Heiko Mell

Kanaldeckel mit heißem Herzen oder als kühler Profi?

Ihren Beitrag über Beruf und Hobby („Kanaldeckel“, Frage 1.130) nehme ich zum Anlaß, Ihnen zu sagen: Hier irren Sie.Ich bin Geschäftsführer. Vor vier Jahren hatten wir 2,5 Mitarbeiter und 2 bis 3 Mio. DM Umsatz. Jetzt machen wir etwa 10 Mio. DM und in drei Jahren werden wir zwischen 30 und 50 Mio. DM Umsatz machen.

Das alles wäre allein mit der von Ihnen geforderten Professionalität nicht zu machen gewesen. Die Anlagen unseres Unternehmens waren abgeschrieben (obwohl neuwertig), weil am Markt vorbei gebaut und weil keiner wußte, was er damit anfangen sollte. Hier waren Visionen erforderlich und Begeisterung und die Bereitschaft zu ununterbrochenem Engagement. Letzteres bringen viele Kollegen mit rein professionellem Ansatz auch, nur das zeitliche Engagement ist zwar notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung für die Gestaltung von Neuem.

Mein „Kanaldeckel“ ist die Schaffung von Kreisläufen anstelle linearer Prozesse, weil für mich naheliegend ist, daß so etwas sinnvoll sein muß. Dabei ist mir letztlich egal, wo sich etwas schließt. Ob bei den Raumfahrzeugen auf dem Weg zum Mars, die ich als Fünfzehnjähriger konstruieren wollte, bei der Wiederverwertung von Altpapier, über die ich meine Diplomarbeit geschrieben habe, oder auf meiner heutigen, mehr als 10 Hektar großen Spielwiese.

Ihren Vorschlag hingegen kann ich nicht ernst nehmen: Bei einer Trennung von Beruf und Hobby würde ich auf das Läuten der Feierabendglocken achten. Dabei kommen Beruf und Karriere letztlich zu kurz und die ganze Sache artet im Gegensatz zu heute in als unangenehm empfundenen Streß aus.

Mein Fazit: Mit kühler Professionalität kann man im Gefüge großer Konzerne das Vorhandene verwalten. Neues wird daraus allerdings nicht. Wer dagegen Neues schaffen will, muß ein Ziel, einen Traum pausenlos vor Augen haben und jede Gelegenheit nutzen, die ihn diesem Ziel näherbringt.

Ich würde mich freuen, wenn diese Gedanken dazu beitragen könnten, Ihre Position ggf. noch einmal etwas zu modifizieren denn ich glaube, wir brauchen zum Überleben unserer Gesellschaft für jeden industriellen Dinosaurier, der uns wegbricht, viele Visionen und Träume, um die entstehenden Lücken zu schließen.

Antwort:

Ein zentrales Thema, zweifelsohne. Damit uns jeder versteht, ein kurzer Rückblick auf den Anlaß: In jener Frage ging es um einen Berufsanfänger, der unbedingt in einem bestimmten Land arbeiten wollte. Ich riet generell davon ab, persönliche Vorlieben und Interessen für Produkte, Branchen und Regionen mit der beruflichen Tätigkeit zu verbinden.

Nie bezog ich meine Aussage auf die Tätigkeit selbst (nur eben auf Produkte, Branchen, Regionen). Daher schrieb ich: „Also gestaltet der AV-Fachmann Arbeitsabläufe und/oder -plätze, daß es eine Freude ist. Ob aber dort nun insgesamt ein Produkt herauskommt, dem seine ganze Leidenschaft gehört, ist dabei nicht relevant.

„Und ich riet, sich als Mensch seine Neigungen zu bewahren und ihnen nachzugehen in Urlaub und Freizeit, als Fachliteraturleser oder -autor etc. „Aber in Ausübung des Berufs sollte man eher der kühle Profi sein mit ganz fundiertem Fachwissen und -können, das man souverän einsetzt.

„Und als Beispiel wählte ich „Kanaldeckel“. Auch sie müssen wie viele andere Produkte produziert werden. Aber wenn gefordert würde, daß jeder Mitarbeiter sein Produkt liebt, in der Beschäftigung damit sein Hobby sieht, dann bleiben wir auf der Frage sitzen: Wer liebt schon Kanaldeckel? Oder WC-Sitze oder Normschrauben oder Kfz-Sonnenblenden oder Plastiktüten.

