Heiko Mell

Ist Chaos Industriestandard?

Sie schreiben in Ihrer Antwort auf eine frühere Frage (1.118) so locker, daß Chaos dieser Art zum großen Teil Industriestandard sei. Dabei vermisse ich das Wort leider!!!

Ferner schreiben Sie, der Fragesteller solle nicht zu hohe Anforderungen an andere Menschen stellen, sondern Karriere und dann als Chef alles besser machen. Ich halte es für selbstverständlich, daß der Chef stets versucht, für den Kunden, die Firma und seine Mitarbeiter optimal zu handeln und Perspektiven für die Zukunft aufzuzeigen, was leider häufig nicht der Fall ist.

Wenn Sie diesen Ist-Zustand als Industriestandard definieren, so muß ich Ihnen auf das schärfste widersprechen.

Antwort:

Ich habe Ihren Brief hier etwas gekürzt. Es kamen auch noch die Gewerkschaften darin vor, „die auch noch nichts begriffen haben“. Bei einem ausführlichen Zitat hätte ich das zusätzlich kommentieren müssen. Eine Meinung dazu würde ich durchaus zustande bringen, andererseits habe ich auch so schon Gegner genug.

In jenem früheren Beitrag übrigens ging es um den Mitarbeiter eines Unternehmens, der sich wunderte. Z. B. über die Tatsache, daß die Details einer anstehenden Umstrukturierung der Abteilung aus einer Stellenanzeige des Arbeitgebers abzulesen waren, bevor man alle Kollegen über Einzelheiten offiziell informiert hatte.

Dieses Chaos (dieser Ist-Zustand) sei Industriestandard, beruhigte ich den noch jungen Fragesteller damals. Soviel zur Vorgeschichte.

Sie, geehrter Einsender, vermissen mein „leider“ dabei. Wissen Sie, wenn ich in den mehr als zwölf Jahren, die ich allein hier schon schreibe, im Bedarfsfall stets „leider“ gesagt hätte, dann wäre einiges zusammengekommen. Die Welt, so habe ich gelernt, gibt wenig darauf, wie ich sie finde. Aber ich kann relativ viel bewirken, wenn ich den Menschen erläutere, wie sie in Teilbereichen funktioniert. Von mir aus auch „leider“ in sehr vielen Fällen.

Zu Ihrem letzten abgedruckten Satz. Es scheint mir vorrangig darum zu gehen, was „Standard“ bedeutet. Der Fremdwörterduden gibt dazu u. a. an „Durchschnittsbeschaffenheit“. Und die hatte ich gemeint im Sinne von „ist nun einmal so“ und „gewöhnen Sie sich daran“. Sie jedoch unterstellen mir, ich hätte „Chaos dieser Art“ als anzustrebende Norm gemeint. Habe ich natürlich nicht.

Aber eine gehörige Portion von „völligem Durcheinander“ ist schon an der Tagesordnung im beruflichen Alltag. Im Grunde, so scheint es mir mitunter, ist es ein Wunder, daß gelegentlich doch noch etwas dabei herauskommt. Und das meine ich völlig ernst.

Man könnte es auf die Menschen zurückführen, die stark daran beteiligt sind. Aber nicht einmal das erklärt es zufriedenstellend. Zum täglichen Chaos gehört auch, daß der nagelneue Computer plötzlich keine Befehle mehr annimmt, später aber doch wieder, daß plötzlich für eine halbe Stunde der Strom ausfällt und erst dabei deutlich wird, daß nun alle externen Gespräche auf meinem Apparat ankommen, daß das elektrische Heckscheibenrollo meines Autos oft funktioniert, aber nicht, wenn die Sonne draufscheint. Andererseits: auch alles Menschenwerk.

Und warum sollen dann ein paar Mitarbeiter einer Abteilung nicht auch sie betreffende Neuigkeiten eher aus der Zeitung erfahren als auf dem Dienstweg? Selbstverständlich gehört an diese Stelle der flammende Aufruf an die Unternehmen, sich in Zukunft anders zu verhalten. Betrachten Sie ihn als geschrieben geändert hätte sich ohnehin wenig.

