Heiko Mell

Duckmäusertum und shareholders value

Frage: Mit der Frage 1.196 stellt ein Mitglied einer wirklich freien – und auch toleranten – Gesellschaft, nämlich der der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1997, die Frage, wie wohl ein potentieller Arbeitgeber auf den geplanten Kirchenaustritt des Fragenden reagieren wird. Ein wirklich schönes Beispiel für vorbeugendes Duckmäusertum!

In endlosen, Jahrzehnte währenden Diskussionen haben wir unserer Elterngeneration (ich bin Jahrgang 1938) mangelnde Zivilcourage im Dritten Reich vorgeworfen, dasselbe natürlich den Brüdern und Schwestern in der ex-DDR bezüglich des realen Sozialismus. Wer von uns hätte sich nicht für sich selbst vorgenommen: Ich werde mich anders verhalten!

Doch dank Frage 1.196 erkenne ich: Niemand würde sich anders verhalten! Als Kriterien für das Erklimmen von Karriereleitern aller Art werden wohl immer und in allen politischen Systemen vorbeugender Gehorsam, Bereitschaft zum Anpassen und Unterwürfigkeit weit über das von der Sache her Erforderliche als Voraussetzung angesehen. In diesem Sinne gibt der Frager zu schönsten Hoffnungen Anlaß.

Leider sind die Eigenschaften, Karriere zu machen und eine leitende Position zu erringen, ganz andere als die, welche benötigt werden, diese Position erfolgreich, nicht nur im Sinne von shareholders value, auszufüllen.(gez. Prof. Dr.-Ing. …)

Antwort:

Sie sind nicht fair! Und Sie wissen es oder Sie werden es einsehen – und wie ich Sie einschätze, werden Sie es auch eingestehen (Sie dürfen ein bißchen lächeln beim Zähneknirschen oder umgekehrt, wie Sie wollen).

Selbstverständlich muß ich das begründen. Aber ich muß es nicht jetzt schon, Spannung ist ein erlaubtes Gestaltungselement. Außerdem ist das eine hübsche Denksportaufgabe insbesondere für jüngere Leser, die oft so auftreten, als könne ihnen eine kleine Lektion in taktisch geschicktem Argumentieren nicht schaden. Wer also sieht den Anlaß für meinen spontanen Ausruf?

Bis dahin widme ich mich einer ernsteren Thematik: Ihren früheren Optimismus in Sachen „eigenes Verhalten unter Diktatoren und in ähnlich ausgerichteten Machtstrukturen“ habe ich nie geteilt. Weder in bezug auf andere Menschen, noch auf mich selbst. Die Ausgangsbasis für die Entstehung des Dritten Reiches ist für später geborene Menschen, ich denke auch an die jüngeren Leser, oft recht schwer nachvollziehbar. Aber ich bin als Flüchtlingskind in der ehemaligen SBZ und späteren DDR aufgewachsen, habe das System heranreifen sehen und hatte nie einen Zweifel: Hätte man der Roten Armee den Westteil Deutschlands zugeteilt, dann hätte eine entsprechende Entwicklung eben im Westen eingesetzt. Ich durfte damals rechtzeitig ausreisen (mit 15 Jahren), würde es aber heute nicht wagen, mir unter anderen Umständen einen Platz beim potentiellen aktiven Widerstand zuzuweisen.

Aber das ist für diese Rubrik schon eine recht weit über den Kern unseres Anliegens hinausgehende Diskussion, schließen wir die lieber ab.

Nicht fair, nun komme ich darauf zurück, waren Sie gegenüber dem Fragesteller mit dem Kirchenaustritt. Hier haben Sie einfach diesem jungen Mann zu viel an Verantwortung für die vermeintlichen Übel dieser Welt zugeschrieben: „Wer … hätte sich nicht … vorgenommen: Ich würde mich anders verhalten! Doch dank Frage 1.196 erkenne ich: Niemand würde sich anders verhalten!“ Das, geehrter Einsender, kann man von einem Mann Ihres wissenschaftlichen Kalibers nicht hinnehmen (wenn Sie es ironisch gemeint hatten, wird dieser Aspekt für viele Leser sicher nicht deutlich genug).