Und was für Produkte gilt, muß auch für Branchen gelten (für Regionen oder gar Städte gilt es unbedingt). Mir ist immer ein bisschen unwohl, wenn beispielsweise junge Leute sagen, sie möchten beruflich etwas „mit Umwelt“ machen.

Nun reden wir in diesen Beiträgen nicht vorrangig über Firmeninhaber, Vorstandsvorsitzer u. ä. Hingegen sprechen wir zumeist über Anfänger, Sachbearbeiter, Abteilungsleiter, Bereichschefs etc. Und die wiederum sind zu allererst abhängig beschäftigte Angestellte. Die u. a. darauf zu achten haben, daß der Beruf bzw. seine Ausübung sie nährt und kleidet, ihnen das Wohnen und andere Grundbedürfnisse sichert und ihnen erlaubt, die Familie mit Anstand durchzubringen.

Es geht also stets auch um die Existenzsicherung. Natürlich dann auch um Erfüllung, um Freude am Tun die Bedürfnispyramide hat nicht nur eine (breite) Basis, sondern auch eine (schmale) Spitze.

Und wenn ich ganz ehrlich sein soll: Ich weiß nicht, ob ich dem typischen Abteilungsleiter ernsthaft zu Visionen raten soll oder nicht doch lieber zu ausgeprägtem Professionalismus. Ich fürchte nämlich, die Gesellschaft (nicht die, der wir an allem die Schuld geben, sondern die im Sinne von Company) dankt ihm die Visionen nicht. Denn dazu geht sie viel zu rücksichtslos mit diesem Manager um.

Was nützen die Visionen, wenn ein Federstrich des Welt-Hauptquartiers die ganze deutsche Gesellschaft schließt (oder nach Portugal verlagert)? Oder wenn jener mittlere Manager den Chef verliert, mit dem er die Vision teilte und einen neuen Chef bekommt, der andere oder keine hat? Kann man Visionen, kann man die totale Hingabe in Beruf und Freizeit an eine Sache auf „Knopfdruck“ ändern? Weil beispielsweise eine neue geschäftspolitische Richtung verordnet wird, die das verwirft, was gestern noch heilig war (was stets außerhalb des Einflußbereiches unseres angestellten Managers liegt).

Und, die Antwort auf diese Frage sind Sie mir schuldig geblieben: Wer produziert meine Kanaldeckel? Oder wer produziert im östlichen Bayern oder im südlichen Westfalen? Nur der, der diese Produkte oder Region inniglich liebt? Oder doch jemand, der als Profi diese Aufgabe übernimmt und sehr gute Arbeit leistet, aber die Kanaldeckel nicht zum Hobby macht?

Nein, ich kann nicht … da fällt mir ein, daß das nicht klug ist. Die Leute mögen nicht, wenn man ihnen so deutlich widerspricht. Fange ich also anders an: Ja, ich gebe Ihnen recht. Jedenfalls insofern, als es absolut zu fordern ist, daß der Mensch an der Spitze der Gesellschaft(!) Visionen haben, ganz in seiner Position aufgehen, Hobby und Beruf vereinen sollte (das zusätzliche Golfspiel ist in diesen Positionen kein Hobby mehr, sondern Weiterführung der Berufstätigkeit mit anderen Mitteln oder medizinisch geboten).

Nein, da bin ich wieder bei dem eben gestrichenen Anfang, die Positionsinhaber unterhalb der Spitze fahren besser mit kühlem, von starkem Engagement geprägten Professionalismus. Von ihnen erwartet man so viel Flexibilität (im Hinblick auf Anpassung an neue Firmen, neue Branchen, neue Chefs, neue Regionen), da ist es schon besser, sie hängen ihr Herz an die Profession, nicht aber an das Produkt.

Wir sollten uns ohnehin einmal darüber unterhalten, was ich unter professioneller Einstellung zur Sache verstehe. In jener vorangegangenen Frage sprach ich über einen AV-Fachmann. Der sollte nach meiner Definition während der Arbeitszeit total auf AV-Arbeit ausgerichtet sein. Und er sollte alles tun, um in seinem Zuständigkeitsbereich die besten AV-Lösungen überhaupt zu erreichen oder doch wenigstens vorschlagen zu können (vergessen Sie nicht: Einführen darf er sie nicht, Geld ausgeben darf er nicht, Investitionen tätigen darf er schon gar nicht).

Dieser „Profi“ ist ähnlich total auf den AV-Job fixiert wie der Geschäftsführer, den Sie darstellen, auf seinen. Dabei geht das Engagement des Fachprofis nicht ganz so tief in die Freizeit hinein schließlich sind seine Verantwortung und sein Gehalt deutlich geringer.

