Heiko Mell

Studenten sollten sich über ihre Berufswelt informieren

1. Daß es tatsächlich Studenten gibt, die sich überhaupt nicht für ihre spätere Berufswelt interessieren, ist in hohem Maße bedenklich. Fest steht: Wer sich rechtzeitig informiert und sich auf Gefordertes einstellt, ist beim Praxiseinstieg absolut im Vorteil, hat eindeutig die besseren Chancen.

2. Als These: Gäbe es mehr mit den „Spielregeln“ vertraute Berufsanfänger, gäbe es auch mehr Anfänger-Stellen Angebot schafft (auch) Nachfrage.

(der Brief kommt von einem FH-Professor): Ihre Karriereberatung ist für mich als langjähriger Beobachter ein hervorragender Wirtschafts- und Sozialspiegel. Für Berufsanfänger DIE Hilfe, wo`s wie langgeht und für die Erfahrenen das Fenster nach draußen.
Ihre klare Analyse insbesondere schwieriger Fälle, die intensive Nachhilfe im positiven Denken müßte vor allem Berufsanfänger ansprechen, ist doch das Berufsleben kurz und sind die Konsequenzen zu hart, um viele wichtige Erfahrungen selbst zu sammeln; doch zeigt sich in der Praxis eher Ablehnung.

Meine Jahre als Lehrbeauftragter und nun als Professor bestätigen die Erfahrungen des Kollegen (niedergelegt in einer kürzlich erschienenen Ausgabe), daß nur ein kleiner Teil unserer Ingenieur-Absolventen wohlinformiert ist, während die Mehrheit recht unvorbereitet sich bewirbt und auch nach viel zerbrochenem Porzellan eher Systemkritik übt als eigene Fehler zu analysieren.
So hat man hier zusammen mit dem Arbeitsamt und der IHK ein eintägiges Bewerbungsseminar für unsere FH-Absolventen eingerichtet, das gut angenommen wird, obwohl es wegen seiner Kürze nicht viel hilft. Längere Veranstaltungen, die mehr fordern, werden regelmäßig abgelehnt oder sehr schwach besucht. Wertvolle Hinweise zu Beginn des Hauptstudiums, wie man über das Praxissemester und die Diplomarbeit den Berufseinstieg vorbereitet, wurden im allgemeinen wohlwollend aufgenommen, aber auch zu wenig umgesetzt.

Was schlagen Sie vor, um den Kreis derer, denen man mehr bieten kann (von denen man aber auch mehr fordert) zu vergrößern? Je mehr Jungingenieure qualifiziert anfangen, desto mehr Erfolg für alle.

Antwort:

Das Problem ist unbestreitbar vorhanden. Ein Beispiel: Mir liegen gerade Zahlen vor, die aus der Einstellaktion eines mittelständischen Unternehmens stammen. Dort hatte man Jungingenieure für ein Traineeprogramm gesucht. Das Resultat: ca. 300 Bewerbungen, ca. 30 Einladungen. 10 % der Bewerbungen also sahen nach sachlichem Inhalt und Aufbau/Argumentation so aus als könnten die Absender zu den Anforderungen passen. Das läßt sich auch anders formulieren: Bei 90 % sahen nicht einmal die Unterlagen so aus als würden die Kandidaten mit dem Anforderungsprofil übereinstimmen!

Nun gehen wir einmal davon aus, auch bei diesen 90 % seien Absolventen darunter, die sich beim Aufbau des Studiums, bei der Ablegung der Prüfungen und bei der Bewerbung um die Befolgung der zumindest in dieser Serie hinreichend deutlich dargestellten „Spielregeln“ bemühten, deren Fähigkeiten aber nicht ausreichten oder die schlicht Pech hatten. Wie hoch sollen wir den Prozentsatz ansetzen?Seien wir großzügig, nehmen wir 20 % an. Dann müssen wir noch Raum lassen für angenommene weitere 20 %, die sich beworben haben, ohne eigentlich diese Jobs zu wollen. „Eigentlich“ möchten die ganz etwas anderes tun, da sie dort aber nicht ankommen, probieren sie es lustlos auf anderen Feldern, passen dort aber nicht hin.