Diese eine Frage kann schlicht nicht Basis Ihrer erwähnten Erkenntnis sein, letztere ist ja doch wohl Ergebnis eines längeren Reifeprozesses Ihrer Gedanken. Schärfer formuliert: Eine für ein ganzes Volk geltende „Erkenntnis“, die nur auf einer einzigen Frage beruht, welche ein unbekannter Leser in der Zeitung stellt, würde nicht sehr wertvoll sein.

Schließlich kann ich Ihre Definition von „vorbeugendem Duckmäusertum“ nicht akzeptieren. Wie immer man das definieren will: In jedem Fall gehört dazu der völlige Verzicht auf die Äußerung der eigenen Meinung oder gar auf selbstbestimmte Handlungen, wenn auch bloß der Verdacht besteht, man könnte „höheren Ortes“ daran Anstoß nehmen. Das aber war an keiner Stelle Gegenstand von Frage und/oder Antwort Nr. 1.196!

Der Einsender hat nirgends deutlich gemacht, beim geringsten Stirnrunzeln eines Chefs werde er von seinem Vorhaben lassen. Ich habe ihm das auch keinesfalls empfohlen („Wenn Sie eine fundierte Überzeugung haben, stehen Sie dazu.“).

Er hat hingegen etwas besonders Vernünftiges getan, das in einer Karriereberatung zur Nachahmung nur empfohlen werden kann: Er hat gefragt, bevor er sich auf unbekanntes Terrain hinauswagte. Informationen sind alles – man muß wissen, was „da draußen“ eventuell an Minen vergraben ist, mit welchen gegnerischen Reaktionen gerechnet werden muß (gilt für militärische wie für sportliche Verhältnisse).

Mir ist dabei der konkrete Inhalt jener ursprünglichen Frage gar nicht so wichtig. Mag auch ruhig einmal etwas Überflüssiges, ja von mir aus Unsinniges gefragt werden. Aber wenn man seit mehr als 25 Jahren in Vorstellungs- und Karriereberatungsgesprächen gezwungen ist, Gründe für das persönliche Scheitern und andere Katastrophen zu erforschen – dann ist man extrem dankbar, sollte sich ein „Fragen vor dem Handeln“ irgendwann durchsetzen. Denn, da wird mir jeder Fachmann zustimmen, das spontane, von keinem Blick für etwaige Konsequenzen getrübte Tun ist so verbreitet, daß es nun wirklich nicht gefördert werden muß.

Erlauben Sie mir bitte, daß ich mich auf den Kern Ihrer Äußerungen konzentriere. Ich halte Ihren letzten Satz dafür:Sie meinen damit, für das erfolgreiche Ausfüllen einer Position als angestellter (= abhängig beschäftigter) Manager seien Eigenschaften des Typs X erforderlich. Leider setze das System fälschlicherweise für den Weg in die leitenden Positionen Eigenschaften des Typs Y voraus. Und damit säßen schließlich überwiegend Y-Leute auf Positionen, die eigentlich X erforderten. Unterstellen wir einmal die Y-Eigenschaften als bekannt (sie sind hier ausnahmsweise nicht so wichtig). Dann lautet das Problem schlicht: Wie ist X zu definieren – vor allem aber, wer darf es definieren?“Nicht nur im Sinne von shareholders value“, sagen Sie.