Wenn Sie mir einen Abstecher in private lebensphilosophische Erkenntnisse gestatten: Es scheint so, daß Menschen nicht allzuviel von den meisten anderen Menschen halten. Was sie wiederum nicht zugeben, was aber aus ihren Entscheidungen und aus ihrem Verhalten abzulesen ist.

Vielleicht aus diesem Grund ist der Stellenwert von Menschen innerhalb betrieblicher Organisationen in den Augen hochrangiger Entscheidungsträger nicht so hoch, wie er sein sollte. Ich will es so formulieren: In vielen Unternehmen heißt es, der Mensch stehe dort im Mittelpunkt. Ich finde diese Aussage sagen wir einmal sehr „mutig“.

Vor allem widerspricht sie dem grundsätzlichen Aufbau unseres Wirtschaftssystems. Dort steht im Mittelpunkt die Rendite. Menschen sind wichtig, ja unersetzlich, um diese Erträge erwirtschaften zu können. Aber direkt im Mittelpunkt aller Überlegungen stehen sie eher nicht. Und an der Stelle darf man durchaus „leider“ sagen.

Vergessen wir nicht und das richtet sich insbesondere an die jüngeren, noch unerfahrenen Leser, daß wir die Entscheidungsträger in diesem Wirtschaftsprozeß nicht aus dem Kreis einer geheimnisvollen Elite besetzen, sondern schlicht aus der uns allen bekannten „Masse Mensch“ auswählen. Und so sind sie dann ein Spiegelbild des Freundes- und Bekanntenkreises von jedem von uns: manche schwindeln ein bißchen, manche sind unzuverlässig, manche überfordert, manche launisch und unberechenbar. Wichtige Entscheidungen im Wirtschaftsprozeß werden wie im Privatleben beeinflußt dadurch, daß der Entscheidungsträger an diesem Morgen im Stau stand und maßlos verärgert ins Büro kam, einen anderen am Prozeß beteiligten Manager nicht ausstehen kann, derzeit Krach mit seinem Ehepartner hat, an Zahnschmerz leidet, sich Sorgen um seine eigene berufliche Existenz macht, den Namen eines Managers unter der Vorlage fand, der gerade „oben“ in Ungnade gefallen war, usw.

Und was die Information „aus der Zeitung“ angeht: Schon Mitte der sechziger Jahre konnte ich persönlich miterleben, wie das Top- und gehobene Management eines 30.000-Mitarbeiter-Konzerns die Berufung eines neuen Vorstandsvorsitzenden aus der Zeitung erfuhr. Er käme auch in jene Großstadt, hieß es da, weil sein Arzt ihm Luftveränderung verordnet hätte. Irgendwie hatten die betroffenen Manager damals schon den fatalen, demotivierenden Eindruck, man nähme sie ganz oben nicht so besonders wichtig. So wie es dem Einsender der ursprünglichen Frage dreißig Jahre später auch erging.

Zum „Chaos als Industriestandard“ als Ausblick: Ändern können wir nur etwas, wenn wir sicherstellen, daß zumindest in unserem ureigenen persönlichen Einflußbereich alles halbwegs optimal läuft. Aber nichts dagegen tun können wir, daß nahezu täglich von außen, von Vorgesetzten, Kunden, Kollegen das übliche Chaos an uns herangetragen wird.

Kurzantwort:

Das tägliche Arbeitsumfeld in der betrieblichen Praxis wird von Menschen auf verschiedenen Ebenen in verschiedenen Positionen entscheidend mitgestaltet. Die unabänderliche menschliche Unzulänglichkeit dieser prägenden Personen führt dazu, daß ein gewisses Maß an Chaos Teil des industriellen Arbeitsalltags ist. Auch jeder von uns trägt dazu bei.

Frage-Nr.: 1147
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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