Bleiben ca. 50 %, die vermutlich nicht vom ersten Studientag an (fast) alles getan haben, um später ein „Produkt“ anbieten zu können, das der Markt auch will. Ich werde nicht müde zu sagen, daß letzteres in unserer Wirtschaftsordnung der wichtigste Maßstab für jede Art von Beurteilung ist.

Betriebswirtschaftlich, also aus der Sicht der einzelnen Unternehmen betrachtet, ist das alles nicht so schlimm. „Na gut“, sagen die Arbeitgeber, „schön, daß wir die Spreu so leicht vom Weizen unterscheiden können wir wählen also aus den 10 % aus, in Fällen erhöhten Bedarfs gehen wir zusätzlich in eine der beiden 20 %-Gruppen hinein. Und der Rest ist nicht unser Bier. Da hat dann wohl jemand mehr Leute zum Studium überredet als es sinnvoll war. Aber das betrifft uns zunächst nicht wir haben unseren Bedarf befriedigt, für alles andere sind wir nicht zuständig.

„Die volkswirtschaftliche Betrachtung sieht anders aus: Niemand kann den ungeheuren Aufwand für Studien gleichgültig hinnehmen, wenn ein so hoher Prozentsatz der Bemühungen „am Markt vorbei“ geht. Das ist ja auch im Interesse der Betroffenen kein akzeptabler Zustand. Wenn viele von ihnen durch die erwähnte Verweigerungshaltung auch durchaus erhebliche Mitschuld tragen an ihrer Misere, so kann das Maß an zwangsläufig folgenden Frustrationen niemanden gleichgültig lassen, der über den Tellerrand hinausblickt.

Natürlich gibt es auch noch dieses Argument: Lohnt sich das Ringen um größere Akzeptanz der Spielregeln überhaupt? Es gibt einfach nicht genügend Jobs, X % würden sich in jedem Fall vergeblich bewerben. Darauf gibt es zwei Antworten: Erstens gibt es ja in jedem Fall Anfängerjobs, wenn auch nur eine begrenzte Zahl. Und es ist unbestreitbar interessanter für den einzelnen Bewerber, zum interessanten Kreis dazuzugehören, eingeladen zu werden, seine Persönlichkeit im Gespräch in die Waagschale werfen zu können als von Anfang an keine Chance gehabt zu haben.Zweitens schafft in einer Marktwirtschaft das Angebot auch eine Nachfrage. Ich behaupte, daß zumindest mittelfristig Firmen mehr Anfänger einstellen würden, gäbe es nur mehr besser geeignete.

So aber meiden viele potentielle Arbeitgeber den frustrierenden Umgang mit Bewerbungsstapeln, „in denen man die paar interessanten Leute suchen muß wie die Stecknadeln im Heuhaufen; dann sind die Absolventen z. T. schwierig im Gespräch, fordern viel und bieten wenig, dann benehmen sie sich vor und nach der Vertragsunterzeichnung so, daß man es als `anstrengend` einstufen muß und dann sind sie in den ersten sechs, zwölf, achtzehn Monaten der Tätigkeit auch noch für Überraschungen gut. Hat man dann endlich einem über alle diese Hürden hinweggeholfen, geht der viel zu früh wieder, weil ihm dieses und jenes nicht paßt. Nein, es ist leichter für uns, nach Leuten mit zwei Jahren Praxis zu suchen, als uns den ganzen Ärger mit Anfängern aufzuhalsen.“So weit das Problem, nun zur Lösung im Sinne Ihrer Frage. Vorab das Eingeständnis, daß ich keine habe, die als „Patent“ durchgehen könnte.