Also wohl nicht vorrangig in Wahrung der wirtschaftlichen Interessen der Anteilseigner der Unternehmen. Genau auf dem Prinzip aber ist unser System vor allem anderen aufgebaut. Jedes Unternehmen hat Eigentümer. In einem weitgesteckten Rahmen dürfen diese mit dem Unternehmen im Rahmen ihrer Vorstellungen umgehen. Sie können es verkaufen, sie können fusionieren, investieren, sie können die Produktion verlagern, frisches Geld einbringen, wenn das alte verbraucht ist, sie können Personal einstellen oder abbauen, die Firma liquidieren, ganze Führungsebenen streichen oder neue Führungsprinzipien einführen. Sie können dabei Unsinniges tun, Geniales oder auch Falsches, rational handeln oder emotional. Aber das Prinzip, nach dem sie das dürfen, ist als starke Säule in unserer Gesellschaftsordnung verankert. Andere, damit eventuell konkurrierende Prinzipien wie etwa „Eigentum verpflichtet“ sind demgegenüber in der Praxis schwächer, schwammiger definiert, auf dem Rechtswege schwerer durchzusetzen (das mag ein Verfassungsrechtler differenzierter sehen, in der Praxis jedoch stellt es sich so dar).

Wir können diese Regelung kritisieren, angreifen, uns eine bessere wünschen. Aber das, diese Selbstbeschränkung besteht, würde den Rahmen dieser Serie sprengen. Hier muß die Feststellung reichen: Dieses System existiert, wir informieren darüber, wie es funktioniert und wie jemand, der nach freiem Entschluß in und von ihm erfolgreich leben will, am besten damit umgeht.

Kein Fachmann wird Ihnen das Eingeständnis verweigern: Das System hat uns zwar bisher ganz gut ernährt und einen beispiellosen Aufstieg aus Kriegstrümmern ermöglicht. Aber es ist höchst unvollkommen. Im Vertrauen: Alle Profis wundern sich, daß es überhaupt immer wieder irgendwie funktioniert.

Es ist ähnlich wie mit der Demokratie: Jeder sieht ihre Unvollkommenheiten, erkennt aber auch die Erfolge dieses Systems an. Und jede schnell in die Diskussion geworfene Veränderungsidee hat erkennbare oder mögliche Konsequenzen, die Zurückhaltung angesagt sein lassen.

Es ist also heute das unbestrittene – und, solange man keine Systemveränderung predigt, auch das unbestreitbare – Recht der Anteilseigner, die Eigenschaften zu definieren, die zur Führung ihrer Unternehmen erforderlich sind. Bei dieser Definition werden Fehler gemacht, aber grundsätzlich wissen die Shareholder schon, was gut für ihre Interessen ist.

Und die so gefundenen und eingesetzten Führungskräfte haben dann „zum Wohle des Unternehmens“ zu arbeiten – interpretiere ich Sie richtig? Das jedoch ist der zentrale Denkfehler, der hinter Aussagen wie Ihrer steckt. Ginge es um das Wohl des Unternehmens, hätten Sie mit viel größerer Wahrscheinlichkeit recht. Aber es geht nur sehr mittelbar darum!Unternehmen leben vor allem vom eingesetzten Kapital ihrer Eigentümer (natürlich auch vom Engagement und Können ihrer Mitarbeiter, aber ohne Geld ist die Pleite sicher, ohne gute Leute ist sie nur wahrscheinlich). Niemand jedoch steckt erhebliche Mittel in etwas, damit „es“ gut funktioniert, ein Eigenleben entwickelt, als eigenständige Konstruktion blüht, wächst und gedeiht.

Konkret: Die Gesellschafter der Firma ABC haben nicht vorrangig Anteile des Unternehmens erworben, damit es diesem gut geht. Sie kaufen sie hingegen, weil sie sich etwas davon versprechen – für sich. Oh, das langfristige Wohlergehen der ABC kann durchaus ein temporäres Teilziel des Gesellschafterinteresses sein, ist aber eigentlich stets nur Mittel zum Zweck. Letzterer ist das jeweilige Eigeninteresse der Investoren.