Aber auch er liegt nachts wach und grübelt über ein betriebliches Problem nach bzw. denkt unter der Dusche an die nächste Projektsitzung, verbringt manchen Abend in der Firma und manchen Sonntag mit Fachliteratur.

Aber er hat eher keine Visionen, die Firma betreffend. Weil er damit nur Probleme bekäme entweder unter diesem Chef oder unter dem nächsten.Auch die Produkte seines Hauses berühren ihn nicht gar so sehr, sie sind eher Objekte seiner arbeitsvorbereitenden Fürsorge. Er ist eben ein typisches vom System so gewolltes Produkt einer arbeitsteiligen Welt. Die Betrachtung und Berücksichtigung aller unternehmensrelevanten Aspekte findet dann erst deutlich weiter oben statt.

Ich kann das kürzer sagen: Wenn sich mein AV-Spezialist auch noch aktiv Gedanken über den Aktienkurs der Gesellschaft, die aktuellen Rohstoffpreise oder die jüngste Marketingstrategie des Hauses machen soll, wird er verrückt.

Visionen und Träume in berufsrelevanter Form sind etwas für Unternehmer und Menschen in unternehmerischen Funktionen. Sie, geehrter Einsender, sind kraft Amtes einer. Mein AV-Fachmann kann, will und muß derzeit keiner sein. Für ihn reicht es, wenn das hier zufällig gegebene Produkt die beste aller denkbaren AV-Betreuungen und -Lösungen erfährt. Ob es aber richtig ist, dieses Produkt in dieser Form oder besser Kochtöpfe zu produzieren, ob die eigene Firma mit dem Wettbewerber fusionieren soll oder nicht, ist nicht sein „Bier“.

Es ist auch besser, wenn sein Herz an der AV, aber nicht an im Hause produzierten „Kanaldeckeln“ hängt. Feuert ihn diese Firma („wir verlagern nach Polen“), muß er aus Existenzgründen morgen die Produktion von Hundefutter oder Kugelschreibern steuern. Und da ist es gut, daß er nicht immer noch an den Kanaldeckeln hängt, die ihn „verstoßen“ haben.

Ich will an einem Beispiel verdeutlichen, was ich meine: Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit Fotografie, mehr mit den Geräten und Apparaten als mit den Bildern. Ich bin imstande, meine M3 von 1962 in die Hand zu nehmen und nur dem Ablauf des Verschlusses zu lauschen (andere dreschen abends einen kleinen gelben Ball über ein Netz hin und her, was also soll’s).

Aber ich sollte ganz bestimmt nicht in diesem Unternehmen oder sonstwo in der Branche als Manager arbeiten. Dann würde meine Vernarrtheit nur zu falschen Produktentscheidungen führen oder ich würde die richtigen torpedieren. Oder ich würde weinen, wenn ich Kunden einreden müßte, die modernen Plastikkästen seien richtige Fotoapparate, auch wenn sie Kunststofflinsen hätten und ein Blitzchen, das immer mitarbeitet, wenn es dunkel ist selbst wenn Tante Emma dann damit den Kölner Dom ausleuchten will. Nein, ich überlasse dieses marktwirtschaftlich notwendige(!) Tun den kühlen Profis. Ich mit meinem ans Produkt gehängten Herz hätte ein Unternehmen mit „hobbymäßig“ geliebten Produkten längst in die Pleite getrieben.

Einigen wir uns darauf, daß wir beide recht haben. Sie für Ihre Unternehmer-Seite und ich hier für meine Stamm-Klientel. Und auch für Sie habe ich noch eine bittere Pille: Sofern Ihnen der „Laden mit Spielwiese“ nicht gehört, können Sie gefeuert werden wie andere Angestellte auch. Dann müssen Sie sich blitzschnell auf ein anderes Unternehmen mit anderen Produkten umstellen und denen dort passende Visionen, Ziele, Träume entwickeln. Das ist auf Bestellung gar nicht so einfach.

Kurzantwort:

Es ist unbestreitbar, daß der Unternehmer an der Spitze der Gesellschaft sich durch totale Hingabe auch an sein Produkt, durch Visionen u. ä. auszeichnen muß. Es spricht aber viel dafür, daß der austauschbare(!) Angestellte bzw. Manager auf der Ebene darunter sein Hobby besser nicht zum Beruf macht (bezogen nicht auf die Tätigkeit, sondern auf Produkte, Branchen und Regionen).

Frage-Nr.: 1145
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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