Wir haben es mit dem Zeitgeist zu tun. Eltern, Lehrer, Medien und sonstige Öffentlichkeit haben so lange gepredigt, „Systemkritik ist schick“, daß die Resultate eigentlich nicht überraschen dürfen. „Die Gesellschaft trägt die Schuld“ und konsequent bis zur Neige „die Gesellschaft soll auch mein Problem lösen“, das ist doch ein Fanal, mit dem schlichte Regeln wie „Plane dein Studium auch marktgerecht“ nicht mithalten können. Auch wenn ihre Befolgung extrem hilfreich wäre.

Da fällt mir ein, vielleicht ist ja mit einer Definitionskapriole etwas zu machen. Wenn die Gesellschaft das Problem lösen soll, dann tut sie es eben. Also: Die Gesellschaft, vertreten durch diese Zeitung, diese vertreten durch mich, tritt zur Lösung an. Sie, die Gesellschaft, sagt, was wie zu tun ist. Man braucht das nur noch nachzuvollziehen. Das ist machbar, viele schaffen es, gelegentlich stehen Beispiele hier an dieser Stelle. Zumindest, das müssen auch ärgste Kritiker zugeben, macht niemand eine Geheimwissenschaft aus diesem Thema. Offener als hier kann der Weg zum Erfolg nicht dargestellt werden.

Den jedoch, den Erfolg, muß man allerdings noch persönlich wollen. Aber das sollte selbstverständlich sein warum würde man sonst überhaupt studieren?Manches an dieser Diskussion erinnert mich an das Kind, das da sagte: „Meine Mutter hat selbst schuld, wenn mir die Hände erfrieren. Sie hätte mir ja Handschuhe anziehen können.“

So, damit nun sind meine Möglichkeiten erschöpft. Sonst nähere ich mich dem Bild eines Pfarrers, der ständig gegenüber den „kirchgängigen“ Gemeindemitgliedern darüber schimpft, daß die anderen nicht kommen. Schließlich kann ich hier schreiben, was und wie ich will jemanden, der sich entschlossen hat, diese Thematik zu ignorieren, erreiche ich nicht.

Also, geehrter Einsender, bleibt das Öffnen der Zugangstür zu den Betroffenen, die erst die Existenz des Problems akzeptieren und dann die auf dem Tablett angebotene Lösung wollen müssen, anderen Menschen vorbehalten. Menschen, die anderweitig Zugang zu dem angesprochenen Personenkreis haben, deren Wort dort gehört wird.

Und da fällt mir niemand ein, der geeigneter wäre als Sie und Ihre Kollegen an den verschiedenen Hochschulen. Sie können immer wieder einmal darauf hinweisen, daß es ein solches Problem gibt, daß man sich darum kümmern muß und daß Lösungshilfe durchaus angeboten, ja ins Haus getragen wird.

Sie sollen nicht das „Geschäft der Industrie“ besorgen und Ihre Studenten etwa stromlinienförmig auf deren Bedarf ausrichten. Das verlangt in dieser Form niemand. Außerdem sind die einzelnen Betriebe ja durchaus bereit, mit dem status quo zu leben, siehe „betriebswirtschaftliche Betrachtung“. Sie sollen nur versuchen, den Ihnen anvertrauten jungen Menschen in deren Interesse und aus volkswirtschaftlichen Überlegungen heraus Lösungswege für Probleme aufzuzeigen, die schließlich existenzbedrohend sind.In diesem Sinne bin ich Arzt. Ich kann fast jedem helfen, der rechtzeitig aus freiem Willen zu mir kommt, weil er gar nicht erst krank werden will.

Aber ich kann nicht mehr jede fortgeschrittene Krankheit heilen.