Und damit lautet die tägliche Standardfrage der Führungskräfte nicht vorrangig: „Was ist gut für das Unternehmen?“, sondern: „Was ist gut für die Interessen unserer Eigentümer?“ Das kann deckungsgleich sein, muß es aber absolut nicht (noch einmal: dies ist schlicht der Versuch einer Zustandsbeschreibung, um den in diesem „Zustand“ Tätigen maximale Orientierungshilfe zu geben).Ein kleines Beispiel: Ein Gesellschafter hält 51 % der Anteile eines Unternehmens. Damit beherrscht er es recht umfassend – nichts kann gegen seinen Willen geschehen. Ausgelöst durch Veränderungen in der Branche (oder durch einen anderen Faktor) wäre es für die langfristige Entwicklung des Unternehmens sinnvoll, stark in eine neue Technologie zu investieren, einem schwachen Mitbewerber Marktanteile abzunehmen o. ä. Das dafür erforderliche Geld hat das Unternehmen nicht. Bankkredite rechnen sich nicht oder die damit verbundenen Auflagen gelten als unannehmbar. Also müßte das Eigenkapital erhöht werden. Dieser Gesellschafter kann die Mittel selbst jedoch nicht aufbringen. Bliebe z. B. die Börse. Aber bei einer Erhöhung des Eigenkapitals würde sein Anteil auf deutlich unter 50 % rutschen – er verlöre die Kontrolle. Führungskräfte des Hauses, die in dieser Situation in Sorge um das „Wohl des Unternehmens“ vehement die Kapitalerhöhung fordern – könnten erheblichen Ärger bekommen. Das Recht, sie zu feuern, haben letztlich die jeweils vorhandenen Eigentümer. Formal delegieren sie das an die Unternehmensleitung – die jedoch niemals ungestraft gegen Shareholder-Interessen handeln darf (und den Eigentümern gegenüber selbst Angestellten-Status hat). Diese Kette setzt sich nach unten hin fort.Von den immer und jederzeit einzukalkulierenden menschlichen Unzulänglichkeiten abgesehen, wird also die Besetzung der Führungspositionen im Sinne der in erster Linie maßgeblichen Eigentümerinteressen relativ gut gelöst (wenn nicht, hätten die Shareholder wenig Mitleid verdient; sie haben Macht, sie haben Geld, warum also sollten sie nicht bekommen, was sie wollen?) Der Faktor X also ist durchaus als „systemkonform“ abzuhaken. Das Wohl des Unternehmens klammern wir aus, weil es dafür keinen absoluten, sondern nur einen subjektiven Eigentümer-Maßstab gibt. Damit entfällt die Basis für Ihren letzten Satz.

Das mag überspitzt sein, letztlich auch nicht alle Aspekte dieses komplexen Themas abdecken; andererseits ist es nach meinem besten Wissen und Gewissen nicht falsch. In jedem Fall beruhen die Regeln in der Praxis auf entsprechenden Gegebenheiten (bei denen es keine Rolle spielt, ob ich sie gut finde).

Wenn aber X im Sinne unseres Systems geregelt wird, dann dürfen Sie ganz sicher sein, ist es „automatisch“ auch Y. Es paßt schon alles zusammen, ob Sie das zufriedener macht, ist eine andere Frage.

Ich nehme mir bewußt so viel Raum für Ihr Thema. Als Hochschullehrer bilden und formen Sie u. a. junge Menschen. Dabei geben Sie dann auch Ihre kritischen Beurteilungen weiter. Wenn es Argumente dagegen gibt, müssen diese zumindest gesagt sein dürfen. Das immerhin habe ich hier öffentlich versucht (die Detailausführungen dienen, das haben Sie sicher unterstellt, nicht Ihrer Belehrung, sondern der Information insbesondere vieler jüngerer Menschen, die uns lesen).

Kurzantwort:

Die so häufig unterstellte Verpflichtung der Führungskräfte, vor allem zum Wohle des Unternehmens nach objektiven Maßstäben tätig zu sein, gibt es in dieser Form eigentlich gar nicht. Ziel der Tätigkeit ist eher die Wahrung der Interessen der Eigentümer, die das „Wohl des Unternehmens“ frei definieren – oder ganz darauf verzichten können. Das war schon so, bevor wir das Prinzip „shareholders value“ nannten.

Frage-Nr.: 1206
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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