf die Mammuts, vermutlich). Wenn aber die Tiere ihr Revier verließen – warum auch immer -, hatten der Jäger und seine Familie zwei Möglichkeiten: Sie verhungerten am angestammten Platz oder sie zogen dorthin, wo die Mammuts waren. Ein Pochen auf dem Recht, am angestammten Platz zu bleiben, half da wenig – Mammuts können ungeheuer stur sein.

Und ich fürchte, aller Fortschritt hat nicht verhindern können, daß dieses Grundprinzip noch immer gilt. Denn nicht nur Mammuts zogen weiter. Heute ziehen Dienstleister zu ihren Kunden, Zulieferer zu ihren Abnehmern, Produzenten zu ihren Märkten. Wir sprechen von Globalisierung, empfehlen jungen Akademikern den Erwerb von Auslandspraxis – alles nur, damit unsere hochqualifizierten Akademiker lebenslang in ihrer ländlichen Stammregion bleiben?

Zwei Einschränkungen der auch von mir erhobenen Forderung nach Mobilität (=Umzugsbereitschaft) müssen allerdings ganz deutlich herausgestellt werden:

1. Niemand verlangt etwas von Ihnen. Sie können tun und lassen, was immer Ihnen vorschwebt. Auch das hat sich seit Mammutjägerzeiten nicht geändert. Sie dürfen halt nur nicht erst eine ganz spezielle Ausbildung (Studium) absolvieren, dann damit in eine ganz spezielle Region gehen (ob das Ihre Heimat oder die Ihrer Frau Schwiegermutter ist, spielt keine Rolle) und dann von der Gesellschaft fordern: „Ernährt mich hier.“ Solange Sie die Einschränkungen klaglos hinnehmen, die sich zwangsläufig aus der regionalen Unbeweglichkeit ergeben, macht Ihnen ja auch niemand Vorschriften oder Vorwürfe.

2. Immer wieder einmal ins Gedächtnis gerufen sei, daß es hier nicht vorrangig um meine Meinung geht. Ich mache die Regeln nicht, ich informiere darüber, interpretiere sie. Als ganz junger Berater habe ich versucht, die deutsche Industrie glücklich zu machen, z. B. durch die Erteilung kluger, Veränderungen bedingender Ratschläge. Später habe ich gelernt: Sie wünscht nicht, von mir glücklich(er) gemacht zu werden. Noch später wurde mir klar: Auch einzelne Menschen sperren sich gegen – auch gegen gut gemeinte – Ratschläge, solange sie eben können. Halten Sie also bitte Berater nicht für den Traumberuf schlechthin, das nur einmal am Rande.

 

So, und nachdem ich in einer Rubrik „Karriereberatung“ ambitionierten Akademikern Ratschläge gebe, wie sie im Rahmen des nun einmal geltenden Regelwerks ihre Pläne im Hinblick auf individuellen beruflichen Fortschritt am besten realisieren können, formuliere ich: Mobilität ist ein wichtiger Karrierebaustein. Ich sage nicht: Alle Leser dieser Zeitung müssen alle paar Jahre umziehen.

Sie schaden mit einer Mobilitätsverweigerung ja weniger mir, sondern sich selbst. Und darauf erlaube ich mir hinzuweisen. Natürlich gilt: Sie setzen die Prioritäten. Und natürlich darf – freier Mensch im freien Land – für Sie ein bestimmter Wohnsitz wichtiger sein als Karriere. Dann müssen Sie aber auch mit den deutlich eingeschränkten Möglichkeiten vorlieb nehmen, die sich im beruflichen Bereich daraus ergeben.

Was grundsätzlich zu diesem Komplex gehört, wissen Sie: geringere Auswahl von Positionen, geringere Chancen schlechthin. Zu wenig bedacht werden aber diese zusätzlichen Aspekte:

– Wenn eines Tages sachliche Gründe für einen weiteren Wechsel sprechen, ist für den regional gebundenen Mitarbeiter die Durchführung schwierig – aus den bekannten Gründen. Also bleibt er zu lange beim „alten“ Arbeitgeber, erleidet dort irgendwelche Nachteile oder verpaßt den Anschluß an die Beförderungen, die im Rahmen einer konstruktiven Laufbahnplanung erforderlich wären.

– Steht ihm eines Tages beruflich das Wasser „bis zum Hals“ und gibt es regional schlicht keine Alternativen, dann könnte der bisher nicht mobile Bewerber versucht sein, nun doch noch sein Heil auf dem überregionalen Arbeitsmarkt zu suchen. Sehen „auswärtige“ Bewerbungsempfänger dann aber aus dem Lebenslauf und den Zeugnissen von der Geburt bis heute stets dieselbe Region („Postleitzahlsyndrom“), dann werden sie sehr zurückhaltend reagieren. Von „der zieht ja doch nie um“ bis „er zeigt uns ja, daß wir für ihn regional nur III. Wahl sind, nachher bekommt er hier bloß Heimweh“, reichen dann mögliche Reaktionen.

 

Fazit: Das moderne Unternehmen braucht zwingend mobile Arbeitskräfte, zumindest im Bereich beruflich ambitionierter Akademiker. Ohne die Bereitschaft zur Mobilität ist eine Karriere praktisch nicht mehr zu gestalten.

Warum hochqualifizierte Menschen beim Arbeiten und Leben in heimatfernen Regionen zwangsläufig unglücklich werden sollten, bleibt mir und vielen anderen unbegreiflich. Sicher, ich möchte auch nicht an jeden Ort gehen. Aber nur an einen? „Den Wohnort bestimmt der Beruf“ – das ist nicht die schlechteste Kurzformel.

Eine etwas ketzerische These dazu: Man kann es drehen und wenden wie man will – das Ausschöpfen des vollen beruflichen Erfolgspotentials eines akademischen Studiums ist bei (Industrie-)Angestellten nur in Verbindung mit Mobilität möglich. An dieser Aussage ist nicht zu rütteln; einzelne Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Und der Trend wird sich verstärken! Wenn man also rechtzeitig „vorher“ weiß, daß man nur am Heimatort, noch dazu in ländlicher Region leben und arbeiten will – wäre dann nicht eine ganz andere, besser dazu passende Ausbildung vorteilhafter?

Aber noch einmal: Sie müssen gar nichts. Sie dürfen Ihr Leben so gestalten wie Sie wollen. Aber, gleiches Recht für alle, spätere Bewerbungsempfänger dürfen Ihre beruflich relevanten Handlungen auch so bewerten wie sie wollen. Wenn Sie sich für die Laufbahn eines „abhängig Beschäftigten“ (offizielle Definition des Angestellten) entscheiden, sollten Sie das einplanen. „Abhängigkeit“ (und außer reichem Erben und Lottogewinn weiß ich keine Alternative dazu) ist immer mit dem Ausrichten nach dem stärkeren Partner verbunden.

Kurzantwort:

Die Wirtschaft denkt, plant und handelt zunehmend global. Dazu passen keine akademisch gebildeten Angestellten, die einerseits Karriereambitionen haben, sich aber andererseits um keinen Preis von einem bestimmten Ort wegorientieren wollen. Kürzer: Karriere setzt Mobilität voraus, zwingend.

Frage-Nr.: 1227
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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