Sehen Sie, manchmal kann man auf „Nebenkriegsschauplätze“ ausweichen, wenn man etwas erreichen will. In diesem Rahmen können Sie und Ihre Kollegen etwas tun, ohne gleich den großen „Argumentationshammer“ in Sachen „Vorsicht mit der puren Kritik an einem System, das euch ernähren soll“ zu schwingen. Begeben wir uns auf ein höchst unpolitisches Terrain:

Mir fällt auf, daß Studenten ihre Tätigkeiten und Aktionen fast ausschließlich strikt hintereinander abwickeln. „Jetzt arbeite ich an meiner Diplomarbeit. Wenn ich damit fertig bin, bewerbe ich mich.“ Das gilt sinngemäß auch für andere Situationen. „Jetzt arbeite ich für die Mechanik-II-Klausur, dann kümmere ich mich um den XY-Schein. Um Bewerbungsfragen kümmere ich mich jetzt überhaupt nicht, weder Vorträge noch Zeitungsartikel finden derzeit Gnade vor meinen Augen. Alles hübsch nacheinander!“

Selbst erlebter Höhepunkt: Anruf eines Vaters beim Inserenten eines Stellenangebotes. Im Auftrag des Sohnes. Letzterer kann gerade nicht selbst telefonieren. Er lernt z.Z. für eine Prüfung.

Das ist lebensfremd! In der beruflichen Praxis hat der so vorgeprägte Ex-Student große Probleme zu erwarten. So 5 bis 10 Fälle, Projekte oder Aufgaben hat der Standard-Berufstätige stets gleichzeitig auf dem Schreibtisch. Und im Hintergrund droht der Chef mit überraschend hereinplatzenden Sonderaufgaben, die auch noch erledigt werden müssen. Also arbeitet man parallel mit Schwerpunkten, die häufig während eines einzigen Arbeitstages wechseln.

Wenn Sie, geehrter Einsender, gemeinsam mit Ihren Kollegen diese völlig praxisferne Denkhaltung bekämpfen, wo Sie können, leisten Sie auch bereits einen wichtigen Beitrag. Denn schon im Bewerbungsprozeß (während der Klausuren oder der Diplomarbeit) ist diese Arbeitstechnik gefragt, später ohnehin.

Vor einiger Zeit lernte ich einen engagierten, an seiner Institution durchaus einflußreichen Hochschullehrer kennen. Der war ganz begeistert von meiner Arbeit in diesem Bereich und beschloß spontan, irgendwie Vorträge o. ä. über dieses Thema vor seinen Studenten zu organisieren. Nach einigen Wochen kam er etwas frustriert an und meinte betreten, es ginge leider nicht. Es gäbe einfach keinen Zeitpunkt, ab dem sich das Vorhaben realisieren ließe. Teils seien die Studenten noch mit Prüfungsvorbereitungen beschäftigt, dann säßen sie schon wieder an der Diplomarbeit, in den Phasen davor und danach beträten sie die Hochschule nicht. Es gäbe also leider kein fundiertes Interesse auf Studentenseite, bedingt durch Sachzwänge. Ich hätte die Veranstaltung einer Disco anbieten sollen, denke ich heute ….Damit hier auch einmal etwas Kreatives steht: Wie wäre es mit einem Vorlesungsfach mit Klausurpflicht? Nur, um Menschen ein bißchen zu ihrem Glück zu zwingen?

Das gefällt Ihnen nicht? Nun, begeistert bin ich auch nicht. Dann bleibt es also bei den 90 %-Auswahlresultaten. Und bei der Abneigung der Industrie gegen die „schwierigen“ Berufsanfänger sowie bei der Bevorzugung der Bewerber mit zwei bis drei Jahren Praxis. Wie gesagt, die Unternehmen kommen durchaus damit zurecht. Sie sind ebenso wie ich weit entfernt davon, Menschen gegen ihren Willen glücklich machen zu wollen.

Wie interessiert man Studenten für ihre ureigenen Interessen?

 

Frage-Nr.: 1181
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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